Pfaffenhofen: Die Angst vor der Angst
Probleme in der Schule, zu Hause oder mit Freunden: Den steigenden psychischen Druck auf junge Leute beobachten die Mitarbeiter der Jugend- und Elternberatung mit Sorge - Foto: Thinkstock
Pfaffenhofen
An erster Stelle steht dem jüngsten Rechenschaftsbericht der Einrichtung zufolge nach wie vor die Belastung von Kindern durch die Trennung der Eltern. Auch emotionale Probleme junger Menschen, Entwicklungsauffälligkeiten und Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Kind gehören zu den Standardsituationen, mit denen die Berater konfrontiert werden. Auffällig ist für den Leiter der Erziehungsberatungsstelle, Manfred Kotulla, jedoch, dass die Zahl der Schulverweigerer stetig steigt. „Immer mehr Eltern wenden sich ratlos, ja verzweifelt an uns, weil ihr Kind nicht in den Unterricht gehen möchte“, so der Diplom-Psychologe. Dabei handele es sich in den wenigsten Fällen um Teenager mit „Null-Bock-Haltung“, die einfach ein paar Tage „blau machen“ wollen. Vielmehr ist das Altersspektrum von Grundschule bis Berufsschule „breit gestreut“ und besonders häufig sind Mädchen betroffen, die als gewissenhaft und fleißig gelten. Bauch- und Kopfschmerzen, ohne nachweisliche körperliche Ursachen, gehören zu den oft angegebenen Gründen für den Wunsch, zu Hause bleiben zu dürfen.

„Wir müssen in jedem Einzelfall zunächst den Sachverhalt genau prüfen, um die wahren Ursachen der psychosomatischen Beschwerden zu finden“, erklärt der Familienberater. Mal steckten die Sorge um eine kranke Mutter oder das Trauma eines Todesfalles in der Familie hinter dem Unwohlsein. Manchmal gibt es Probleme in der Klasse, das Kind wird gemobbt oder leidet unter dem schlechten Klima in der Gruppe. Häufig aber seien es auch hohe Leistungsansprüche, also „der starke Wunsch, es Eltern und Lehrern unbedingt recht machen zu wollen“.

Für die Berater gilt es, nach individuellen Lösungsstrategien zu suchen und „die Angst vor der Angst“ abbauen zu helfen. Das setze den Dialog mit der Schule voraus, so Kotulla, der zudem in schwereren Fällen weiterführende Hilfe durch Kinder- oder Jugendpsychiater empfiehlt. „Manchmal kommen wir nicht um eine integrierte Beschulung in speziellen Einrichtungen herum“, bedauert der Psychologe. Damit „Kleinigkeiten sich nicht zu massiven Problemen auswachsen“ ermuntert Kotulla Jugendliche und Eltern dazu, sich „frühzeitig an die Beratungsstelle zu wenden“.

Ein weiteres Phänomen, das der Berater beobachtet, ist die steigende Zahl psychisch kranker Eltern. „Hier ist es unsere wichtigste Aufgabe dafür zu sorgen, dass deren Kinder nicht aus dem Blick geraten“, betont er die Notwendigkeit besonderer Betreuungsangebote für die Betroffenen. Gefangen in Depression oder anderen Leiden seien Mutter oder Vater nicht in der Lage, dem Nachwuchs die nötige Zuwendung zukommen zu lassen. Was dazu führe, dass die Heranwachsenden ihrerseits ein erhöhtes Risiko haben, selber zu erkranken.

„Ich freue mich deshalb besonders, dass es uns gelungen ist, wieder die Sonnenschein-Gruppe zu installieren“, erklärt der Chef der Beratungsstelle. Diese Gruppe, die sich der Kinder psychisch kranker Eltern annimmt, habe sich zu einem gemeinsamen Projekt des Sozialpsychiatrischen Dienstes und der Beratungsstelle weiter entwickelt.

Zumindest bis Ende des Jahres fortgesetzt werden soll die überregionale bke-Onlineberatung (der Name leitet sich von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung ab), an der man sich in Pfaffenhofen beteiligt. Auch im Arbeitskreis Sucht sowie in dem Anti-Mobbing-Projekt des Landkreises bringt sich das Caritas-Team ein. Wie Kotulla einräumt, steht die Beratungsstelle vor personellen Herausforderungen, die sich aus der Erkrankung einer Mitarbeiterin ergeben. Man werde den Ausfall aber teilweise auffangen und eine wesentliche Verlängerung der Wartezeiten verhindern können, hofft er. Positiv sieht er dem Umzug in das neue Caritas-Zentrum entgegen, in dem ab Sommer alle Dienste unter einem Dach vertreten sein werden.