Mittwoch, 30.05.2012 |

 

08.02.2012 18:16 Uhr | 163x gelesen
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"Alzheimer ist nicht harmlos"


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Schrobenhausen (SZ) Das Schicksal Rudi Assauer bewegt zurzeit viele Menschen, die die Karriere des Fußballurgesteins verfolgt haben. Dienstagabend lief im ZDF eine Doku, die Fragen aufwirft. Fragen, die der Schrobenhausener Alzheimer-Experte Georg Mahl beantworten kann.


Schrobenhausen: "Alzheimer ist nicht harmlos"
Beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Alzheimer: der Schrobenhausener Arzt Georg Mahl. Er hat eine Studie aufgelegt, die mittlerweile international in Medizinerkreisen auf Beachtung stößt. Den Fall Assauer hat er natürlich genau verfolgt - Foto: Petry
Dr. Mahl, was war Ihre Motivation, sich mit dem Thema Alzheimer auseinander zu setzen?

Georg Mahl: Ich kam an den Punkt, dass mir bewusst wurde: Ich kann mir nicht mehr so viel merken wie früher. Natürlich wollte ich wissen, ob ich vielleicht ein Demenz-Kandidat bin. Und weil ich keine halben Sachen mache, habe ich in Erlangen eine Kurzausbildung zum Alzheimerarzt gemacht. Es stellte sich sehr schnell heraus: Bei mir ist das kein Alzheimer. In Erlangen habe ich dann erfahren, dass man dort Psychogerontologie berufsbegleitend studieren kann – das habe ich gemacht.

 

Das hat man im Film auch gesehen: Assauer fielen Namen von Spielern nicht mehr ein, die er einmal verpflichtet hatte. Dass einem mal ein Name nicht einfällt, ist jedem schon mal passiert.

Mahl: Ja. Es gibt eine ganz normale Altersvergesslichkeit. Das muss keine beginnende Demenz sein.

 

Und den Unterschied kann man feststellen?

Mahl: Es gibt eine einzige Methode, um das frühzeitig festzustellen, und das ist das Lernblatt, das ich entwickelt habe. Es ist so, dass Sie damit eine Schädigung schon 15 Jahre vorher feststellen können.

 

Wirklich? Die einzige Methode weltweit?

Mahl: Ja. Bisher konnte man die Diagnose immer erst ein, zwei Jahre vorher stellen. Und an diesem Punkt kann man die Demenz nicht mehr aufhalten.

 

Im Film hat man Assauer mit Freunden und Kollegen von früher konfrontiert, um Erinnerungen an alte Zeiten wieder herzustellen . . .

Mahl: Das funktioniert überhaupt nicht. Was funktioniert, ist, dass man mit dem Patienten über die Dinge zu sprechen beginnt, die er noch sicher weiß. Das ist interessanterweise die Phase der Einschulung. Es gibt aus dieser Zeit ein sehr starkes emotionales Empfinden. Viele – auch schwerst Demenzkranke – wissen noch im Alter, wie der Schulweg war, oder erinnern sich an den Namen des ersten Lehrers. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt im Erinnern, da bricht es ab.

 

Herr Assauer sollte eine Uhr aufmalen und konnte die Zeiten nicht mehr zuordnen. Andererseits begrüßte er Bekannte mit Namen. Wie geht das zusammen?

Mahl: Das Heimtückische an der Krankheit ist: Der Patient kann auf Außenstehende den Eindruck erwecken, er wäre völlig normal. Und am nächsten Tag ist er völlig durcheinander. Um das zu erkennen, muss man die Patienten kontinuierlich begleiten. Bei meiner mahlrep-Methode fragen Sie den Patienten kontinuierlich ab. Wann hat er sein Haus gebaut, wann ist sein Enkel geboren? Es kommt der Zeitpunkt, da weiß er das nicht mehr.

Assauer fiel dann auch der Name der Tochter nicht mehr ein.

Mahl: Ja, das passiert. Man vergisst Geburtstage, Namen der Enkelkinder. Aber den Menschen erkennt er noch.

 

Und das hört irgendwann auch auf?

Mahl: Ja, aber bei Nahestehenden ist das schon ein sehr später Zeitpunkt. Assauer hat ja – noch – eine sehr frühe Form von Alzheimer. Alzheimer bedeutet ganz hart gesagt, das jemand seine Notdurft überall in der Wohnung verrichtet, weil er nicht mehr weiß, dass es eine Toilette gibt. Trotzdem können Sie mit so jemandem noch kommunizieren.

 

Also übers TV-Programm oder übers Wetter reden?

Mahl: Eher nicht, eher über Vergangenheit – wo er in die Schule gegangen ist. Die Patienten erzählen dann, was sie freut und was sie ängstigt. Das sollte man sich notieren, und diese Themen, die ängstigen, künftig aussparen. Ich habe eine Patientin, deren Familie im Krieg ermordet worden ist. Das ängstigt sie, darüber darf man mit ihr auf keinen Fall sprechen. Dass sie damals auf einem Bauernhof lebte, ein eigenes Pony hatte, weiß sie, und es das ist schön für sie, darüber kann man gut mit ihr reden. Sie weiß auch, wie ihr Lehrer hieß, wo der Schulausflug hinging.

 

Weiß sie denn mittags noch, was sie morgens gefrühstückt hat?

Mahl: Das weiß sie natürlich nicht. Aber das wissen die meisten Menschen nicht, wenn man nicht gerade sehr bewusst frühstückt. Oder wissen Sie, was Sie letzten Montagmorgen gefrühstückt haben?

 

Keine Ahnung.

Mahl: Die meisten Menschen essen nicht bewusst. Das hat mit Demenz gar nichts zu tun. Das eigentliche Problem an Alzheimer ist, dass die Krankheit verharmlost wird. Da kommt dann immer dieser Witz, dass der Arzt zum Patienten sagt: Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte: Sie haben Alzheimer. Die Gute: Wenn Sie zur Tür hinausgehen, wissen Sie das nicht mehr. Verstehen Sie? Alzheimer wird verharmlost. Die Wahrheit ist: Wer einmal einen Tag pflegerisch in einer geschlossenen Abteilung tätig war, der weiß wie schrecklich, wie furchtbar Alzheimer ist. Es ist nicht harmlos. Es ist nicht heilbar. Um es aufzuhalten gibt es nur eines: etwas Neues lernen.

 

Herr Assauer löst Kreuzworträtsel.

Mahl: Das bringt nichts. Kreuzworträtsel und Schachspielen, das hält einen ein wenig fit, aber das ist auch alles. Schauen Sie, ich mache das seit 2005. Ich habe bisher 7000 Menschen erreicht, im Endeffekt haben 250 das Lernprogramm gemacht. Nicht mehr. Aber lernen ist das bisher Einzige, was vor Alzheimer schützt. Sie müssen etwas Neues lernen, eine Sprache zum Beispiel, oder wie Schauspieler eine Rolle. Aber das ist anstrengend. Deshalb machen es die meisten nicht.

 


Von Mathias Petry

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