Panzer beim Gaudiwurm
Das Streitobjekt.
Lönner
Steinkirchen

"Ilmtaler Asylabwehr" und "Asylpaket III" stand auf den selbst gemalten Schildern. Das allein dürfte bei einigen der vielen Zaungäste schon zumindest für Stirnrunzeln gesorgt haben, doch das diese Texte auch noch auf einem martialisch wirkenden Panzer zu lesen waren, war so manchem des Geschmacklosen zu viel. Als letzter aller Gaudiwagen fuhr das Gefährt durch die Straßen von Reichertshausen und Steinkirchen, wo sich die Empörung angesichts der vielfältigen Eindrücke, die auf die Zuschauer einprasselten, allerdings in Grenzen hielt. Viele Zuschauer winkten den jungen Leuten auf dem Panzer genauso wie den anderen Teilnehmern zu.

Die Urheber des Wagens erklärten ihr Anliegen als Protest gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik. "Wir können das so nicht schaffen", sagt einer in Bezug auf die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Flüchtlingskrise. "Ich will nicht, dass wir uns hier in Deutschland verändern müssen", sagt ein anderer. "Mir gefällt es so, wie es ist." Die kulturellen Unterschiede seien zu groß.

Ob sie ihren Panzer auch so bemalt hätten, wenn sie die Wirkung erahnt hätten, darf bezweifelt werden. Als die ersten Bilder im Internet landeten, brach innerhalb von kurzer Zeit ein regelrechter "Shitstorm" los. Als "dumm", "ekelhaft" und "geschmacklos" wurde die Aktion verurteilt, andere wiederum verwiesen auf erlaubte Satire gerade im Fasching und auf die Meinungsfreiheit.

Am späten Sonntagnachmittag war die Panzerwagen-Affäre auch bei der Polizei gelandet, die nun ermittelt. Ob ein Anfangsverdacht auf Volksverhetzung besteht, ist aber noch nicht klar. Das wird die Staatsanwaltschaft in Ingolstadt entscheiden, so Michael Heinzlmeier, Dienstgruppenleiter der Polizei in Pfaffenhofen. Zwei Polizisten waren gestern laut Heinzlmeier noch unterwegs, um Bilder von dem Wagen zu machen und eine Personalie aufzunehmen. Aktiv wurde die Polizei, weil ein Bürger sich über den Wagen beschwert habe, so der Polizist. "Zudem haben Kollegen aus München mehrere Beschwerden entgegengenommen und an uns weitergeleitet." Bis nach München gelangte der Fall ebenfalls wegen der Posts in sozialen Netzwerken, woraufhin sich Bürger wohl bei ihrer Dienststelle vor Ort beschwerten.

Die Entscheidung, ob den Erfindern des Asyl-Wagens nun strafrechtliche Folgen drohen, dürfte schwierig werden. "Die Grenzen zur Volksverhetzung sind fließend", sagt Heinzlmeier.

Beim OCV ist man über den Vorfall natürlich mehr als unglücklich. "Im Nachhinein würde ich die jungen Leute nicht mehr losfahren lassen", räumt Konrad Moll, er ist beim OCV für den Umzug zuständig, unumwunden ein. Der Wagen sei als letzter am Bauhof angekommen und er habe sogar noch mit zwei Streifenbeamten darüber diskutiert. Letztlich sei man jedoch der Auffassung gewesen, dass durch die Aufschrift niemand beleidigt oder zu Gewalt aufgerufen werde - "und außerdem gibt es ja noch die Meinungsfreiheit". Zudem seien ihm die jungen Leute persönlich bekannt, versicherte der Zugleiter, "die haben mit Rechtsradikalen nichts am Hut". Moll betonte zudem, dass die jungen Leute ihren Panzer nicht extra für die Asyl-Thematik gebastelt hätten, sondern mit diesem schon vergangenes Jahr am Gaudiwurm teilgenommen hätten - "da hat sich jeder über das tolle Gefährt gefreut". Die jungen Leute seien sich der Tragweite der Geschichte sicherlich nicht bewusst gewesen - "und wir leider auch nicht." Im Übrigen sei auch eine Fußgruppe mit Asylbewerbern aus Jetzendorf mit dabei gewesen. "Die habe ich extra ganz vorne platziert", sagt der Zugleiter. Er finde es sehr schade, dass der eigentlich gelungene Umzug durch den Vorfall in den Hintergrund gerückt wird.

Tatsächlich feierten eine Gruppe von Einheimischen mit den Flüchtlingen aus Jetzendorf - und verkleideten sich sogar zueinander passend als Obstfamilie. Owais Islam Khatak aus Pakistan war die Erdbeere und genoss sichtlich das Feiern. "Ich bin hier das erste Mal dabei", so der Pakistani, der seit zehn Monaten in Deutschland lebt. "Das ist schön, das macht Spaß."

Überhaupt keinen Spaß macht dem Reichertshausener Bürgermeister Reinhard Heinrich (CSU) der Asyl-Panzer. "Das geht gar nicht", sagte er in einer ersten Reaktion gegenüber unserer Zeitung. Der Rathauschef, der momentan krank ist, hatte den Gaudiwurm selbst nicht besuchen können, kurz darauf aber einige im Internet veröffentlichten Bilder des "Panzerwagens" gesehen. "So etwas ist natürlich nicht tolerierbar", sagte der Rathauschef, "und auch nicht mit Fasching zu entschuldigen." Mit solchen Aktionen werde unnötig Öl ins Feuer gegossen, "noch dazu, weil wir in nächster Zeit eine ganze Reihe von Flüchtlingen in unserer Gemeinde erwarten." Der Vorfall werfe ein völlig falsches Bild auf die Gemeinde, die Willkommenskultur in Reichertshausen mit seinen vielen freiwilligen Asylhelfern sehe ganz anders aus.

Jenseits des Vorfalls war der Gaudiwurm für den OCV wieder der Höhepunkt einer erfolgreichen Faschingssaison, die mit dem Inthronisationsball am 2. Januar ihren Anfang genommen hatte. Beim Carnevalsverein wurde schon seit Wochen gehämmert, gebastelt und genäht für den Faschingszug - mit einer rekordverdächtigen Zahl von über 900 Mitwirkenden hoch auf 10 Wagen oder als Fußvolk in einer der 50 Fußgruppen. Mit viel Fantasie hatten die Teilnehmer die Wagen und Fußgruppen gestaltet, es waren Braunbären, Pinguine und viele andere bunte Tierfiguren unterwegs. Neben bundespolitischen Themen, wie beispielsweise die VW-Abgasaffäre und die Klimaerwärmung der Antarktis wurde auch das Reichertshausener Kreuzungsproblem in der Ortsmitte in Szene gesetzt. Die OCV-Regenten Maximilian I. und Alexandra II. sowie die anderen Akteure auf den Gaudiwagen warfen kiloweise Süßigkeiten unter das Volk.

Der Startschuss der Haunstettener Böllerschützen zu dem farbenfrohen Spektakel fiel pünktlich um 13 Uhr am gemeindlichen Bauhof. Von dort zog der 49. Gaudiwurm durch ein dichtes Zuschauerspalier zur Ortsmitte über Grafing, Paindorf, Oberpaindorf, Lausham, Pischelsdorf nach Steinkirchen.

Nach der Ankunft in Steinkirchen wurde noch bis spät in die Abendstunden gefeiert.