Saal: Das vergessene KZ
Erste Station des Gedenkwegs am Bahnhof. Vor 13 Jahren haben ihn Jugendliche ausgewiesen.
Saal

„Eure Asche sei uns ein mahnend Vermächtnis“ steht auf einer Urne aus Granitstein. Sie enthält die sterblichen Überreste von 360 KZ-Häftlingen. Symbole und Schriftzeichen weisen darauf hin, dass auch jüdische Opfer darunter sind. Sie verloren ihr Leben nicht etwa in weit entfernten Gaskammern, in Auschwitz oder Dachau, sondern in nächster Nähe.

Wer auf der B 16 in Richtung Regensburg fährt, der kommt kurz hinter den letzten Häusern der Industriegemeinde an eine Kreuzung, die nach Teugn führt. Der Ringberg zur Linken der Teugner Straße ist nicht nur wegen seines keltischen Ringwalls bekannt. Tragische Bekanntheit erlangte er vielmehr durch eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg, das in den Jahren 1944/45 dort existierte. Der Arbeitskreis Heimatgeschichte unter der Leitung der Saalerin Sylvia Kühnl-Ashta hat Licht ins Dunkel dieses tragischen Kapitels der Saaler Ortsgeschichte gebracht: Wegen der zunehmenden Luftangriffe der alliierten Streitkräfte in den letzten Kriegsjahren, die auch die Messerschmitt-Werke in Regensburg bombardiert hatten, sollte die Waffenproduktion in unterirdische und damit bombensichere Stollen verlegt werden. Der Ringberg war nach Ansicht der Nationalsozialisten ein geeignetes Gelände für dieses Vorhaben. Im Inneren des Berges war nach Recherchen des Arbeitskreises die Endmontage des Düsenjägers Me 262 geplant.

Im Juni 1944 begannen die Bauarbeiten, ab Herbst 1944 mussten Häftlinge aus Flossenbürg die Zwangsarbeiter unterstützen. Bis zu 600 Gefangene waren hier unter katastrophalen Bedingungen eingesetzt. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, das abgesprengte Gestein aus den Stollen zu schaffen. Ohne ärztliche Versorgung starben viele an Krankheiten, Unterernährung, Misshandlungen und totaler Erschöpfung.

Nur noch wenige Zeitzeugen können sich daran erinnern. Die heute 84-jährige Marianne Meier aus Saal ist eine von ihnen. In ihr Gedächtnis eingebrannt hat sich vor allem der 20. April 1945. An diesem Tag – die Front rückte immer näher – wurde das Lager in Richtung Dachau evakuiert. Etwa 150 Gefangene, die man noch für gehfähig befunden hatte, wurden in aller Eile von ihren Peinigern durch Saal getrieben. Den überstürzten Todesmarsch hat die damals 16-Jährige noch heute vor Augen. „Sie haben die Menschen durch den Ort geprügelt“, erinnert sie sich. Die Saaler hätten entsetzt am Straßenrand gestanden. „Ein Mann hat sich nach einem verfaulten Apfel gebückt, der am Boden lag“, weiß sie noch. Der sei daraufhin von einem Aufseher niedergeschlagen worden. Meier weiß auch noch, wie sich eine Frau, die nach Kriegsende nichts mehr von ihrer nationalsozialistischen Gesinnung wissen wollte, sich hämisch über diese „Verbrecher“ geäußert habe, die „alle verrecken“ sollten.

Ansonsten sei das Wissen über das KZ zumindest in dessen Anfangszeit eher spärlich gewesen, berichtet sie. „Spaziergänger haben aus der Ferne Menschen in gestreifter Kleidung beim Steinschleppen beobachtet.“ Erst nach und nach sei ihnen klar geworden, was da vor sich ging, und daraufhin diese Gegend besser gemieden.

Auch Sebastian Kiendl, der bereits gestorbene Autor der Saaler Dorfchronik „Heimat an Donau und Feckinger Bach“ hat in dem 1984 erschienenen Buch dem „vergessenen KZ“, wie er es nennt, ein Kapitel gewidmet. Darin bestätigt er im Wesentlichen die Erinnerungen von Marianne Meier. Er schreibt, dass zunächst Saaler Bauern, die Fuhrdienste zu leisten hatten, zumindest „ungefähr wussten, wie es dort aussah und was getrieben wurde“. Später seien des Öfteren Arbeitskommandos im Ort unterwegs gewesen, die Materialien für den Stollenbau vom Bahnhof zum Ringberg transportierten.

Viele Bauern hätten durch Aussagen der SS-Aufseher, dass es sich bei den ausgemergelten Gestalten um Volksfeinde handelte, „das aufgestörte Gewissen“ beruhigen lassen, schreibt Kiendl. Er schildert das tragische Schicksal eines entlaufenen Häftlings, der von einer Bäuerin verraten wurde, er erzählt aber auch von „guten Menschen“, die den Elendsgestalten Brot zustecken wollten. Das hat auch Marianne Meier beobachtet, die erzählt, dass manchmal Frauen „zufällig“ Äpfel oder Zigarettenkippen verloren hätten, wenn sie der Elendskarawane ansichtig wurden. Als die amerikanischen Streitkräfte näher rückten, räumten die SS-Wachmannschaften überstürzt das Feld. Das Lager mit den todkranken und nicht mehr gehfähigen Häftlingen steckten sie zuvor in Brand.

Lange Jahre erinnerte – abgesehen von den Stollenzugängen im Wald und einigen Betonresten – nur die Gedenkstätte an das Konzentrationslager. Erst 55 Jahre nach Kriegsende wiesen Mitglieder der Katholischen Jungen Gemeinde und der Saaler Pfadfinder in einer 72-Stunden-Aktion einen Gedenkweg aus. Er beginnt am Bahnhof und führt zum Ringweg, fünf Informationstafeln weisen auf die ehemaligen Leidensstätten der Häftlinge hin.