Herr: "Kelheim ist ein toller Landkreis"
Kreischef, Bildungspolitiker und leidenschaftlicher Großvater: Der Kelheimer Landrat Hubert Faltermeier freut sich nach 24 Jahren im Amt nun auf die Zeit mit seinen Enkeln. - Foto: Janda

Herr Faltermeier, Sie sind jetzt 67 Jahre alt, durften also nicht für eine weitere Amtszeit als Landrat kandidieren. Hätten Sie denn gerne noch eine Wahlperiode drangehängt?

Hubert Faltermeier: Nein, ich habe diese Entscheidung bewusst gefällt und das auch schon nach der Wahl 2010 gesagt. Die Altersgrenze für Wahlbeamte war damals ja in der Diskussion. Für mich stand aber fest, dass ich mit 67 Jahren aufhöre. Wenn ich das anders gewollt hätte, dann hätte ich ja 2014 mit 64 Jahren erneut kandidieren können. Ich wollte aber ganz bewusst nicht, weil ich glaube, dass das ein gutes Alter zum Aufhören ist.

 

Haben Sie nach 24 Jahren als Landrat keine Angst, sich nun etwas zu langweilen?

Faltermeier: Überhaupt nicht. Der Beruf des Landrats ist eine kräftezehrende Tätigkeit. Nach über 40 Jahren der Arbeit freue ich mich auf den Ruhestand. Natürlich stellt das eine Zäsur dar. Doch es ist etwas anderes, mit 67 freiwillig aufhören zu können, als mit 50 gehen zu müssen, wenn zum Beispiel ein Betrieb zusperrt. In der Kommunalpolitik ist es außerdem schön, nicht abgewählt zu werden. Jammerei gibt es daher nicht. Der übliche Spruch vom lachenden und vom weinenden Auge passt auch nicht. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich habe kein weinendes Auge.

 

Viel Freizeit gab es in den vergangenen Jahren ohnehin nicht.

Faltermeier: Tatsächlich hatte ich kaum einen Samstag, einen Sonntag frei. Wenn man das hochrechnet, sind das grob 100 Tage im Jahr, also in 24 Jahren 2400 Tage. Das Jahr hat aber nur rund 250 Arbeitstage. Diese 2400 Tage entsprechen also vielen Arbeitsjahren. Und nicht nur das: Es ist auch die Zeit der Erholungspausen, die einem fehlt. Deshalb sage ich nochmals: Es gibt kein weinendes Auge.

 

Wie wollen Sie all diese freien Stunden nun füllen?

Faltermeier: Das fällt mir sicher nicht schwer. Ich freue mich darauf, nicht mehr fremd bestimmt zu werden. Und dass ich mich an schönen Tagen aufs Rad setzen oder bis 10 Uhr frühstücken kann. Ein wichtiger Termin ist auch der Gartentermin, also mich einfach in die Sonne zu legen. Hobbys habe ich auch einige, zum Beispiel bastle ich gerne an meinen Autos oder gehe auf die Jagd. Und dann habe ich vier Enkelkinder. Beim jüngsten werde ich sicher mal den Kinderwagen durch die Gegend schieben, beim ältesten knie ich mich vielleicht bald beim Lateinlernen rein.

 

Und politisch? Können Sie sich in gut drei Jahren eine Kandidatur für den Kreistag vorstellen - so wie Ihr Vater nach seiner Zeit als Landrat?

Faltermeier: Da gibt es ein ganz klares Nein. Ich mache einen klaren Schnitt und gebe alle Ämter ab. Nur Vorsitzender der Vereine von Kloster Weltenburg bleibe ich, weil mich der Abt darum gebeten hat. Sonst lege ich alle Ämter nieder. Ein Kreistagsmandat strebe ich daher sicher nicht an.

 

Der bayerische Landtag reizt Sie also auch nicht?

Faltermeier: Nein, ich habe wirklich keine weiteren politischen Ambitionen.

 

Welcher Moment Ihrer Amtszeit ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Faltermeier: Das ist vor allem das Hochwasser 1999, das mich wirklich getroffen hat. Vorher hatte ich zwar schon kleinere Katastrophen zum Beispiel am Landratsamt Erding meistern müssen. Die Dimension im Jahr 1999 war aber etwas völlig anders. Das Zittern um Menschenleben, auch der Helfer, war enorm. Ebenso die Dammverteidigung. Schickt man noch Leute rauf? Kann man das verantworten? Gleichzeitig hat jeder gedacht, das ist jetzt das eine 100-jährige Hochwasser. Dann kamen aber die Oder, die Elbe, Deggendorf und Simbach am Inn. Dass das so eine Häufigkeit annimmt, hatte niemand erwartet. In der Folge gab es natürlich auch Vorwürfe und sogar Strafanzeigen - wegen vorsätzlicher Herbeiführung einer Überschwemmung. Das hat schon Nerven gekostet.

 

Wie sieht es mit schönen Erinnerungen aus?

