Wenn der Duft eines Deos das Leben bedroht
Pfaffenhofen (DK) In dieser kleinen Zweizimmer-Wohnung erinnert rein gar nichts an Weihnachten: Kein Adventskranz, keine Lichterketten, keine Kerzen, keine grünen Zweige, keine Sterne. Weiße, kahle Räume im Wartestand. Als hätte der eigentliche Umzug noch gar nicht stattgefunden.

Um besser atmen zu können, setzt Christine Greil häufig eine Sauerstoffmaske auf. Da sie hypersensibel auf geringste Spuren von Chemikalien reagiert, wie sie zum Beispiel in Waschpulver, Deos oder Seife vorkommen, hat sie so gut wie keinen Kontakt mehr zu Freunden und Verwandten. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt stellt der Laptop dar – und natürlich ihre Mutter, die sich täglich mehrere Stunden um sie kümmert. - Foto: Hartleif
Dass die 26-Jährige sonst kaum Möbel hat, liegt nicht etwa am fehlenden Geld. Obwohl das bei einem Menschen, der wie Christine Greil von der Grundsicherung lebt, natürlich auch immer knapp ist. Der Grund ist vielmehr eine Krankheit, die hierzulande noch kaum bekannt ist: Multiple Chemikaliensensibilität, kurz MCS. Die Betroffenen reagieren mit Schwindel, Krämpfen, Konzentrationsstörungen, Übelkeit oder ausgeprägter Erschöpfung auf geringste Konzentrationen von Chemikalien im Alltag: Haushaltsreiniger, Weichspüler, Pestizide, frische Farbe, Autoabgase oder Möbel. Oft tritt im weiteren Verlauf von MCS zusätzlich eine Sensibilisierung auf natürliche Stoffe ein.
Christine Greil quälen vor allem die Gerüche. Das fing schon im Kindergarten an. Wenn eine Erzieherin ein stark riechendes Deo oder etwas zu viel Parfum aufgelegt hatte, bekam sie Kopfschmerzen und Nasenbluten. Da sich auf ihrer Haut außerdem rote Flecken bildeten, dachten ihre Mutter und Freunde zunächst an eine allergische Reaktion. Im Internet stieß die junge Frau später auf die Krankheit MCS; ein Verdacht war geweckt, den ein Trierer Arzt und Toxikologe vor vier Jahren bestätigte.
Wenig Rücksicht in Schule
Die rätselhaften Symptome, auf die sich anfangs niemand einen Reim machen konnte, ließen das Mädchen schon im Grundschulalter zur Außenseiterin werden. Weil sie den Geruch der Druckerschwärze nicht vertrug, musste ihre Mutter die Seiten der Schulbücher kopieren und einzeln in Schutzhüllen stecken. "Nur ganz wenige hatten Verständnis und haben Rücksicht genommen", erzählt die 26-Jährige.
Im Gymnasium war sie schließlich so geschwächt, dass sie die Schule nach der elften Klasse abbrechen musste. Den Antrag auf Hausunterricht lehnte das Gesundheitsamt mit der Begründung ab, eine solche Krankheit gebe es gar nicht. Tatsächlich wurde MCS in Deutschland erst nach langem Kampf der Betroffenen als körperliche Krankheit anerkannt. Davor betrachtete man die Symptome meist als seelisch bedingt. "Die hätten meine Tochter am liebsten in die Psychiatrie gesteckt", erzählt die Mutter über die Untersuchung beim Gesundheitsamt. "Christine war damals schon sehr schwach und konnte kaum mehr aufstehen", sagt die 52-Jährige.
An den Besuch der Fremdsprachenschule, auf die Christine gerne gegangen wäre, war deshalb gar nicht zu denken. Mit weitreichenden Folgen: "Mein Vater hat die Unterhaltszahlungen eingestellt, mit der Begründung, dass ich keine Ausbildung anfange und nur simuliere", sagt die 26-Jährige. Der materielle Abstieg begann.
Viel schlimmer jedoch war das unaufhaltsame Fortschreiten ihres Leidens. 2006 erkrankte die junge Frau außerdem an Lymphdrüsenkrebs. Da sie die Gerüche im Krankenhaus nicht ertrug, musste sie ambulant mit Chemotherapie behandelt werden. Diese Therapie war zwar erfolgreich, verschlimmerte ihre Chemikaliensensibilität aber noch. Außerdem brachen ihr in Folge mehrere Wirbel, die bis heute nicht zusammengewachsen sind.
Sauerstoff und Morphium
Christine Greil verlässt ihr Bett deshalb kaum noch. Auch Morphiumtabletten können sie nicht ganz von den unerträglichen Schmerzen befreien. Ein neues Kleidungsstück kann sie erst tragen, wenn ihre Mutter es mindestens zehn bis fünfzehn Mal gewaschen hat.
Um leichter Atmen zu können, benutzt sie meistens ein Sauerstoffgerät. Ist das Fenster gekippt, riecht sie von weitem, welches Deo oder Rasierwasser vorbei gehende Passanten aufgetragen haben. Der Duft der frischen Wäsche aus Nachbars Garten lösen bei ihr Übelkeit, starke Schwindelgefühle und Krämpfe aus. Selbst fernsehen kann sie nicht länger als 15 Minuten, da auch von dem sich erwärmenden Gerät Gerüche ausgehen. Die Kabel sind aus diesem Grund von vorne bis hinten mit Alufolie umwickelt.
"Weihnachten ist für uns eine ganz schlimme Zeit", sagt Christines Mutter, die sich täglich viele Stunden um ihre Tochter kümmert. "Früher war dann immer die ganze Familie zusammen." Heute dagegen ist der 24. Dezember ein Tag wie jeder andere. Auch die Mutter selbst hat – besonders seit sie ihren Job vor zwei Jahren verlor – kaum mehr Kontakt zu anderen Menschen. Ihr fehlt es oft einfach an Kraft: Wenn sie zum Beispiel nach einem Treffen mit ihren Freundinnen in die Wohnung ihrer Tochter zurückkehrt, muss sie sich erst duschen und frische Kleider anziehen, die ohne Duftstoffe gewaschen wurden.
Hätten die beiden einen Weihnachtswunsch frei, dann wäre es ein allein stehendes Häuschen, auch gerne außerhalb Pfaffenhofens, das weit ab aller Schadstoffemissionen liegt und keine giftigen Baumaterialien enthält. Vermieter, die sich angesprochen fühlen, können sich an die Redaktion des Pfaffenhofener Kurier unter der Telefonnummer (0 84 41) 8 69 25 wenden.
Ein Hoffnungsfunken
Noch mehr Hoffnungen verbinden die Greils mit einem zweiten Wunsch: Einer Behandlung in der laut Betroffenenorganisation und Ärzten einzigen Klinik, die auf MCS spezialisiert ist, dem Environmental Health Center in Dallas. Mindestens 20 000 Euro würde ein etwa sechswöchigen Aufenthalt inklusive Flug kosten. Eine Heilung gibt es bei MCS zwar nicht; dank der Medikamente, die in Deutschland nicht erhältlich sind, besteht aber die Aussicht auf eine deutliche Besserung und ein halbwegs normales Leben. "Ich weiß nicht, wie lange es noch so weitergeht", sagt Christine Greil. "Es wird immer schlimmer, ich habe immer weniger Kraft."
Zweckgebundene Spenden bitte mit dem Vermerk "Christine" auf dem Überweisungsträger versehen.
Von Sabine Hartleif
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