Im Dialog zum Ziel: Birgit Wack will als ÖDP-Landratskandidatin Probleme ansprechen, diskutieren und zum Nachdenken anregen. Riesengroßen Veränderungen aus purem Aktionismus erteilt sie hingegen eine Absage.
Janda
Ein Plausch am Gartenzaun oder eine Tasse Kaffee mitten im Grünen gehören für Birgit Wack zum Alltag dazu. „Der Austausch ist mir wichtig, ich bin es gewohnt, dass man viel diskutiert“, sagt die Landratskandidatin der ÖDP. Kein Wunder also, dass sie sich für das Gespräch mit unserer Zeitung den Pavillon in ihrem Garten im Neustädter Ortsteil Mühlhausen ausgesucht hat. „Das ist der Ort, an dem die Familie zusammenkommt, hier fühle ich mich wohl“, sagt die 50-Jährige und meistert den Brückenschlag zur Landkreispolitik ohne große Mühe. Beisammensitzen und miteinander sprechen ist ihrer Meinung nach auch für viele Probleme im Kelheimer Land der richtige Weg. Und den will sie als ökologisch orientierte Landrätin einschlagen.

Ein Beispiel dafür ist für die dreifache Mutter und Großmutter eines kleinen Enkels die Flüchtlingskrise. Schlecht gelaufen ist die Versorgung der Asylbewerber im Landkreis ihrer Ansicht nach zwar nicht. Doch vor allem bei der Integration sieht Wack Möglichkeiten zur Optimierung. „Die Verantwortlichen haben viel zu viel mit Paragrafen zu kämpfen“, kritisiert sie. Die Menschen blieben deshalb zu oft auf der Strecke. Der ÖDP-Bewerberin schwebt daher ein Asylkoordinator auf Landkreisebene vor, der sämtliche betroffene Stellen an einen Tisch bringt. „Vor allem die Wirtschaftsvertreter sind bislang außen vor“; für eine erfolgreiche Integration am Arbeitsmarkt aus ihrer Sicht ein Unding. Gleiches gelte für Verbesserungen im Öffentlichen Personennahverkehr und auf dem Wohnungsmarkt.

Leicht umzusetzen wird das nicht, das weiß auch Birgit Wack. „Doch ich trete nicht an, um riesengroße Änderungen herbeizuführen“, stellt sie klar. Stattdessen will sie Denkanstöße liefern, Diskussionen anregen und dadurch letztlich ein Umdenken erreichen. Anders, das weiß sie als Mitglied der kleinen Partei nur zu gut, sei die Arbeit für eine ÖDP-Landrätin ohnehin nicht möglich. „Ich kann gar nicht parteipolitisch agieren, sondern muss Überzeugungsarbeit leisten“, stellt sie angesichts der Mehrheiten im Kreistag fest und betont: „Ich will im Landkreis etwas gestalten.“ Und noch etwas ist der Bürokauffrau und VHS-Dozentin bewusst: Unter den sieben Kandidaten für den Posten des Kelheimer Landrats ist die Vorsitzende des gerade erst gegründeten ÖDP-Ortsverbands in Neustadt nicht nur die einzige Frau, sie ist zugleich auf der politischen Bühne bislang kaum in Erscheinung getreten. „Uns in den Vordergrund zu drängen, liegt ÖDP-Leuten einfach nicht so“, sagt sie und nennt das scherzhaft ein biederes Verhalten. Ihre Kandidatur nennt sie daher auch ein „Semester in Politik“.

Dabei sprudeln die Ideen nur so aus ihr heraus. Wack, die unter den sieben Kandidaten die „grüne Nische“ besetzen will, kann sich einen Zusammenschluss von Firmen für eine Ferienbetreuung ebenso vorstellen wie fahrradfreundlichere Radwege und eine tierschonende Landwirtschaft. Möglichkeiten des verdichteten Bauens und das Ausmaß der Gewerbegebiete im Landkreis will sie überprüfen – beides, um dem aus ihrer Sicht enormen Flächenverbrauch einen Riegel vorschieben. „Wenn eine ökologische Sanierung möglich ist, sollte man lieber diesen Weg gehen“, sagt sie und stellt auch den Neubau des Landratsamts infrage. Welche Folgen die weitere Versiegelung der Böden haben kann, hat Wack bereits selbst erlebt, als das Oberflächenwasser nach einem Unwetter gleich neben ihrem Grundstück vorbeifloss. „Das zeigt doch: Ich muss die Flächen dem Klimawandel anpassen“, fordert sie ein Zusammenspiel aus Umweltschutz und Wirtschaft.

Für den Abbau der enormen Schulden des Landkreises hat die Mühlhausenerin indes keinen Masterplan. „Da muss ich mich erst einarbeiten“, gibt sie offen zu und kündigt an, auch in anderen Regionen nach Ideen zu suchen. Von einer Erhöhung der Kreisumlage hält sie hingegen nichts; „das stiftet nur Unfrieden unter den Gemeinden“. Die Situation der beiden Kliniken in Kelheim und Mainburg hat die gebürtige Hessin, die in Bayern aufgewachsen ist, ebenfalls als wichtiges Aufgabenfeld erkannt. „Und ich finde es wichtig, beide zu erhalten“, betont sie trotz der hohen Defizite. Um jeden Preis? „Nein, es gibt eine Schmerzgrenze.“ Erreicht wäre diese aus ihrer Sicht aber erst, wenn die Patienten das vorhandene Angebot in den Kliniken nicht mehr annehmen würden.

Dass im Landkreis vieles auf Kelheim zuläuft, hält die Neustädterin für wenig bürgerfreundlich. Mit der Außenstelle des Landratsamts in Mainburg gibt es zwar einen Anlaufpunkt für die Gemeinden im weit entfernten Süden des Kreisgebiets. Doch weil das aus ihrer Sicht nicht ausreicht, schweben Wack zusätzliche Bürgerbüros vor. „In den Rathäusern wäre das mit wenig Aufwand an bestimmten Tagen umsetzbar“, findet sie und schlägt eine Testphase vor. Unter anderem Riedenburg würde davon profitieren.

Wenig anfangen kann Birgit Wack mit sinnlosem Aktionismus – das gilt auch bei einem Gymnasium für ihre Heimatstadt. „Sollte der Rahmen stimmen, bin ich natürlich dafür“, stellt sie klar. Doch dafür müsste nicht unbedingt ein Neubau entstehen. Viel mehr kann die ÖDP-Bewerberin einem erweiterten Bildungsangebot in der Mitte des Landkreises abgewinnen. Etwa durch eine Hochschule, die in Kooperation mit der Wirtschaft entsteht. „Man muss doch nicht immer alles neu erfinden.“