Schrobenhausen: Von der Schwierigkeit des Seins
Die einfachsten Dinge können manchmal die schwersten sein - zumindest für Autisten. Shimon Dick (v.r.) und Sabine Kleitsch brauchen im Alltag jemanden wie Helmut Hirner, der ihnen zum Beispiel beim Abwaschen oder Kochen über die Schulter schaut. - Foto: Burgstaller
Schrobenhausen

Shimon Dick und Sabine Kleitsch wissen das. Sie sind Teil der betreuten Wohngruppe von Regens Wagner in der Bahnhofstraße 14. Beide leben seit ihrer Geburt mit dem Asperger-Syndrom - einer Form des Autismus, die es ihnen schwermacht, zwanglos sozial zu agieren, bildliche Sprache zu verstehen und Emotionen von Gesichtern abzulesen. "Allerdings ist der Autismus bei jedem anders ausgeprägt. Man kann nicht sagen, der Autist ist so oder so", warnt Helmut Hirner, Fachdienst für Autismus bei Regens Wagner Hohenwart, vor einer Verallgemeinerung.

Was er damit meint, wird gerade am Beispiel von Shimon und Sabine schnell klar. Er, Shimon, ist ruhig, aufmerksam, sitzt ganz lässig auf seinem Stuhl im Wohnzimmer einer der WGs im Haus. Sie, Sabine, ist aufgedreht, sie spricht laut und schnell, muss sich immer wieder bewegen. Shimon ist 26, Sabine 28 Jahre alt. Beide kommen aus der Nähe von Landshut. Mit ihnen wohnen sechs weitere Autisten im Haus. Sabine hat dort seit 2012 ein kleines Einzelappartement. Shimon wohnt seit Oktober in einer Zweier-WG.

Entgegen des gängigen Klischees lösen beide keine hoch komplizierten Gleichungen oder decken dank ihrer Brillanz Morde im Stundentakt auf. Dass Autisten immer geniale Einzelgänger sind, ist gewissermaßen eine Romantisierung der Krankheit, aufrechterhalten durch Filme wie "Rain Man" oder eben "The Accountant".

Richtig ist allerdings, dass sie oft besondere Fähigkeiten in einem Bereich, sogenannte Inselbegabungen, aufweisen. "Ich kann mir gut Sachen merken", sagt Sabine. "Genau, das kannst du. Besser als andere", bestätigt Hirner. Sabine lacht und streicht sich die rot gefärbten Haare hinter die Ohren. Der ruhige Shimon hat ein anderes Talent. Er spricht drei Sprachen, neben Deutsch kann er Slowakisch und Tschechisch. "Tschechisch habe ich mir selbst beigebracht", erzählt er stolz. Außerdem spielt er mehrere Instrumente. "Flöte, Gitarre und Schlagzeug", zählt er auf.

Im Gegenzug fällt Shimon und Sabine das schwer, was für andere, die vielleicht keine Gedächtniskünstler sind, das Leichteste der Welt ist: Mengen beim Kochen abschätzen, Vorgänge in der richtigen, sinnvollen Reihenfolge machen oder Kontakte aufbauen und halten beispielsweise. Um ihnen zu helfen, ist im Haus stets mindestens ein Assistent zur Stelle. Insgesamt begleiten drei Assistenten 13 Autisten, die neben dem Haus in der Bahnhofstraße in drei weiteren Wohngruppen leben. Dass sie im Alltag auf Hilfe angewiesen sind, das wissen natürlich alle von ihnen. "Ich merke, dass ich anders bin", sagt Sabine. Jetzt lacht sie nicht mehr. "Oft nehme ich Sachen sehr ernst und bin dann schnell traurig, wenn mich jemand blöd anredet", sagt sie. Schnell zeigt sich hier, welchen inneren Kampf die Autisten täglich führen müssen - akzeptieren, dass sie anders sind und dass das immer so bleiben wird. Sabine sagt, sie wisse ja, dass sie sich nicht alles gleich so zu Herzen nehmen dürfe. "Aber das gelingt mir nicht immer." Der Gedanke beunruhigt sie. "Sabinchen, das darfst du nicht", sagt sie zu sich selbst und springt auf und hüpft im Zimmer auf und ab.

