Pfaffenhofen: "Rassismus ist in uns"
Frederike Gerstner ist Pfaffenhofens neue Integrationsbeauftragte. Die Stadt schuf die Stelle unter anderem wegen der steigenden Flüchtlingszahlen. - Foto: Brenner
Pfaffenhofen

 

Frau Gerstner, Sie leben ja selbst in einer Integrationsfamilie...

Frederike Gerstner: Das stimmt. Mein Mann kommt aus Kalifornien, mein Schwager aus der Türkei, mein Bruder heiratete eine Französin. Da wird am Tisch Türkisch, Arabisch, Englisch und Französisch gesprochen.

 

Aus Ihrer Erfahrung: Was ist der Schlüssel zur Integration?

Gerstner: Wir streiten und diskutieren auch mal. Es ist wichtig, Irritationen zuzulassen und Widersprüche auszuhalten. Es ist in Ordnung, wenn man sich mal nicht einig ist.

 

Das gilt sicher auch in der Flüchtlingsarbeit. Welche Erfahrungen haben Sie da?

Gerstner: In Mannheim war ich Flüchtlingshelferin. Dort bin ich Patentante eines nigerianischen Mädchens geworden.

 

Wie ist das gekommen?

Gerstner: Ich habe mich mit einer der schwangeren Frauen in der Unterkunft sehr gut verstanden und sie auch im Kreißsaal besucht. Wir sind Freundinnen. Die kleine Precious ist inzwischen einige Monate alt. Ich will sie auch weiter unterstützen und begleiten.

 

Vor diesem Hintergrund war es wahrscheinlich ein Schock, als Sie den Panzer mit der Aufschrift "Ilmtaler Asylabwehr" beim Gaudiwurm in Reichertshausen in den Medien sahen?

Gerstner: Dazu möchte ich eigentlich nur eines sagen: Wir leben und handeln in Symbolen und Symbole sind sehr wirkmächtig. Deshalb sollten wir damit auch sehr vorsichtig sein. Der Panzer ist ein aggressives Symbol.

 

Sie haben eine Dissertation zum Thema Rassismus geschrieben. Was genau ist Rassismus?

Gerstner: Rassismus ist in uns. Er wurde uns vor langer Zeit beigebracht, als die Generationen vor uns anfingen, Menschen in "Rassen" einzuteilen. Während der Kolonialzeit wurden Menschen anhand ihrer Hautfarbe kategorisiert und hierarchisiert. Dabei zeigt die Lebenswirklichkeit eine unendliche Variation an Hautfarben. Das System der Hautfarben ist also ein Konstrukt, trotzdem haben wir es zum Beispiel in der Sprache von unseren Vorfahren gelernt.

 

Zum Beispiel?

Gerstner: Ich werde das Wort nicht aussprechen, um das Wiederholen von Rassismen zu verhindern. Aber das N-Wort ist ein gutes Beispiel, das immer noch gebraucht wird, obwohl Menschen mit schwarzer Hautfarbe es als beleidigend und diskriminierend empfinden. Es bewirkt, dass wir den anderen aufgrund seiner Hautfarbe abspalten. Uns selbst tut es auch nicht gut, weil wir uns dabei von unseren Mitmenschen abspalten. Dabei ist es wirklich nicht schwer, dieses Wort zu meiden.

 

Ist Rassismus eigentlich ein besonderes Problem des Ländlichen?

Gerstner: Es ist schwieriger, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, wenn man ihnen nicht ständig begegnet. Denn nur so können wir lernen, den Rassismus zu überwinden. Deshalb reise ich auch viel in andere Länder. Grundsätzlich ist aber auch eine Metropole wie Berlin nicht vor Rassismus gefeilt.

 

Die kulturellen Unterschiede zwischen Flüchtlingen und Einheimischen können zu Problemen führen. Verstehen Sie Menschen, die davor Angst haben?

Gerstner: Ja, natürlich. Aber die Debatte um die Geflüchteten ist auch eine Chance, uns der Realität zu stellen: Deutschland ist längst ein Migrationsland. Jetzt können wir alte Denkmuster aufbrechen.

 

In vielen muslimischen Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, gibt es keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Ist das nicht eine Gefahr?

Gerstner: Ich bin froh, dass nach den sexuellen Übergriffen in Köln und andernorts endlich über das Thema Sexismus gesprochen wird. Den gibt es nämlich schon länger. Ich will das Problem auch hier angehen und zum Beispiel Dialogveranstaltungen organisieren, zum Thema Diskriminierung und Vorurteil im Allgemeinen und eben auch über Sexismus. Da ist es dann vor allem auch wichtig, dass auch möglichst viele Männer dabei sind.

 

Was raten Sie Frauen?

Gerstner: Sie sollen lernen, für sich aufzustehen, Selbstverteidigungskurse besuchen. Frauen sollen Stopp sagen, wenn sie sich bedroht fühlen, die Stimme erheben. Aber wir müssen auch Männer und Jungen dazu erziehen, dass sie ein Bewusstsein für die Ängste der Frauen entwickeln. Wenn etwa eine Frau nachts allein im Industriegebiet läuft, sollte ein Mann nicht hinter ihr laufen, sondern die Straßenseite wechseln.

 

Sie meinen also, ein Mann sollte grundsätzlich davon ausgehen, dass eine Frau sich von ihm bedroht fühlt, wenn er nachts hinter ihr auf der Straße läuft?

Gerstner: Ich würde mir einfach wünschen, dass ein Mann damit rechnet, dass eine Frau sich in solch einer Situation bedroht fühlen könnte.

 

Welche Projekte werden Sie in nächster Zeit umsetzen?

Gerstner: Zum einen werde ich anerkannte Geflüchtete in Arbeit oder Ausbildungsplätze vermitteln. Dann plane ich interessante Projekte: Es wird Patenschaften zwischen Senioren und Geflüchteten sowie zwischen einheimischen und geflüchteten Eltern in den Kindertagesstätten geben.