Faltermeier: Den einen besonderen Höhepunkt gibt es nicht. Insgesamt hat mich das hohe Engagement der Ehrenamtlichen und der Hilfskräfte zum Beispiel bei Feuerwehr, BRK, THW und vieler mehr besonders gefreut. Da möchte ich auch die tolle Arbeit der Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen bei der Flüchtlingshilfe erwähnen. Ein Knopfdruck genügt und diese Maschinerie läuft an. Das freut mich, weil man sieht, dass die Bevölkerung nicht nur wahnsinnig fleißig im Beruf ist, sondern auch in der Freizeit für die Allgemeinheit da ist. Das finde ich wirklich toll.

 

Prägend war sicher auch Ihre erste Wahl im Jahr 1992. Ganz ehrlich: Hatten Sie den Erfolg damals für möglich gehalten?

Faltermeier: Ich habe tatsächlich mit mir gerungen und auch mit meiner Familie lange diskutiert. Erst fragt man sich: Hast du überhaupt eine Chance? Ich habe es aber nicht für unmöglich gehalten, sonst wäre ich nicht angetreten. Dann kommt man ins Rechnen um Prozente, auch weil ich damals außerhalb des Landkreises gearbeitet habe. Doch abzuschätzen war es trotzdem nicht. Solch eine Rechnerei ist nur ein Rumstochern im Nebel. Also habe ich gesagt: Ich probiere es - nicht mehr und nicht weniger.


Würden Sie den Weg in die Politik aus heutiger Sicht wieder gehen?

Faltermeier: Ich war nicht wie Gerhard Schröder, der am Bundeskanzleramt gesagt hat: Da will ich rein. Angestrebt habe ich das nie. Mit 19 Jahren habe ich sogar einen Bogen um das Landratsamt gemacht, damals wollte ich auf keinen Fall Landrat werden. Stattdessen habe ich im Studium eine juristische Laufbahn angestrebt und nicht schlecht abgeschnitten. Mit 40 war ich dann Ministerialrat, die nächste Stufe wäre von der Besoldung her auf einer Ebene mit einem Landrat gewesen. Doch ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob ich es wieder machen würde. Meine Lebensplanung war das nicht. Aber ich bereue diese Entscheidung nicht, weil dieses Amt sehr vielseitig ist und man viel gestalten kann.


Ihrer ersten Wahl folgten drei weitere Erfolge - jeweils ohne Stichwahl. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Faltermeier: Ich glaube, das liegt an der Nachhaltigkeit. Es geht nicht um einen Tag oder eine Rede. Entscheidend ist die Arbeit über Jahre hinweg. Und auch eine hohe Präsenz bei Veranstaltungen, die natürlich sehr viel Zeit erfordert.

 

In der Bevölkerung genießen Sie hohen Respekt. Wie macht man das als Politiker?

Faltermeier: Der enge Kontakt zu Leuten ist entscheidend. Man muss da sein, die Sorgen und Anliegen ernst nehmen. Es ist die gemeinsame Arbeit, das gemeinsame Leid, aber auch das gemeinsame Feiern. Heute ist kaum jemand noch so lange Landrat. Nach 24 Jahren ist man in den Köpfen aber präsent.

 

Sie hinterlassen rund 27 Millionen Euro Schulden. Fühlen Sie sich mit dieser Summe wohl?

Faltermeier: Ja, ich bereue nichts. Die Bevölkerung kann mit diesen Schulden leben, das sind immerhin gerade mal 230 Euro pro Einwohner. So viel ist das nicht. Auf der Ebene des Freistaats Bayern haben wir eine Pro-Kopf-Verschuldung von 2300 Euro, in Deutschland von zirka 27 000 Euro. Natürlich sind 200 Euro keine Kleinigkeit, aber wir liegen damit im Landesdurchschnitt. Aus der Bahn wirft das den Landkreis nicht. Und natürlich habe ich das Geld nicht mit heimgenommen, sondern mit 100 Millionen Euro kräftig in unsere Schulen und Krankenhäuser investiert.

 

War das immer nötig?

Faltermeier: Ja, vor allem bei der Bildung haben wir nicht gekleckert, sondern geklotzt. Wir haben nie gesagt: Bleibt halt in den alten Schulen, es gibt kein Geld - etwa in Riedenburg und Mainburg. Und das Ergebnis war diesen Betrag wert. Der Kreistag hat mitgezogen. Und in meinen Augen sind diese 27 Millionen Euro auf die Bevölkerung runtergerechnet auch kein so großer Betrag.

 

Warum ist in den Schulen zuvor so wenig passiert?

Faltermeier: Das ist durch die Schulsituation in den 1960er- und 1970er-Jahren bedingt. Damals gab es eine Gründerphase, doch nach all dieser Zeit waren die Schulen jetzt einfach fertig. Dazu kommen steigende Schülerzahlen und die Schulpolitik, die ihr Übriges tut. Von R 4 zu R 6, von G 9 zu G 8, die Mittelstufe plus, von G 8 wieder zu G 9, die neue Fachoberschule - es hat sich sehr viel getan. Ich wollte bei all diesen Entwicklungen mit voranmarschieren.

