Das Schrobenhausener Rathaus – architektonisch hat es einiges zu bieten, darauf weist das Landesamt für Denkmalpflege mit Nachdruck hin. Aber es stehen auch andere Interessen im Raum.
Petry
Schrobenhausen

DER VERDACHT

War das ein politisch motivierter Schritt? Hatte da jemand hinter den Kulissen Fäden gezogen? Dieser Verdacht steht in der Stadt durchaus im Raum. Seit 2009 wird über die Zukunft des Schrobenhausener Rathauses diskutiert – und jetzt das! Derjenige, der dazu am besten etwas sagen kann, ist der Bayerische Generalkonservator Mathias Pfeil. Und er war es, der die Schrobenhausener Zeitung auf ein Gespräch einlud. Schnell war klar: Er ist jemand, mit dem man Klartext reden kann.

Und? Gab es einen politischen Hintergrund für die Entscheidung? „Ganz klar: Nein!“, sagt er. Und er sagt das mit festem Blick. „Wir sind gerade dabei, die Zeitschicht der Nachkriegsmoderne zu untersuchen.“ Das Schrobenhausener Rathaus, entworfen von einem renommierten Architekten dieser Zeit, Peter Buddeberg, passe da wunderbar hinein. Seit gut zwei Jahren beschäftigt sich das Landesamt für Denkmalpflege (LfD) mit dieser speziellen Zeitschicht, vor allem mit den 1960er- und 1970er- Jahren mit ihren besonderen technischen Herausforderungen.

Damals seien neue Baustoffe eingesetzt worden, und heute, wo die Bauten von damals in die Jahre kommen, wo deren Restaurierung ein Thema wird, stehe das LfD vor technischem Neuland. 110 000 Baudenkmäler sind in Bayern erfasst, aus der Zeit der 1960er- und 1970er-Jahre waren es bis zum LfD-Projekt „Nachkriegsmoderne“ keine 200. Inzwischen sind es ein paar mehr. In München fallen beispielsweise der Bau des BMW-Hochhauses, des Olympiageländes oder auch des Hypo-Hochhauses in diese Zeit. Draußen, auf dem Land, ist das Schrobenhausener Rathaus positiv aufgefallen. Mathias Pfeil hat Walter Irlinger mit zum Gespräch gebracht, der den Bereich der Denkmalerfassung im LfD leitet.

Seine Abteilung entscheidet, ob ein Gebäude schützenswert ist – oder auch nicht. Beim Schrobenhausener Rathaus gab es für Irlinger keinen Zweifel: „Wir sind das Gebäude vom Keller bis zum Dach abgegangen, es zeichnet sich durch viele interessante Details aus.“ Sie seien es, die „diese formale Kompaktheit des Gebäudes“ ausmachen. „Wenn man diese Werte wahrnimmt, setzt eine andere Wertschätzung der architektonischen Leistung ein, da bin ich sicher.“ Architekt Peter Buddeberg habe das Gebäude am identischen Platz wie das Vorgängergebäude angesiedelt, er habe sich exakt am Ur-Kataster der Stadt orientiert, sodass die historische Situation, die Positionierung der Gebäude in Schrobenhausen heute genau wie vor Hunderten von Jahren sei. „Peter Buddebergs Arbeit wird überall gelobt“, betont Irlinger.

Dessen Idee, das Rathaus als historische Schrannenhalle zu nehmen, mit dem gläsernen Bereich in der Mitte eine Durchsicht zur Stadtpfarrkirche zu schaffen, mit den nach oben strebenden Linien – das sei architektonisch von hoher Qualität. Es gibt ein weiteres Indiz dafür, dass es keine Hintergedanken gab: Denn der Stadtrat hatte ja im Herbst 2016 entschieden, das Rathaus zu sanieren und nicht abzureißen – entsprechend hatten Überlegungen begonnen, wie man das Gebäude künftig nutzen will.

