Früher: Der Unternehmer 3.0
Die Anforderungen an Unternehmen sind gestiegen. Ohne Internetauftritt sieht es schlecht aus für die, die sich längerfristig erfolgreich am Markt behaupten wollen. Wer die Digitalisierung als Unternehmer nicht verteufelt, sondern sich zunutze macht, handelt zeitgemäß. Rob Nikowitsch (unten) hat schon mehrere Start-ups gegründet und ist heute Unternehmer mit 250 Angestellten. - Fotos: Trnd, Thinkstock
Früher

Früher stand die Zukunft noch in den Sternen, heute steht sie im Internet - hier werden Trends gemacht, getestet und verbreitet. Rob Nikowitsch (46) hat das schon früh erkannt. 2005 hat er das Start-up Trnd gegründet und damit Produktmarketing auf eine neue Ebene gehoben. Seither ist sein Unternehmen stetig gewachsen und agiert heute längst international: Mit über 250 Mitarbeitern ist das Unternehmen mittlerweile in 19 Ländern tätig. Die Idee ist simpel, aber doch genial: Verbraucher melden sich auf der Plattform an und bekommen die Möglichkeit, die neuesten Produkte auf dem Markt kostenlos zu testen. Das kann alles Mögliche sein, vom Smartphone bis zum Kaugummi oder einem neuen Haargel. Im Gegenzug profitieren die Firmen davon, dass die Tester ihnen Feedback geben und ihrem Umfeld davon erzählen. Mundpropaganda-Agentur nennt Nikowitsch, der mittlerweile in München lebt, seine Firma deshalb auch. Und das funktioniert. Zu seinen Kunden gehören sämtliche Global Player dieser Welt wie etwa Dyson, Dr. Oetker, Nivea und Garnier, um nur einige zu nennen.
 

Herr Nikowitsch, Ihr Konzept klingt ganz so, als würde dabei jeder Beteiligte nur gewinnen. Kann das wirklich sein?

Rob Nikowitsch: Bisher funktioniert das ganz gut. Der Geschäftskunde bekommt ehrliche Werbung für seine Produkte und lernt die Verbraucher besser kennen. Er erfährt direkt vom Verbraucher, was sich an seinen Produkten vielleicht noch verbessern lässt. Und die Verbraucher auf der anderen Seite profitieren davon, dass langfristig die Produkte besser werden, dass sie bei ihren Lieblingsprodukten mitreden dürfen und dass sie öfter mal Produkte kostenlos zum Ausprobieren erhalten.

 

Und das alles funktioniert rein virtuell, ohne dass sich Produktanbieter und Konsument je begegnen?

Nikowitsch: Genau. Die Begegnung findet nur im Internet statt. Das Positive an der Digitalisierung ist ja, dass sie uns alle unabhängig vom Ort macht und der Menschheit hilft, über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Bei Trnd werden die Grenzen von Produzent und Konsument aufgelöst. Innovationen werden mehr und mehr in Zusammenarbeit entwickelt.

 

Aber wenn der Ort mittlerweile keine Rolle mehr spielt, wieso ist Ihr Firmenhauptsitz dann in München und nicht in Schrobenhausen, wo Sie aufgewachsen sind?

Nikowitsch: Heute könnte man ein weltweites Technologieunternehmen wohl wirklich von Schrobenhausen aus dem Wohnzimmer heraus starten. Damit ließen sich lokale Arbeitsplätze schaffen, während man einen weltweiten Absatzmarkt nutzt. Als ich mit meinen ersten Start-ups begonnen habe, das war 1990 gleich nach dem Abitur in Schrobenhausen, war die Digitalisierung allerdings noch nicht so weit. Da musste man zumindest nach München. Aber immerhin: In unserem Münchner Büro sind die Meetingräume nach Städtenamen benannt. Und da haben wir neben dem Raum Barcelona auch den Raum Schrobenhausen. (lacht)

 

Sie sehen in der Digitalisierung vor allem Chancen. Branchen wie der Einzelhandel zum Beispiel sehen darin eine Bedrohung ihrer Existenz. Wie schätzen Sie als Experte die Lage ein?

Nikowitsch: Ich bin definitiv der Meinung, dass die Digitalisierung lokale Standorte stärkt. Dazu muss die Qualität dieser Läden allerdings richtig gut sein und als Kunde muss ich einen Mehrwert gegenüber der Bestellung im Internet bekommen. Der Einzelhandel konnte in der Vergangenheit nahezu machen, was er wollte, der Kunde musste schließlich irgendwo kaufen. Das ist jetzt vorbei. Jetzt haben die Einzelhändler zum ersten Mal richtigen Wettbewerb und das ist gut für uns Kunden, weil damit langfristig die Qualität unserer lokalen Läden immer besser wird.

 

Wie das?

Nikowitsch: Ein kleines Beispiel: Ich suchte Laufschuhe und wollte diese in einem kleinen Sportladen um die Ecke kaufen. Der Verkäufer hatte jedoch von Laufschuhen keine Ahnung und war eher daran interessiert, das teuerste Schuhmodell zu verkaufen. So wie früher halt. Solche Läden werden gegen Amazon und Co keinen Bestand haben - und das finde ich auch nur verständlich. Es geht aber auch anders.

 

Wie denn?