 

Dazu kommen in Kelheim und Mainburg die Krankenhäuser.

Faltermeier: Ja, und natürlich die Infrastruktur. Wenn wir hier erfolgreich sein wollen, brauchen wir Schulen, Straßen, Krankenhäuser und Wohnraum. Die Balance zwischen allem war mir sehr wichtig.

 

Ein Projekt, das Sie nicht abgeschlossen haben, ist ein neues Gymnasium in Neustadt. Was halten Sie von den Plänen?

Faltermeier: Das ist der alte Kampf zwischen Kreis und Kultusministerium, bei dem es um den Bedarf geht. Das habe ich bei der Fachoberschule über Jahre erlebt. Immer hat es geheißen, dass wir nicht genügend Schüler haben. Am Schluss war es aber eine Erfolgsgeschichte. So wie bei der Realschule in Mainburg. Es wird immer so getan, als wäre die Schülernachfrage eine feste Größe. Das ist aber nicht der Fall: Angebot schafft Nachfrage. Deshalb müssen wir am Ball bleiben, ohne aber das Gymnasium in Rohr zu gefährden.


Aber ist ein Gymnasium in Neustadt wirklich nötig?

Faltermeier: Die Gymnasiallandschaft verändert sich gerade. Es läuft auf ein Wahlrecht der Schulen hinaus - ob sie G 8, G 9 oder beides parallel machen. Ich lege dabei Wert auf Nachhaltigkeit. Das spielt jedoch alles mit in die Situation in Neustadt rein. Da müssen wir einfach dranbleiben.

 

Der Schuldenabbau wird zwangsläufig eine Aufgabe für Ihren Nachfolger. Ein Tipp?

Faltermeier: Tipps gebe ich grundsätzlich nicht. Aber ich glaube, dass man sehr wohl an einen langsamen Abbau denken kann. Die meisten Investitionen sind erledigt, für die anderen gibt es einen gewissen Puffer. Ich will mich aber nicht in die Haushaltsberatungen für die nächsten Jahre einmischen.

 

Sie haben Ihr Amt 20 Jahre nach der Gebietsreform angetreten. Ist der Landkreis mittlerweile zusammengewachsen?

Faltermeier: Ich glaube schon. Aber er ist noch kein homogener Körper. Ob er das jemals sein wird, weiß ich nicht, denn seine Strukturen sind einfach vielfältig. Gleiches gilt für die Mentalität der Menschen. In vielen anderen Landkreisen konzentriert sich außerdem alles um eine zentrale Stadt herum. In Kelheim haben wir vier bis fünf solche Zentren mit Bad Abbach, Mainburg, Neustadt, Abensberg und eben Kelheim. Wieso soll man mit Gewalt ein Zentrum mit allen Einrichtungen errichten, in das die Bürger von außerhalb hinpendeln müssen? Wir setzen auf Dezentralität. Das ist langfristig aufwendiger, aber ich glaube, es ist der richtige Weg.

 

Sind die MAI- und RID-Kennzeichen nicht ein trennendes Element?

Faltermeier: Trotz anfänglicher Bedenken habe ich mich für die Zulassung der MAI- und RID-Kennzeichen entschieden. Ich erinnere mich an eine Sitzung in Berlin beim damaligen Verkehrsminister Peter Ramsauer, wo alle Landräte gesagt haben: Muss es wirklich sein, dass wir jetzt wieder mit den Kennzeichen anfangen? Damals hat er uns recht gegeben. Eine Woche später gab es dann einen einstimmigen Beschluss der Verkehrsminister der Länder dafür. Allerdings ist auch der finanzielle Aspekt nicht außer Acht zu lassen; die Wunschkennzeichen bringen dem Landkreis Geld. Gleichzeitig führen sie zu einer Steigerung der Identität vor Ort.

 

Sie werden nicht mehr in das Büro im neuen Landratsamt einziehen. Ärgert Sie das oder tröstet die Tatsache?

Faltermeier: Das ärgert mich nicht, ich sehe das relativ emotionslos. Dass der Bau so lange gedauert hat, ist bedauerlich. Trotzdem freue ich mich, dass es mit der Einweihung noch klappt und der Einzug in Kürze erfolgt.

 

Was wünschen Sie dem Landkreis für die Zukunft?

Faltermeier: Dass es wirtschaftlich weiter läuft. Und dass jeder möglichst Arbeit hat und in den eigenen vier Wänden wohnen kann. Ich glaube, dass wir tolle Voraussetzungen haben. Es läuft rund, die Lebensqualität stimmt und wir haben Arbeitsplätze.

 

Und was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Martin Neumeyer?

Faltermeier: Dass er den Landkreis weiter vorwärtsbringt, denn unser Landkreis Kelheim ist ein toller Kreis. Ich vermeide aber bewusst Ratschläge, das würde ich als Anfänger auch nicht wollen. Jeder soll seine Schwerpunkte selbst setzen.

 

Das Gespräch führten Stefan Janda und Harry Bruckmeier.