Pförring: "Das ist wie Balsam"
Foto: Sebastian Kügel
Pförring

"Mit Musik fing alles an" lautet der Titel des Buches, in dem Maria Zinsmeister aus Schambach die Erinnerungen an ihre Hilfsaktion "Nadjeschda - Hilfe für russische Kinder" niedergeschrieben hat. Eine Episode erzählt vom Zusammentreffen mit einem blonden jungen Mann, der ihr nach einem Konzert der Petersburger Wunderkinder in Neuburg anbot, die Geigenbögen zu bezahlen, die eigentlich vom Erlös der kleinen Tournee hätten finanziert werden sollen. Auch der junge Mann von damals, der gebürtige Pförringer Martin Ott, erinnert sich lebhaft an die Begegnung. "Nach dem kleinen Kammerkonzert habe ich Maria Zinsmeister gefragt, was denn Besonderes an dem Geigenbogen sei, weil er von einem jungen Solisten an den nächsten weitergereicht wurde." "Nichts", habe Zinsmeister geantwortet, "außer, dass es der einzige Geigenbogen der Wunderkinder ist."

Wenig später habe er sich auf Zinsmeisters Einladung vor Ort ein Bild von der Musikschule gemacht. Einem Bau mit undichtem Dach, kaputten Böden und Möbeln und verschlissenen Vorhängen, dessen Modergeruch ihn heute noch die Nase rümpfen lässt. Von da an stellten er und seine Pförringer Adventsbläser ihre weihnachtliche Benefiztournee 25 Jahre lang in den Dienst der Petersburger Wunderkinder und erspielten über 100 000 Euro für "Nadjeschda". Heute engagieren sie sich für russische Obdachlose.

Mit Musik fing alles an, diesen Satz unterschreibt auch Martin Ott: "Ich konnte mich mit Schulfreunden nicht über Fußball unterhalten, nicht über Mathe und auch nicht über Literatur und stellte irgendwann fest, mein Weg zu den anderen Menschen ist die Musik." Den Einstieg dazu habe ihm sein Vater ermöglicht. "Ich durfte als Bub mit ihm sonntags auf die Orgelempore gehen und habe den Chorregenten Gottfried Dichtl an der Orgel bewundert." Mit neun Jahren habe er ein Akkordeon bekommen, das er fast die ganzen Weihnachtsferien nicht mehr aus der Hand gelegt hat. Im Gymnasium in Rohr habe er dann Klavier gelernt. Später habe Pfarrer Rösl ihn und einige Pförringer Musikerfreunde in seiner bestimmenden Art dazu gebracht, zuerst bei rhythmischen Messen und später auch beim Pfarrball zu spielen. "Da habe ich gemerkt, dass ich in Musikerkollegen etwas hineinlegen kann, das ich wieder zurückbekomme", erzählt er und versucht diese Erfahrung zu beschreiben: "Das ist wie Balsam, auf gut Bairisch, da geht's mir sauguat."

Das gilt auch für die Fußwallfahrt nach Altötting, die Ott seit 1973 macht. "Ihr zwei könntet doch mit nach Altötting gehen, werden eh immer weniger", habe Pater Benedikt in Rohr zu Schorsch Biebl und zu ihm gesagt. Aus widerwilligen Lückenbüßern wurden Wallfahrer, deren Begeisterung ansteckte. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Zahl der Altötting-Pilger auf über 80 an, sodass die Übernachtungsgelegenheiten der Freisinger und Garchinger Gruppen nicht mehr reichten und man den Pförringern nahelegte, eine eigene Wallfahrt zu organisieren.

Heute marschieren an Pfingsten rund 300 Pilger aus der ganzen Region in zwei Gruppen von Pförring aus zur Schwarzen Madonna. "Dank der Pilgerführer Hans Schmid und Toni Euringer läuft es inzwischen genial", sagt Ott, der für "die Unterhaltung" zuständig ist. "Mit Vorbeten, Meditationen und Musik vergeht die Zeit wahnsinnig schnell", sagt Ott, der dank seiner Konstitution auch den Abschlussgottesdienst in St. Josef dirigieren kann. "Wenn dann jemand sagt, ,Ich freue mich schon auf nächstes Jahr', dann ist das durch nichts zu toppen", so Ott. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos habe diese Erfahrung so formuliert: "Seine Freude in der Freude des anderen zu finden, das ist das Geheimnis des Glücks."

Dieses Glück schenkte Ott im Oktober 2012 den 200 Menschen, die unbedingt bei der Heiligsprechung von Anna Schäffer aus Mindelstetten dabei sein wollten, aber aus zeitlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mit dem Zug oder Bus nach Rom reisen konnten. Die Idee, ein Flugzeug zu chartern, kam von Irmgard Lukas aus Stammham. "Du musst einen Flieger besorgen", habe die resolute Wirtin ihm am Telefon erklärt, "und in Rom da kennst du von den Papstflügen bestimmt auch jemanden." Auch wenn der Kollege von der Flugbereitstellung gestöhnt habe - "Sie schon wieder, wissen Sie überhaupt, was so was kostet" -, der Aufwand habe sich gelohnt, denn für viele Passagiere sei diese Romreise ein Lebensereignis gewesen, freut sich Martin Ott heute noch über diesen Coup.

Dabei habe er sich nirgends vorgedrängt, sondern vielmehr eine Lücke gefüllt, weil eben sonst niemand da war, sagt der erfahrene Pilot, leidenschaftliche Musiker und gläubige Christ bescheiden. Das gilt auch für die festlichen Gottdienste an Heiligabend und an Fronleichnam, die er seit Jahren gestaltet, weil die Pförringer Organistin Luise Schneider da in ihrer Heimatpfarrei Großmehring gebraucht wird. Wenn junge Leute da wären, die ihm das eine oder andere abnehmen wollten, dann würde er ihnen nicht im Weg stehen, sondern sie unterstützen. Im Stich lassen werde er seine Sachen aber nicht. Da habe er Gott sei Dank die Unterstützung seiner Frau Anne.