Abensberg: "Macht eure Bedürfnisse geltend"
Hörte sich die Wünsche und Anregungen Betroffener an: die bayerische Sozialministerin Emilia Müller (Mitte). Außerdem diskutierten über Inklusion Marion Huber-Schallner (v.l.), Christian Bonjean, Jonathan Böhm, Benedikt Lika, Michael Eibl und Bernhard Rech. - Foto: Scholtz
Abensberg

Auch Benedikt Lika, weit über Bayern hinaus bekannter Inklusionsaktivist aus Augsburg, nahm an der Diskussionsrunde teil. Das Versprechen von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte den schwerbehinderten Dirigenten und Politiker „sehr angenehm überrascht“. Für ihn bedeutet Inklusion „einen Weg, den es sich lohnt zu gehen“. Likas Appell lautet daher: „Wir Menschen müssen alle lernen, dass es normal ist, verschieden zu sein.“ Jeder habe Talente, „die er einbringen kann“.

Wie die anderen Teilnehmer hofft er im Zuge der Inklusion auf „Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und in den Köpfen“. Das konnte die Runde daher nur befürworten: Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg (KJF), die Abensberger Stadträtin und Behindertenbeauftragte Marion Huber-Schallner, Christian Bonjean, Kandidat der Jungen Liste, und Jonathan Böhm, Auszubildender im Berufsbildungswerk Abensberg. Marion Huber-Schallner wie auch Christian Bonjean sitzen im Rollstuhl, Jonathan Böhm ist Autist. Als Moderator fungierte Bernhard Rech, der Leiter des Cabrinizentrums, das er als Mitveranstalter des Abends vertrat.

In dessen Verlauf bekam die Staatsministerin einige Anregungen, die sie dankbar mitnahm. Denn obwohl sich viel getan hat im Umgang mit Behinderten, hapert es noch in vielen Punkten. So wurden die Inklusionsklassen an den verschiedenen Schulen im Landkreis hoch gelobt. Was den meisten aber fehlt, ist, dass die Förderschulen ausgenommen sind. „Warum gibt es dort nicht Klassen mit Schülern ohne Behinderung“, fragten Eltern aus dem Publikum. Emilia Müller hörte es und versprach, sich darum zu kümmern. Denn auch die Ministerin hat dieses Manko längst erkannt.

Nach Seehofers Versprechen startet sie nun eine umfassende Inklusionskampagne, in die sämtliche Ministerien, kommunale Spitzenverbände, Bezirkstage und Wohlfahrtsverbände eingebunden werden. Emilia Müller betont: „Wir wollen, dass behinderte Menschen ganz selbstverständlich am normalen Leben teilhaben können.“ Das kostet natürlich Geld. Die bayerische Staatsregierung rechnet mit vier bis fünf Milliarden Euro.

Fachliche Unterstützung, vor allem für die Kommunen, versprach Michael Eibl: „Wir helfen mit unserer Erfahrung und unserem Wissen, wo es nur geht.“ Die Katholische Jugendfürsorge werde aber auch helfen, „die Barrieren im Kopf abzubauen“. Benedikt Lika der sich „als Experte in eigener Sache“ vor allem in der Politik einbringt, appellierte an die anwesenden Behinderten: „Wir fallen auf, dieses Potenzial sollten wir nutzen“.

Praktiziert wird dieser Aufruf bereits von Christian Bonjean, der sich als Kandidat bei der Jungen Liste politisch aktiv einbringt: „Ich möchte Ansprechpartner sein.“ Er forderte andere Behinderte auf: „Macht eure Bedürfnisse geltend.“

Jonathan Böhm, glaubt fest daran: „Wenn alle aufeinander zugehen, dann haben wir schon ein wichtiges Ziel erreicht.“ Marion Huber-Schallner ist überzeugt: „Ich muss als Behinderte rausgehen und zeigen, was ich kann.“

Dass das jeweilige Können mittlerweile meistens gesellschaftlich anerkannt wird, bezweifelte niemand in der Diskussionsrunde. Im Arbeitsleben jedoch herrscht noch eine enorme Diskrepanz. So sind die meisten Behinderten auf Sozialhilfe angewiesen, weil sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht unterkommen. „Mehr als 1500 Euro Einkommen sind meistens nicht drin,“ klagte Lika. Daran würde auch ein akademischer Abschluss nichts ändern. Der Inklusionsaktivist will mit anderen Behinderten in diesem Punkt Wirtschaft und Politik „noch ordentlich Dampf machen“.

Bei Emilia Müller rannte er damit offene Türen ein. Sie wünscht sich „eine verstärkte Teilhabe“ der Behinderten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Christian Bonjean ist sich sicher: „Wenn sich die Wirtschaft mehr auf Menschen mit Behinderung einstellt, werden Ergebnisse erreicht, die wir uns heute nicht vorstellen können.“

Relativ zaghaft greift die Inklusion noch in der Freizeit. Bernhard Resch: „Da werden Kinder und Jugendliche mit Behinderung wieder zurückgeworfen.“ Christian Bonjean hat das selbst erfahren und umgehend gehandelt. Jetzt weiß er: „Wir Behinderten müssen auf die Vereine zugehen.“ Denn Funktionäre und Mitglieder müssten „erst einmal in dieses Thema reinkommen“. Geschehen ist das bereits beim Rollstuhlbasketball, bei dem Behinderte und Nichtbehinderte sich gemeinsam auf dem Spielfeld tummeln.

Dass die angekündigte Aktion der Staatsregierung zur Inklusion, der aktive politische Einsatz von Behinderten, Nichtbehinderten sowie der Medien fruchtet, darauf hofften alle Beteiligten an diesem Abend. „Eine Behinderung sollte als selbstverständlich und der Mensch als vollwertig angenommen werden“, sprach Emilia Müller und verweilte noch ein wenig im Cabrizio, um sich in Gesprächen auch Anregungen aus dem Publikum zu holen.