Tatsächlich brachte die Entscheidung des Denkmalschutzes den Sanierungsablauf eher durcheinander, als dass sie ihn befeuert hätte. Mit der Folge, dass das Rathaus nach der Bundestagswahl wie geplant geräumt wird, dass aber heute kein Mensch, wirklich niemand, sagen kann, wie es künftig genutzt werden soll. Das zusammen mit der Stadt und dem Landesamt für Denkmalpflege zu erarbeiten, wird nun die Aufgabe des Augsburger Architektenteams Schrammel sein.

DER KONFLIKT

Der eigentliche Konflikt ist aber auch gar nicht die Frage der Qualität des Gebäudes. Es geht um die Abwägung von Interessen. Damals, als Peter Buddeberg vor der Aufgabe stand, ein neues Rathaus für Schrobenhausen zu bauen, gab es noch keine Blechlawinen, die durch die Altstadt rollten. Das Leben war beschaulicher, langsamer. Das war eine Zeit, in der die Idee von Umgehungsstraßen bestenfalls angedeutet wurde – aber weit davon entfernt war, ernsthaft diskutiert zu werden.

Heute ist das anders. Wenn nicht gerade eine Baustelle in der Lenbachstraße den Verkehr bremst, ist die Schrobenhausener Altstadt tagsüber voller Leben. Was allein an den zahlreichen Arztpraxen und Apotheken liegt, die für hohe Frequenz sorgen. Und wenn man schon mal da ist, dann kann man ja auch noch andere Dinge erledigen: einkaufen, sich mit Bekannten auf einen Kaffee treffen und so weiter. Entschleunigung ist ein Wort, das man in den 60er-Jahren noch nicht kannte.

Heute schon. Das ist der Konflikt: Hier ist der Denkmalschutz, der zurecht darauf verweist, wie wichtig es ist, verschiedene Zeitschichten zu dokumentieren. Auf der anderen Seite stehen die Anforderungen von Bürgerinnen und Bürgern aus der Stadt und aus den umliegenden Gemeinden, die in und um Schrobenhausen leben, die Lebensqualität suchen. Für manche ist es Lebensqualität, Platz zu haben, nicht von drückender Enge umgeben zu sein – und ein großer, freier Lenbachplatz mit Sonne im Sommer, mit Kinderspielen, mit Sitzgelegenheiten, mit Luft zum Atmen und Raum zum Bewegen, der hätte halt schon auch was gehabt.

Am Ende steht diese Frage: Welche unabhängige Stelle gibt es, die die berechtigten Interessen des Denkmalschutzes und die berechtigten Interessen an die Lebensqualität in einer verdichteten Altstadt unabhängig abwägt? Die Antwort, die die Experten im Landesamt für Denkmalpflege in München geben, lautet: die Untere Denkmalschutzbehörde am Landratsamt.

Was sich nicht so wirklich unabhängig anhört. Tatsächlich ist es aber so – und das wird manche überraschen –, dass die Untere Denkmalschutzbehörde theoretisch das Landesamt für Denkmalpflege, das eher eine beratende Funktion hat, überstimmen kann. Einmal angenommen, der Stadtrat hätte den Abriss des Rathauses einstimmig beschlossen und die Untere Denkmalschutzbehörde in Neuburg hätte zugestimmt – dann wäre das Rathaus weg. Wobei weder die Politik noch die Behörden in eine solche Machtprobe gehen, wenn es nicht wirklich wichtig ist. Und so wichtig ist das Schrobenhausener Rathaus nun nicht, dass man es drauf ankommen lassen müsste.

DIE WAHRNEHMUNG

Die unterschiedlichen Interessen sieht Generalkonservator Mathias Pfeil sehr wohl. Dass Sichtweisen der Stadtplanung und des Denkmalschutzes auseinanderdriften, erlebt er oft. Er sieht das ganz gelassen: „Man muss aufpassen, dass man Städtebau und Denkmalschutz nicht vertauscht. Denkmäler müssen nicht geliebt sein. Gebäude, die relativ jung sind, brauchen Zeit, bis sie anerkannt sind.

