Der Landkreis Pfaffenhofen hat mit dem Aktionsbündnis „Mobbing – nicht mit uns!“ nun ein Pilotprojekt initiiert, bei dem unter anderem das Jugendamt, die Elternakademie, die Caritas-Erziehungsberatung und das Schulamt gegen ein sich zunehmend verbreitendes Übel angehen wollen.

Eine Mutter, die mit Rücksicht auf ihre Tochter anonym bleiben möchte, hat im Gespräch mit unserer Zeitung geschildert, wie solch ein Fall aussehen kann. Als „pubertäres Gezicke“ hätte sie wohl abgetan, was ihre Tochter von Auseinandersetzungen mit Schulkameraden erzählte. Dass sie rechtzeitig erkannt hat, was sich hinter den Hänseleien anbahnte, „das habe ich der Elternakademie zu verdanken“, ist Hannelore Paulsen (alle Namen geändert) überzeugt.

Die Mutter einer Zwölfjährigen schätzte die Situation als „Mobbing“ ein – und traf die richtigen Entscheidungen. „Was mit meinem Kind sonst passiert wäre, mag ich mir gar nicht vorstellen“, erklärt sie und hat dabei jene traurigen Geschichten von jungen Menschen vor Augen, die im schlimmsten Fall bis in den Selbstmord getrieben werden.

Begonnen hat alles damit, dass Meike zu Hause berichtete, sie sei von einem Jungen „ständig getriezt“ worden. Das passiert halt mal in dem Alter, die ersten Kappeleien der Geschlechter, war die erste Reaktion der Eltern. Doch es blieb nicht bei Sticheleien. Nach und nach stiegen andere Klassenkameraden auf die Masche ein. Die Zahl derer, die Meike „ärgerten“ wurde immer größer.

Ein paar Wochen zuvor hatte Hannelore Paulsen begonnen, sich bei der Elternakademie einzubringen. Weil sie anderen helfen wollte. Dass sie selbst betroffen sein würde, ahnte sie da noch nicht. Schließlich war ihr eigenes Kind selbstbewusst, integriert und „sehr sozial eingestellt“. Das stand sogar im Zeugnis. Dann langsam dämmerte es der Einzelhandelskauffrau: Ihre Tochter wurde gemobbt.

Sie hakte nach. Auch die Mädchen seien jetzt mit von der Partie, räumte Meike zu. Sie fänden sie uncool, „weil ich keine hochhackigen Schuhe trage, mich nicht schminke und nicht mit den andern abhänge“, erzählt sie verunsichert. Paulsen bekommt bei diesen Berichten „regelrecht Bauchschmerzen“. Sie stärkt ihrer Tochter den Rücken. Aber was die Mama sagt, zählt bei Teenagern nicht wirklich. Glücklicherweise hat Meike noch Freunde außerhalb der Schule. Wenigstens diese Gleichaltrigen bestätigen ihr, sie sei „völlig in Ordnung, so wie sie ist“.

Die Eltern fürchten, wenn die Mobber erst einmal das Internet nutzen, ist es auch damit vorbei. Denn mit einem „Opfer“, so die Bezeichnung der Kids für jene, die sie ausgrenzen, mag niemand was zu tun haben. „Viele haben Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden, wenn sie jemandem beistehen“, weiß die Mutter.

Meike wurde immer unglücklicher, zweifelte an sich und fühlte sich hilflos. Plötzlich verschwinden Teile ihrer Schulbücher, ihre Taschen werden durchwühlt. Und dann kündigte ihr auch noch die beste Freundin die Freundschaft. „Jetzt muss etwas passieren, wenn dein Kind nicht kaputt gehen soll“, fasst die Mutter den Entschluss, sich an die Schule zu wenden. Von der Elternakademie hat sie gelernt, dass Vorwürfe gegen die Täter nicht helfen. „Obwohl ich gute Lust gehabt hätte, die so richtig in den Senkel zu stellen“, gesteht sie ihre Wut und Frustration. Sie entscheidet sich stattdessen, mit der Schulpsychologin und einer Lehrerin zu reden.

Meike und ihre Mutter haben Glück. Beide kennen sich mit dem Thema Mobbing aus, zeigen Verständnis und verharmlosen nichts. Behutsam, ohne Meike bloßzustellen, sorgen sie dafür, dass die Gymnasiastin innerhalb der Klasse nicht weiter isoliert wird. Zudem versuchen sie, in der Klasse ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Mobbing mit einem Menschen macht.

Der eigene Bruder übt zudem mit seiner Schwester, wie sie auf Pöbeleien reagieren kann. Als Anleitung dienen ihm Tipps aus dem Fernsehen. Die Strategie zeigt Wirkung. Inzwischen hat Meike die erste Klassenfahrt überstanden. Davor hatte die Mutter große Angst. „Aber alles ist gut gelaufen“, berichtet sie erleichtert. Angesichts ihrer eigenen Erfahrungen steht Hannelore Paulsen nun mehr denn je hinter dem Aktionsbündnis. Denn: Alleine kann ein Teenager den Kampf gegen mobbende Gleichaltrige nicht gewinnen.