Nikowitsch: Zum Beispiel so: Ich geh' gern surfen. Im vergangenen Herbst suchte ich einen Neoprenanzug, mit dem man auch im Winter noch auf den See raus kann. Über diesen Anzug hatte ich im Internet bereits recherchiert und war kurz davor, zu bestellen. Dann bin ich aber doch nochmal bei einem kleinen Surfladen vorbeigefahren. Die beiden Betreiber - Surfer mit Herz und Seele - haben eine Website, über die man sie online finden kann. Und siehe da: Die Ladeninhaber hatten einen besseren Tipp und einen besseren Anzug für mich. Den Laden habe ich mittlerweile auch schon vielen weiterempfohlen.

 

Der moderne Einzelhändler sollte also online sein, aber trotzdem nicht die Macht einer guten Beratung im Laden unterschätzen?

Nikowitsch: Wichtig ist, dass ich über Google finde, dass es den Laden gibt, was der Laden macht und wann er aufhat. Einen teuren Onlineshop braucht es gar nicht. Dann kann mir ein Laden bieten, was Amazon und Co niemals bieten können werden: persönlichen Kontakt mit echten Menschen und ein Erlebnis, wenn ich im Laden bin und zum Beispiel mit den Surfprofis reden kann.

 

Was glauben Sie, wird in Zukunft noch wichtiger werden, wenn man erfolgreicher Unternehmer sein will?

Nikowitsch: Das sind gleich mehrere Sachen. Gut Englisch zu sprechen gehört absolut dazu. Die Digitalisierung und die Globalisierung machen das unverzichtbar. Denn die globale Businesssprache ist eben Englisch. Wenn ich - egal von wo aus - ein internationales Geschäft aufbauen will, muss ich gut Englisch können. Ich finde, dass wir in den Schulen früher und besser Englisch lernen sollten. Ich habe leider in meiner Schulzeit viele Jahre mit unnützem Detailwissen verschwendet - zum Beispiel in Latein und Chemie. Grundlagen zu lernen ist sicherlich wichtig - aber die Bildung sollte breiter sein und einem beibringen, wo und wie ich selbst tiefer einsteigen kann, wenn ich es brauche.

 

Welche Bildungsangebote sollten Schulen also noch bieten?

Nikowitsch: Unterricht in Unternehmertum zum Beispiel. Ich habe erst mit Ende 20 verstanden, dass ich mit Herz und Seele ein Unternehmertyp bin. In der Schule wird viel zu wenig vermittelt, dass es nicht nur den Weg gibt, sich nach der Ausbildung einen Job zu suchen, sondern auch den Weg, sich seinen Job eben selbst zu schaffen. Und vielleicht die Ausbildung gleich mit. Wir brauchen mehr Start-ups, mehr Unternehmertum. Das kann bereits in der Schule vermittelt werden.

 

Aber würde das nicht auch erfordern, den Umgang mit den Neuen Medien ebenfalls in der Schule zu lernen?

Nikowitsch: Unbedingt. In meiner Generation waren Computer noch graue Kisten, die man zu Hause an den Fernseher angeschlossen hat. Und dann hat man tagelang rumgetippt, bis man simple Spielchen wie Tic Tac Toe selbst programmiert hatte. Ohne zu lernen, wie Software und Hardware funktionieren, hatte man damals keinen Spaß. Heutzutage denken viele, sie wären gut fürs digitale Zeitalter vorbereitet, wenn sie Apps auf ihrem Smartphone installieren können. Wenn man ein wenig mehr Software- und Hardware-Grundlagen lernen würde, fände ich das hilfreich.

 

In Deutschland gibt es weitaus weniger Start-ups als etwa in den USA. Und in den vergangenen Jahren ist die Gründerrate in Deutschland sogar noch zurückgegangen. Warum ist das so?

Nikowitsch: Das Problem hierzulande ist meist, dass junge Unternehmer erstmal alleine dastehen und alle Fehler machen, die man als Start-up eben so macht - einfach weil sie zwar Mathe und Bio gelernt haben, aber das Unterrichtsfach "Unternehmer" nie gehabt haben. Und weil sie hierzulande auch nicht auf einfachem Weg finanzielle Unterstützung von Staat, Land, Banken oder privaten Investoren erhalten. Wenn wir wirklich mehr Start-ups in Bayern haben wollen, dann brauchen wir auch mehr Unterstützung für die Gründer.

 

Wer hat Ihnen damals geholfen?

Nikowitsch: Als ich begonnen habe, gab es noch nicht mal das Wort "Start-up". Insofern haben meine ersten Gründungen auch weder Banken noch Investoren interessiert. Was für mich vielleicht aber auch ganz gut war. Damit konnte ich langsam lernen, was Unternehmertum eigentlich bedeutet und worauf es ankommt.

 

Was würden Sie denn jemandem raten, der eine Idee hat und ein Start-up gründen will?

Nikowitsch: Das Wichtigste, finde ich, ist, so schlank und günstig wie möglich zu starten, und die Idee so schnell wie möglich am Markt - also mit echten Kunden - auszuprobieren. Viele Start-ups scheitern daran, dass sie zu viel Zeit und Geld verbrauchen, ehe sie am Markt erfahren, dass die Idee nicht funktioniert. Und die erste Idee funktioniert meistens nicht, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Meistens muss man die Idee ein paarmal hin- und herdrehen, bis ein richtiges Business draus wird. Wenn man dann schon zu viel Zeit und Geld verpulvert hat, hält man vielleicht nicht lange genug durch.

 

Der wichtigste Rat?

Nikowitsch: So improvisiert, so günstig und so einfach wie möglich starten. Wenn's dann mal läuft, dann kann man alles schön und stabil machen. Und der zweite Rat ist: Dranbleiben, auch wenn's mal nicht läuft. Auch ich habe schon ein paar meiner Firmen in den Sand gesetzt. Dann heißt es: Aus der Erfahrung lernen und weitermachen.