Das Grimm’sche Märchen vom Sterntaler statt Sankt Martin. Schattenspiele statt eines Rollenspiels. Und Kekse und Stockbrot statt Wienern und Punsch. So feiert man im städtischen Kindergarten Burzlbaam am kommenden Montag das Fest, das andere traditionell Sankt-Martins-Fest nennen. Andrea Mischke, Leiterin der Einrichtung und städtische Fachberaterin erklärt die Hintergründe, warum man auf den christlichen Teil des Festes verzichtet: „Bei uns hat wie in allen anderen Kindertagesstätten auch der universelle Wert des Teilens oberste Priorität. Aber wir haben uns vor fünf Jahren in Abstimmung mit den Eltern dafür entschieden, ein neutrales Bild des Teilens vermitteln zu wollen.“ Andrea Mischke betont, dass der Burzlbaam eine weltliche Kindertagesstätte ist – und damit frei von religiösen Einflüssen. Außerdem sei sie ein Freund inklusiver Pädagogik, „die jeden mitkommen und teilhaben lässt. Uns geht es um Offenheit“.
 
Und die katholisch getauften Kinder sind im Burzlbaam in der Minderheit. Alle Kinder haben in den vergangenen vier Wochen gemeinsam ihr Laternen- und Lichterfest vorbereitet, haben Kekse gebacken, ihre Laternen gebastelt und Lieder einstudiert. Und so ganz kommt auch der Burzlbaam nicht ohne den Sankt Martin aus – denn nach dem Laternenumzug werden auch sie das Lied „Ich geh’ mit meiner Laterne“ vortragen, in dem eine Strophe von eben jenem Heiligen handelt. Im Anschluss wird das Märchen vom Sterntaler aufgeführt. Darin besitzt ein armes Waisenkind kaum etwas – verschenkt aber alles, selbst sein letztes Hemdchen, an andere Bedürftige. Das Motiv des Teilens ist offensichtlich. „Für andere da zu sein und zu teilen, das sind die zentralen pädagogischen Werte, um die es auch bei uns geht.“
 
Nur: Nicht jeder sieht das so. CSU-Stadtrat und Bäckermeister Hans Bergmeister beispielsweise kritisiert den konfessionell-neutralen Ablauf des Festes. „Mir ist die Abkehr von diesem christlichen Brauch in städtischen Einrichtungen schon etwas ein Dorn im Auge. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Umzüge, an die Laternen, besonders aber an Ross und Reiter. Das war schon etwas Besonderes.“ Um seinem Unverständnis Ausdruck zu verleihen, hat er im sozialen Netzwerk Facebook eine Gruppe gegründet, „Rettet den St. Martinsumzug“. Bei Redaktionsschluss haben 176 Personen angegeben, dass ihnen die Seite gefällt – Tendenz steigend. Zuspruch erhält Bergmeister auch von seinem Stadtratskollegen und Kindergartenreferenten Wolfgang Moll. (FDP). Der ist der Meinung, dass man allen Kindern mit verschiedenen religiösen Hintergründen die Werte der Martinslegende vermitteln kann. „Sie müssen nicht gleich daran glauben, aber der Gedanke des Teilens ist für alle Religionen wichtig.“ Deshalb ist Moll gegen die Abschaffung der Martinsbräuche. „Alles wird verweltlicht, das finde ich nicht gut. Die Umzüge zu Sankt Martin haben eine lange Tradition. Die Laternen- oder Lichterumzüge hätten aber gar keine Wurzeln mehr.“
 
Die anderen städtischen Kindergärten und der katholische Pfarrkindergarten Frederick in Tegernbach dagegen feiern ein klassisches Martinsfest. Angedacht sind Laternenumzüge, Sankt-Martins-Lieder und Rollenspiele, in dem Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt – teilweise sogar mit echtem Pferd. Laut Erzieherin Janina Preißler von St. Elisabeth sei das für die ausländischen Kinder kein Problem. „Im Gegenteil, die Familien gehen sogar immer gerne mit.“