Wenn sich verkehrstechnische Probleme ergeben, muss man eben überlegen, was man rundherum machen kann.“ Genauso sieht es Walter Irlinger: „Aus der Sicht des Denkmalpflegers wäre es ein Fehler, das Gebäude wegzuschieben und den Platz freizuräumen.“ Es sei eben auch eine Aufgabe der Denkmalpflege, für Nachvollziehbarkeit zu werben. Dazu Mathias Pfeil: „Erläutern, erklären, das ist unser Job.“

DIE OPTIONEN

Soweit, so gut. Was ist denn nun erlaubt? „Denkmalschutz ist kein Veränderungsverbot“, betont Mathias Pfeil. „Denkmäler kann man selbstverständlich verändern“, sagt er. „Man muss sie sich gemeinsam anschauen. Barrierefreiheit zu schaffen, halte ich für zwingend, das ist heute nicht wegzudiskutieren.“ Wie weit kann das gehen? Wäre zum Beispiel eine Glasfassade denkbar oder ein bunter Anstrich? „Wenn Sie es violett streichen wollen, wird es vielleicht schwierig“, sagt der Generalkonservator und lacht.

Und dann der entscheidende Punkt: „Über Veränderungen reden kann man dann, wenn klar ist, was man will.“ Er nennt den bayerischen Landtag als Beispiel, der sei „x-mal verändert“ worden. Denkbar sei vieles, am Anfang stünden aber zunächst eine Reihe von Voruntersuchungen. „Dabei geht es auch um die Frage: Was ist es denn, was man unbedingt schützen muss?“, erklärt Pfeil. Wenn das klar identifiziert ist, und wenn es dann auch ein Nutzungskonzept gibt, müsse man sich „beides anschauen, und dann gemeinsam überlegen: Was ist der nächste Schritt? Und auch: Wie sieht das finanziell aus?“

DAS KONZEPT

Diese Voruntersuchungen beim Schrobenhausener Rathaus haben inzwischen begonnen. Ein Raum- und Nutzungskonzept gibt es noch nicht. Ob das Rathaus nach der Sanierung vor allem als optimiertes Bürogebäude für möglichst viel Personal dient, oder womöglich mehr der Repräsentation, ob hier am Ende ganz andere Nutzungen entstehen, als Bürgerhaus, für Gastronomie, als Museum, ist bislang noch


KOMMENTAR

Und immer wieder das Rathaus. Warum ist dieses Thema so wichtig? Das hat mehrere Gründe: Erstens kostet die Rathaussanierung eine Stange Geld, die für andere Projekte fehlt. Die drohende Sanierung ist sicherlich auch ein Grund für den Stau bei Projekten wie der Stadthalle. Der Bürgermeister und der Stadtrat wissen seit Jahren, dass sie die Millionen irgendwie auf die Seite bringen müssen – das hemmt die Entscheidungsfreudigkeit bei anderen Dingen.

Zweitens will Landrat Roland Weigert die Außenstelle des Landratsamtes in Schrobenhausen aufwerten, auch um die Nähe der Südstaaten zur Kreisstadt aufrechtzuerhalten. Er ist bereit, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Wenn man weiß, was man mit dem Rathaus anfangen will, gilt es zu überlegen, ob man Gebäude für Büronutzung auch gemeinsam angehen könnte. Diese Diskussion muss jetzt passieren.

Drittens sollte man einen anderen Aspekt mit Blick in die Zukunft zumindest im Hinterkopf haben: Der Bankenmarkt ist weiter in Bewegung. Was, wenn in 8, 10 oder auch 20 Jahren weitere Fusionen anstehen. Wird dann beispielsweise die Sparkasse noch ein so riesiges Gebäude brauchen? Bei den Genossenschaftsbanken konnte man sehen, wie schnell das gehen kann, die ehemalige Volksbank beherbergt jetzt eine Anwaltssozietät. Heute an morgen denken – dafür ist also aus mehrerlei Sicht jetzt der richtige Zeitpunkt. Aktuell signalisiert der Stadtrat noch nicht, das große Ganze in diesem Bereich im Blick zu haben, aber das kann ja noch werden. Mathias Petry