Reichertshausen: "Ich bin eine Grundgesetz-Fetischistin"
Eine neue Direktkandidatin für die Bundestagswahl schicken die Grünen ins Rennen: Einstimmig nominiert wurde Kerstin Schnapp. Die Co-Kreisvorsitzenden von Freising, Reinhard von Wittken (links), und von Pfaffenhofen, Norbert Ettenhuber (Mitte), gratulierten. - Foto: Paul
Reichertshausen

"Puh, gerade noch mal gut gegangen" - so mochte wohl mancher Grüne aus den drei Kreisverbänden gedacht haben, als Kerstin Schnapp mit 35 von 35 möglichen Stimmen als Kandidatin im neuen Wahlkreis 214 nominiert worden war und die Wahl auch angenommen hatte. Schließlich hatte man ja bereits eine Kandidatin. Doch Birgit Mooser-Niefanger, die in Freising auch im Stadtrat sowie im Kreistag sitzt, wechselte Ende vergangenen Jahres auf kommunaler Ebene urplötzlich zur bürgerlichen "Freisinger Mitte" und gab parallel ihrer alten Partei auch den Platz auf der Bundestagsliste zurück. Der "eigene Pulsschlag stimme nicht mehr mit dem der Gruppe überein", gab die Politikerin damals zur Begründung an die Basis an.

Und nun also Kerstin Schnapp. Die 40-jährige gebürtige Freisingerin, die in Pfaffenhofen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten als selbstständige Filmproduzentin tätig ist, gehört ihrer Partei seit mehr als 20 Jahren an. Vor vier Jahren kandidierte sie bereits für den Bayerischen Landtag, außerdem führt sie seit mehreren Jahren gemeinsam mit Landratskandidat Norbert Ettenhuber den Kreisverband. "Eine mindestens genau so gute Kandidatin", lobte die Freisinger Co-Kreisvorsitzende Waltraud Heinlein-Zischgl bei ihren Dankesworten, als sie Schnapp, wie üblich, zur Gratulation einen kleinen Blumentopf überreichte. "Eine bessere!", schallte es aus dem Publikum im Hinterzimmer der Gastwirtschaft.

Die Wut über den Rückzieher der Vorgängerin ist bei den Parteifreunden noch nicht ganz verraucht. Dass jemand von der sich als progressive Avantgarde begreifenden Partei zu einer eher bürgerlich-konservativen Gruppierung wechselt, ist in der politischen DNA der Grünen irgendwie nicht vorgesehen.

Wobei auch Kerstin Schnapp - zumindest anhand aller ihrer bisherigen Äußerungen - sicher nicht zum Fundi-Flügel der Partei gerechnet werden kann. In ihrer Vorstellungsansprache versuchte sie, die meisten in der Region, aber auch überörtlich derzeit relevanten Themen kurz zu streifen (siehe Kasten). Harte Angriffe auf den politischen Gegner sind - noch - nicht so ihre Sache. Ein Satz wie "Der Freisinger CSU-Bundestagsabgeordnete Erich Irlstorfer ist gegen die dritte Startbahn, seine Partei macht eine Politik dafür", gehört schon zu den schärferen verbalen Attacken. "Die Kerstin könnte ruhig noch ein wenig polemischer werden, sie ist manchmal noch zu ausgleichend", kritisierte ein anwesender Parteifreund. Klare Kante gibt es von Kerstin Schnapp allerdings gegen jene, die sie als Feinde der Demokratie ausgemacht hat: "Es ist wieder salonfähig, die Medien gängeln zu wollen und sich einen starken Mann an der Spitze zu wünschen, der ganz genau weiß, was das Beste für das von ihm so definierte eigene Volk ist", sagte sie in ihrer Ansprache. Der bevorstehende Bundestagswahlkampf werde einer "für das Grundgesetz", ist sich die Kandidatin sicher - und outete sich gleich noch als "Grundgesetzfetischistin". Wenn sie die Präambel höre, "von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen" - "da geht mir einer ab", meinte Kerstin Schnapp schmunzelnd.