Rockolding: Aggressive Mischung
Die Situation ist eskaliert: Bewohner der Rockoldinger Flüchtlingsunterkunft - hier beim Einzug im Dezember - sind aufeinander losgegangen. Es gab 15 Verletzte. Arch - foto: Meßner
Rockolding

Wenn sehr viele Menschen dazu gezwungen werden, auf engem Raum zusammenzuleben, dann genügen oft Kleinigkeiten, Nichtigkeiten, um eine Situation eskalieren zu lassen. Das kann ein falsches Wort sein oder gar nur ein schiefer Blick. In Rockolding war es eine Zigarette.

In dem Vohburger Ortsteil stehen auf einem freien Feld hinter einer Tankstelle drei Zelte. In den äußeren beiden reiht sich Stockbett an Stockbett. Kopf an Kopf schlafen dort in den beiden Zelten bis zu 70 junge Männer gemeinsam. Sie legen sich nieder auf ihren blauen Matratzenbezügen und sehen links einen weiteren Leidensgenossen, rechts, vorne, hinten und im gleichen Stockbett noch einen Flüchtling. Kurz vor Weihnachten sind die ersten Syrer in Rockolding angekommen. Bereits in der ersten Nacht protestierten sie gegen die Unterbringung in „Zelten im Niemandsland“, drohten mit einem Hungerstreik und beschädigten Einrichtungsgegenstände. Sie wollten nicht auf Dauer dort bleiben und sagten damals bereits: Wir wollen keine Afghanen bei uns haben.

Am vergangenen Donnerstag sind nun weitere 47 Flüchtlinge in Rockolding angekommen – aus Afghanistan. Sie wurden in einem Zelt untergebracht, in dem bereits Syrer waren. Einer der Neuankömmlinge soll sich dort eine Zigarette angezündet haben. Einem anderen hat das nicht gepasst. Es kam zum Streit. Erst mit Worten, dann mit Taten. Stockbetten wurden umgeworfen und zerlegt. Nach den Angaben der Polizei zählten die beiden Lager aus syrischen und afghanischen Flüchtlingen etwa 25 bis 30 Personen. Bewaffnet mit den Metallpfosten der Stockbetten haben sie „aufeinander eingeschlagen“ wie es wörtlich im Polizeibericht heißt. Der Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr am Gelände ist, hatte keine Chance mehr, einzugreifen. Zu schnell soll die Situation eskaliert sein, zu viele Personen waren beteiligt, als das zwei Mann etwas ausrichten konnten. Die Polizei zog schnell Einsatzkräfte aus der Umgebung zusammen, sodass mit Unterstützung aus Ingolstadt rund 20 Beamte in Rockolding vorfuhren. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Lage bereits etwas beruhigt. Ein Polizeisprecher beschrieb die Atmosphäre als „aufgeheizt, aber nicht mehr akut“. Die beiden Streitparteien hatten sich getrennt. Die Polizei musste demnach nicht mehr unmittelbar eingreifen.

Der derzeit amtierende Landrat Anton Westner – Martin Wolf ist im Urlaub – verurteilt den Vorfall aufs Schärfste: „Ein derart aggressives Verhalten der Asylbewerber ist nicht zu akzeptieren.“ Er räumte zwar ein, dass die Umstände in Rockolding sicher nicht einfach seien, betonte aber, dass die lebensnotwendigen Bedürfnisse nach Sicherheit, Essen und einem warmen Schlafplatz befriedigt seien.

Bei dem Vorfall erlitten 15 Personen leichte Verletzungen – drei Flüchtlinge mussten zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus wurden aber kurz darauf wieder entlassen. Noch in der Nacht wurden die Sicherheitskräfte verdreifacht. Bei der Auseinandersetzung wurden auch Einrichtungsgegenstände in der Unterkunft beschädigt. Der Schaden lässt sich noch nicht beziffern, hieß es. Die Polizei Geisenfeld ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung. Nach ersten Erkenntnissen noch in der Nacht ist ein Rädelsführer, der wohl maßgeblich an der Eskalation beteiligt war, in eine andere Einrichtung verlegt worden, hieß es.

Am Morgen danach scheint die Sonne über dem Gelände. Das Sicherheitspersonal hat den mannshohen Bauzaun, der das Gelände umgibt, geschlossen. Die Flüchtlinge sind nicht eingesperrt, aber gut abgeschirmt. Sie können das Gelände jederzeit verlassen. Aus der Tankstelle nebenan tritt gerade ein junger Mann aus dem Laden. Er hat eine Stange Zigaretten unter den Arm geklemmt, lächelt und grüßt. „Sehr freundlich und höflich“ sind die Flüchtlinge sagt die Frau an der Kasse und findet viele lobende Worte für die neuen Nachbarn, die vor allem Zigaretten und Chips kaufen.

Als einige Zeit später das Essen des Catering-Services im Versorgungszelt aufgebaut wird, helfen die Flüchtlinge bereitwillig mit. Das Obst wird verteilt, als Nachspeise gibt es Joghurt. „Als wäre nichts passiert“, sagt die Zweite Bürgermeisterin Vohburgs, Roswitha Eisenhofer. Sie hofft, dass sich der Vorfall nicht auf die Hilfsbereitschaft des Helferkreises auswirkt. „Die Stimmung könnte kippen“, befürchtet sie. In der Unterkunft selbst wollen die Verantwortlichen verhindern, dass sich zwei Lager aus Syrern und Afghanen bilden. Wie es heißt, will man versuchen, beide Personengruppen besser zusammenzubringen, statt zu trennen. Denn ein Ende der Zelte in Rockolding ist kurzfristig nicht zu erwarten. „Eine anderweitige Unterbringung im Landkreis ist nicht mehr möglich“, sagt der amtierende Landrat Westner.