Siegenburg: Granaten stecken bis zu neun Meter tief im Sand
Hoher Besuch im Siegenburger Bombodrom: der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Oßner (von links), VöF-Geschäftsführer Klaus Blümlhuber, die SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer, Landrat Hubert Faltermeier, Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, Regierungspräsident Heinz Grunwald und Andreas Krüger, ein Spezialist für Kampfmittelräumung vom Bundesforstbetrieb. - Foto: Bruckmeier
Siegenburg

Das ehemalige Bombodrom ist laut Landrat Hubert Faltermeier (FW) das drittgrößte der 14 Naturschutzgebiete im Kreisgebiet. Dass die Ausweisung so schnell über die Bühne gehen konnte, freut auch Regierungspräsident Heinz Grunwald, der am Rande des Ministerbesuchs gestern von einer "Perle der Natur" sprach. Er erwähnte hochgradig gefährdete Tierarten wie die Heidelerche und die Blauflüglige Ödlandschnecke oder besondere Pflanzen wie die Ästige Mondraute, die hier ihren Lebensraum haben.

Doch nach wie vor hat die Bevölkerung nichts von all diesen Naturschönheiten. Das 273 Hektar große Naturschutzgebiet bleibt für die Öffentlichkeit gesperrt. Denn nach Jahrzehnten der militärischen Nutzung schlummern brisante Altlasten im Boden, von vergrabenem Hausmüll und verrostetem Munitionsschrott gar nicht zu reden. Die Kampfmittelräumung wird Jahre dauern und enorm viel Geld kosten. Die Rede ist von einer Summe in zweistelliger Millionenhöhe.

Das Wetter war gestern mies. Doch Schmidt ließ sich die gute Laune nicht verderben. Als der Politiker am Vormittag eintraf, ließ wenigstens der Regen nach. Erwartet wurde der hohe Besuch aus Berlin außer von Regierungspräsident Grunwald und Landrat Faltermeier noch von Siegenburgs Bürgermeister Johann Bergermeier (UW), den Bundestagsabgeordneten Florian Oßner (CSU) und Thomas Gambke (Grüne), der Landtagsabgeordneten Johanna Werner-Muggendorfer (SPD) sowie Behördenvertretern.

In einem Autokorso ging es hinein in ein Areal, das seit Ende der 1930-er Jahre militärisches Sperrgebiet war. Andreas Krüger, beim Bundesforstbetrieb der Fachmann für die Kampfmittelräumung, warnte vor der Fahrt durch das wegen eines Betretungsverbots der Kommune gesperrte Gelände eindringlich vor den Gefahren: Nichts anfassen, was verdächtig nach Munition aussieht.

In Sichtweite des früheren Zielgebietes verkündete der Minister: Das ehemalige Bombodrom ist jetzt ein Naturschutzgebiet. "Das Gelände soll in das Nationale Naturerbe aufgenommen werden", stellte Schmidt in Aussicht. Freilich wollte er nicht verschweigen, dass sich die Bürger noch ein wenig in Geduld üben müssen, bis sie auf den Platz dürfen. Die nun anstehende Kampfmittelräumung nannte er eine "enorme Herausforderung".

Mit den Aufgaben der Kampfmittelräumung betraute der neue Besitzer des Geländes, die Bundesanstalt für Vermögensaufgaben, die Spezialisten vom Bundesforstbetrieb. "Wir haben in Münsingen und Wittstock schon Erfahrungen gesammelt", versicherte Karsten Pfaue, sein Fachmann für die Kampfmittelräumung, Andreas Krüger, stimmte zu. Beide wollen nichts dem Zufall überlassen. Das hat seinen Grund: Laut einer "historisch-genetischen Rekonstruktion" vom vergangenen Jahr besteht auf 96 Prozent der Fläche ein "Verdacht auf Kampfmittel".

Das Gutachten der Leitstelle des Bundes für Boden-Grundwasserschutz und Kampfmittelräumung bei der Oberfinanzdirektion Niedersachsen ermittelte 25 kontaminationsverdächtige Flächen. Dabei handelt es sich um frühere Sprengplätze, Gruben mit Hausmüll und Munitionsschrott, den einstigen Schießplatz und die längst stillgelegte Tankstelle. Pfaue geht davon aus, dass über dem Gelände pro Jahr 20 bis 25 Tonnen Munition niedergingen. Was die Sache so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass die Kampfjets bis in die 1960-er Jahre scharfe Bomben abluden. Gefährliche "Blindgänger" können also nicht ausgeschlossen werden.

Was ist also zu tun? Mittels eines Laserscans soll ein digitales Geländemodell entstehen, das einen gewissen Blick in den Boden erlaubt. Die verschossenen Granaten können sechs bis neun Meter tief in den lockeren Sandboden eingedrungen sein. Erst nach einer sorgfältigen Bestandsanalyse wird es möglich sein, den Altlasten auf die Spur zu kommen. Das gesamte Areal bis auf die letzte Patrone zu räumen, wird laut den Fachleuten allerdings nicht möglich sein. Krüger geht deswegen davon aus, dass bestimmte Bereiche abgesperrt bleiben müssen. Das wird die Naturfreunde freuen, denn dort wird es keine Eingriffe von Menschenhand mehr geben.

Wie das Gelände später einmal genutzt werden soll, darüber gibt es bislang nur vage Vorstellungen. Die naturschutzfachliche Betreuung wird in der Hand des Landschaftspflegevereins VöF liegen, so viel ist klar. "Auf keinen Fall wird es hier ein Klein- oder Groß-Disneyland geben", versprach Minister Schmidt, der die Bürger aber nicht für immer aussperren will.