Schrobenhausen: "Die Peiniger sind sich nicht bewusst, was sie anrichten"
Mobbing kann Menschen zerstören. Ein Drittel aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren hat bereits mit Mobbing zu tun gehabt. - Foto: Thinkstock
Schrobenhausen

Es fallen Beleidigungen, unschöne Worte. Wer sich nicht beteiligt, kann nur hilflos zusehen. Eingreifen? Schwer. Auch Amanda Todd hat so etwas in der Art erlebt. Ihr Fall wurde 2012 bekannt, nachdem sie sich das Leben genommen hat, weil sie mit einem Nacktfoto, das sie einem fremden Mann geschickt hatte, immer wieder gemobbt wurde. Die Folge waren zahlreiche Schulwechsel und eine immer depressivere Schülerin mit Suizidgedanken.

Bestimmt war jeder schon selbst dabei, als jemand von Mitschülern gemobbt wurde. Vielleicht hat man es sogar selbst erleben müssen. Wer jemals in einer solchen Situation dabei war, weiß, dass es nicht so einfach ist einzugreifen. Das Gefühl ist nicht schön. Zu wissen, dass das was da passiert nicht okay ist und trotzdem reglos zu verharren. Mobbing ist real, Mobbing ist seit Jahren ein Thema, das Eltern, Lehrer und Schüler beschäftigt. Was aber ist Mobbing eigentlich und wie kann man dagegen vorgehen?

Unter Mobbing versteht man Handlungen, die ein oder mehrere Täter auf ihr Opfer ausüben, um es auszugrenzen oder zu demütigen. "Aber Vorsicht mit dem Umgang des Begriffs Mobbing, er wird schnell umgangssprachlich für jede Form des Triezens verwendet", erklärt Corina Koch, Schulpsychologin an der FOS/BOS Scheyern. Die Motive der Täter könnten dabei recht banal sein, etwa Langeweile oder Spaß. Nahezu ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren haben bereits einmal mit Mobbing zu tun gehabt.

Von Mobbing sei die Rede, wenn eine Ungleichheit der Kräfte herrsche, wenn die Opfer über einen längeren Zeitraum geärgert werden, wenn der Betroffene sich nicht wehren könne oder wenn mehrere gegen einen vorgehen. "Mobbing tritt nicht nur bei Kindern und Jugendlichen auf, es ist ein gesellschaftliches Phänomen, das in allen Altersklassen und Schichten auftreten kann", erklärt Koch.

Zudem hat sich Mobbing in den vergangenen Jahren verändert, hat sich mit dem technischen Fortschritt mitentwickelt. Man spricht vom sogenannten Cybermobbing. Darunter versteht man das Beleidigen, Bloßstellen und Belästigen mit Hilfe der sozialen Netzwerke. "Der Unterschied zwischen Mobbing und Cybermobbing liegt darin, dass das Cybermobbing auch noch nach der Schule weitergeht. Es ist meistens noch viel schlimmer, da es den Betroffenen überall verfolgt", erklärt Koch. Schon jeder dritte Jugendliche wurde im Internet einmal beleidigt. Und auch die Zahlen steigen stetig an, da Kinder immer noch früher mit dem Internet in Berührung kommen - Stichwort Digitalisierung. "Dazu hat der Täter auch den Vorteil, dass er anonym im Netz unterwegs ist. Er kann dadurch alles noch viel schneller verbreiten", so Koch. Für das Mobbingopfer können solche Gerüchte und Bloßstellung ziemlich verletzend sein.

Das Mobbing ist dann am höchsten Punkt beim Betroffenen angelangt, wenn es Spuren im Menschen hinterlässt, die im schlimmsten Falle ein Leben lang an einem haften. "Die Peiniger sind sich nicht bewusst, was sie mit ihren Sticheleien anrichten", sagt Koch. Sie wollen wahrscheinlich im Moment des Geschehens nur bei ihren Freunden cool rüberkommen. Auch der Gruppenzwang durch die eigenen Freunde treibt Jugendliche dazu mitzumobben, obwohl sie das gar nicht so möchten. "Doch so richtiges Mobbing kommt gar nicht so oft vor, wie man meint", weiß die Schulpsychologin und ergänzt, "ein tolles Schulklima wirkt am besten dagegen."

Grundsätzlich dürfen sich die Opfer nicht einschüchtern lassen, sie müssen stark bleiben und sich dagegen wehren, dann gibt man den Peinigern zu spüren, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Falls man selbst nicht mehr zurechtkommt, kann man sich an eine Vertrauensperson an der Schule wenden, empfiehlt Corina Koch: "Die meisten Betroffenen wenden sich nur zum Teil an uns, wenn dann mehr die Älteren als die Jüngeren. Auch aufmerksame Lehrer können wichtige Beobachtungen liefern, zum Beispiel wenn man mitbekommt, dass einer nicht neben dem anderen sitzen oder nicht zusammenarbeiten möchte."

Dagegen helfen nur Gespräche, die dem Täter die Grenzen aufzeigen und man ihm klar mache, dass Mobbing an der Schule nicht geduldet werde. Dabei werden Gespräche mit Täter und Opfer getrennt voneinander geführt. Auch die Unterstützung von Unbeteiligten könne in solchen Fällen zur Aufklärung führen.

Hin und wieder sind Schulwechsel der letzte Ausweg, um dem Opfer zu helfen. Schulpsychologin Koch meint dazu: "Schulwechsel sollen wirklich die allerletzte Maßnahme sein, doch wenn, sollte der Täter gehen, wobei es zum Teil für die Betroffenen einfacher ist, selbst woanders neu zu starten."

Damit es gar nicht erst so weit kommt, hier ein Aufruf an alle Jugendlichen: Es gibt keinen Grund, andere Mitschüler zu mobben, versetzt euch in die Lage, wenn ihr das Opfer wärt. Würdet ihr das wollen? Diese Frage kann nur verneint werden. Koch stellt klar, dass Zivilcourage nie verkehrt sei, doch gleichzeitig solle auch schon in jungen Jahren mit der Medienerziehung begonnen werden.