Pfaffenhofen: Eine Frage des Gefühls
„Das ist Bevormundung“, sagt Hartmut Eitner vom Café Molly Bloom in Pfaffenhofen zur kommentierten Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Jeder Mensch solle sich seine Meinung selbst bilden können, so Eitner, der sich das Buch in der Pfaffenhofener Buchhandlung Osiander ansieht. Er hat das Buch bisher nicht gelesen und weiß auch nicht, ob er das je tun wird - Foto: Brenner
Pfaffenhofen

Nein, auf ein Foto will sie nicht. „Und schon gar nicht mit diesem Buch“, sagt Buchhänderin Wilfriede Schwarz von der Filiale Osiander in Pfaffenhofen. Auch ihre beiden Kolleginnen wollen sich nicht mit dem Buch in der Zeitung sehen. „Ich verkaufe es, weil ich Buchhändlerin bin, aber persönlich will ich nichts damit zu tun haben“, sagt Evelyn Donth. Am Morgen haben die Frauen drei Exemplare der wuchtigen, zweibändigen, 1948 Seiten umfassenden Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“ verkauft. „Die gingen innerhalb einer halben Stunde weg“, sagt Schwarz, ein wenig erstaunt, angesichts des stattlichen Preises: 59 Euro kostet das Werk. Schwarz ist froh, dass das Institut für Zeitgeschichte es in kommentierter Fassung herausbringt, „und es nicht in populärer Aufmachung gedruckt wird“.

Ganz anders sieht das Kunde Hartmut Eitner, der das schwere Werk kritisch in seinen Händen wiegt. „Ich finde, man muss auch unerträgliche Meinungen erdulden“, sagt er. Die kommentierte Fassung empfindet er als Bevormundung, die allenfalls für Kinder in Ordnung sei.

Dass die Fassung überhaupt auf dem Neuauflagen-Tisch der Pfaffenhofener Osiander-Filiale steht, liegt unter anderem daran, dass Hermann-Arndt Riethmüller sich dafür eingesetzt hat. „Ich bin im Schweigen aufgewachsen“, sagt der Geschäftsführer des Unternehmens mit Sitz in Tübingen. „Noch Ende der 90er Jahre hat man das Thema Drittes Reich in den Buchhandlungen ausgeblendet.“ Er selbst kam mit dem Werk erstmals in Berührung, als er mit seiner Frau 1971 in einem israelischen Kibbuz arbeitete und die beiden wegen der deutschen Geschichte als Schweizer vorgestellt wurden. „In einem Buchladen in Jerusalem haben wir dann Hitlers ,Mein Kampf’ gesehen und fragten uns, wie das sein kann“, berichtet der 71-Jährige. Die Antwort überzeugte ihn: „Sie wollten den Bürgern die Möglichkeit geben, zu verstehen, wie der Holocaust entstehen konnte“, so Riethmüller. Und genau das will er auch heute: Der kritische Kunde soll sich frei über die deutsche Vergangenheit informieren dürfen. In die Schaufenster würde er es allerdings nicht stellen: „Es soll nicht wirken wie eine positive Empfehlung.“

Ähnlich sieht das der Leiter des Pfaffenhofener Schyren-Gymnasiums, Dietmar Boshof. Der Geschichtslehrer sieht den Umgang mit dem Buch „völlig undramatisch“. Die Geschichtslehrer haben immer schon Passagen aus dem Buch im Unterricht kritisch behandelt, sagt Boshof. Nun wird er sich auch die kommentierte Gesamtausgabe besorgen und mit der Fachschaft darüber sprechen, wie man das Werk im Unterricht behandeln könnte. Eine Gefahr für Jugendliche sieht er nicht. „Die verschwurbelte Ideologie ist für Jugendliche sowieso schwer zugänglich und verständlich“, sagt er, „da halte ich Neonazi-Broschüren für deutlich gefährlicher.“

Eher pragmatisch sieht man die Neuauflage an der Georg-Hipp-Realschule in Pfaffenhofen. Dort wird es künftig eher keine große Rolle spielen, sagt Konrektor Reno Wohlschläger. „Das Buch ist nur ein Bestandteil der Geschichte des Nationalsozialismus“, sagt er. „Es geht zu sehr ins Detail.“

In der Pfaffenhofener Buchhandlung Kilgus spricht Besitzerin Cornelia Kilgus von einer wirtschaftlichen Entscheidung: „Wegen des hohen Preises kann ich das Buch nicht auf Lager legen“, sagt sie. Ohnehin habe es nicht viele Bestellungen gegeben.

Für die Leiterin der Marktbuchhandlung Kawasch in Wolnzach, Ingeborg Kawasch, ist die Entscheidung über den Umgang mit dem Werk vor allem „eine Gefühlfrage“. Sie hat sich die Bücher vorgemerkt und wird auf Anfrage liefern, „weil ich niemanden bevormunden will“. In die Regale kommen ihr die Bücher aber nicht. „So etwas muss man sich nicht auf Lager holen“, sagt Kawasch.

In der Vohburger Bibliothek wird das Werk ebenfalls nicht zu finden sein. „Wir brauchen hier nur Bücher von Menschen, die die Bezeichnung ,Autor’ auch wirklich verdienen“, sagt die Leiterin der Vohburger Bibliothek, Alexandra Schmid.

Auch Elisabeth Zeidler von der Pfaffenhofener Kreisbücherei schafft das Buch vorerst nicht an. Per Fernleihe sei es ohnehin offen verfügbar. „Ich warte erst noch“, sagt sie. Doch sie bezweifelt, dass eine Bestellung notwendig ist, wenn das mediale Interesse erst nachlässt. „Ich glaube nicht, dass es ein dauerhaftes Interesse an dem Buch gibt.“