Shimon beeindruckt das wenig. "Ich fühle mich nicht so unnormal", sagt er. Im Grunde fühle er sich ganz wohl in seiner Haut. Tatsächlich würde man es ihm im ersten Moment nicht anmerken, dass er mit einer Krankheit lebt. Er wirkt freundlich, aufgeschlossen und doch etwas zurückhaltend. "Ich hab auch einen Haufen Freunde", sagt er dann. Helmut Hirner erklärt: "Das ist natürlich so eine Wahrnehmungssache. Was für ihn ein Freund ist, wäre für die meisten wahrscheinlich eher ein Bekannter. Richtige Freundschaften sind für die meisten hier nicht haltbar." Das läge auch daran, dass Autisten im Alltag am besten klarkämen, wenn sie einen geregelten Tagesablauf haben: Feste Zeiten für die immer wieder selben Dinge, wie etwa essen, duschen, arbeiten. Auf alles Außerplanmäßige müssen die Assistenten sie vorbereiten. "Da ist es natürlich schwer, sich in eine Clique zu integrieren und den Wünschen anderer anzupassen", so Hirner.

Der Wunsch nach Abwechslung ist Autisten aber trotzdem nicht fremd. "Ich gehe gerne in die Disco", sagt Sabine. Sie hat sich wieder beruhigt und dieses Thema gefällt ihr sichtlich. "Ich trinke auch gerne Cocktails", schiebt sie grinsend hinterher. Tatsächlich verabreden sich die Bewohner des Hauses in der Bahnhofstraße von Zeit zu Zeit zu gemeinsamen Ausflügen. Im Hausflur hat ein Bewohner eine Liste aufgehängt. Er lädt zum Ausgehen in den Moospark ein. Wer mitwolle, könne sich eintragen. Sabines Name steht in dicken schwarzen Lettern natürlich schon drauf. Möglich sei fast alles, nur angekündigt müsse es eben sein.

Finanziert werden solche und andere Freizeitaktivitäten übrigens von den Bewohnern selbst. Weil die meisten von ihnen wie Shimon keiner normalen Tätigkeit nachgehen können, erhalten sie neben einem monatlichen Festbetrag für Verpflegung - Süßigkeiten gehören nicht dazu - und Klamotten. Dazu kommen knapp über 100 Euro Taschengeld vom Sozialhilfeträger. Das darf beliebig ausgegeben werden. "Ich, ich steh auf Parfüm und auf Weichspüler", sagt Sabine lachend. Shimon kauft sich gerne Bücher oder geht auf Konzerte. "Blöd nur, dass die guten Konzerte alle so teuer sind", sagt er. Zu Weihnachten würde er sich deshalb auch Konzertkarten wünschen, die für ihn sonst nicht bezahlbar sind. "Queens Of The Stone Age, Foo Fighters oder Perl Jam", zählt er mit leuchtenden Augen auf. "Ich wünsche mir einfach mehr Geld", sagt Sabine. Zwar hilft sie in zwei Schulkantinen mit, mehr Geld hat sie aber trotzdem nicht. Und es gebe da eine ganze Menge von Sachen, die sie noch gebrauchen könne. Einen neuen Fernseher zum Beispiel. "Meiner ist schon alt", sagt sie. Der Fernseher sei für sie deshalb so wichtig, damit sie täglich ihre Lieblingssendungen "Köln 50667" und "Berlin Tag & Nacht" schauen könne - Teil ihrer täglichen Routine.

"Das Taschengeld ist für die Bewohner die einzige Möglichkeit, zumindest teilweise am normalen, sozialen Leben teilzunehmen", sagt Hirner. "Leider kommt man mit 100 Euro nicht unbedingt weit."

Zum Abschied schickt Shimon Hirner ein cooles "Tschau" hinterher, Sabine drückt ihn fest. "Eine Umarmung tut gut", sagt sie. Mit den Autisten aus den Filmen haben diese beiden wirklich nicht viel gemeinsam. Sie sind keine abgeklärten Einzelgänger, sondern Menschen mit ganz normalen Wünschen und Bedürfnissen.