Pfaffenhofen: Toi, toi, toi!
 
Pfaffenhofen
Ein altes Fünfmarkstück als Glücksbringer trägt Kathrin Maier immer bei sich – im Portemonnaie zwischen dem restlichen Kleingeld. Das Relikt aus der D-Mark-Zeit ist seit Jahren der ständiger Begleiter der früheren Stadtjugendpflegerin und jetzigen Sozialbereichsleiterin in der Pfaffenhofener Stadtverwaltung. Woher sie die Münze hat, weiß Maier freilich nicht mehr: „Die ist einfach einmal übrig geblieben“, erzählt sie. Vielleicht Wechselgeld, vielleicht ein alter Zigarettenfünfer. Was die Wirkung des Talismans betrifft, ist die Sozialpädagogin pragmatisch: „Ich weiß ja nicht, ob es mir ohne schlechter gehen würde“, feixt sie. Abergläubisch sei sie eigentlich nicht übermäßig. Außer bei einer Sache: „An Weihnachten und Silvester darf keine Wäsche in der Maschine sein oder an der Leine hängen.“

Altgediente Währung fürs Glück nutzt auch der Pfaffenhofener Künstler und nicht nur sprichwörtlich bunte Hund Manfred Habl. Er vertraut seit Jahren einem Kupferpfennig – sein persönliches Fifty-fifty-Orakel. „Es gibt immer Fragen im Leben, die man mit Ja oder Nein beantworten kann“, erklärt Habl. „Das Entscheidende ist, die Frage vorzuformulieren.“ Man müsse ein Problem so auf eine Ja-Nein-Frage eindampfen, dass einem keine der beiden Möglichkeiten schaden könne. Dann wird der Pfennig zwischen den Fingern gedreht und auf dem Handrücken aufgedeckt. Zahl heißt ja. Eichenlaub heißt nein.

„Das ist hilfreich, wenn man bei Entscheidungen in die Enge getrieben wird“, betont Habl. „Ein Orakel ist immer neutral.“ Oft benutze er es bei „ganz banalen Fragen“: Fisch oder Fleisch zum Essen? Kaufen oder sparen? Links oder rechts abbiegen? „Meine Frau und ich haben im Urlaub einmal an jeder Kreuzung einen Pfennig geschmissen“, erinnert sich der Künstler.

Das Orakel habe nichts mit Esoterik zu tun oder mit Aberglaube, führt Habl aus. Vielmehr mit einer Lebenseinstellung: Sein Orakel begleitet ihn durchs Leben und damit durchs Glück: „Die Frage ist doch, was ich unter Glück verstehe“, erklärt der Pfaffenhofener. „Jeden Tag aufzuwachen kann schon Glück genug sein.“ Man müsse im Leben Entscheidungen, etwa durch den Pfennigwurf, akzeptieren. „Zum Glück gehört jeden Tag auch ein bisschen Mut“, orakelt Habl – aus eigener Erfahrung und ohne Pfennig.

Sportler neigen ja gerne zu einer guten Portion Aberglaube. Die Schweitenkirchener Spitzensportlerin Viola Wächter etwa trägt einen Glücksgürtel bei ihren Judowettkämpfen. „Zum ersten Mal trug ich ihn im Frühjahr 2010 auf der Südamerika-Tour mit den Stationen Rio de Janeiro und São Paulo“, erinnert sie sich. Bei diesen Wettkämpfen habe sie sich mit genialen Würfen Bronzemedaillen erkämpft. „An diesen Tagen stimmte einfach alles: Ich kämpfte frei, vielfältig, und es fühlte sich einfach wahnsinnig gut an mit meinem neuen Gürtel“, erzählt Wächter. Auf seiner Rückseite ist „Bundespolizei“ eingestickt – denn die Sportlerin ist von Beruf Bundespolizeimeisterin. „Der Gürtel ist für mich schon ein Symbol“, betont Wächter. Und für Judokämpfer ist er ein ganz besonderer Teil der Ausrüstung: „Ich habe mal wen sagen hören: Wenn man seinen Gürtel vergisst, ist dass, wie wenn ein Schwimmer seine Badehose vergisst – da ist etwas Wahres dran!“

Wächters Kollegin, die Pfaffenhofener Polizeibeamtin Barbara Wunderlich, hat auch einen Glücksbringer. In ihrem grünen Dienstausweis ist Jahr und Tag ein kleines Bildchen mit zwei Fliegenpilzen eingelegt, dem klassischen Glückssymbol. „Ich habe es seit 2006 immer dabei“, erzählt die Polizeihauptmeisterin. „Ich hab’s von einem älteren Kollegen bekommen.“ Von ihm ist auf dem Fleißkärtchen auch handschriftlich „sehr gut“ vermerkt, weil sie damals vor fast sechs Jahren durch aufmerksames Beobachten ermöglicht hatte, eher zufällig einen Gesuchten zu schnappen.

Abergläubisch sei sie eigentlich überhaupt nicht, betont die Polizistin. Ihr Talisman sei eher eine Art Erinnerungsstück als ein klassischer Glücksbringer. „Er erinnert mich daran, dass der Zufall manchmal helfen kann“, erzählt Wunderlich. Für das neue Jahr hat sie übrigens einen besonderen Wunsch für sich und ihre Kollegen im Polizeidienst: „Dass wir immer gesund von der Arbeit heimkommen“.

Sieglinde Wiegand, Chefin der Pfaffenhofener Tafel, kennt die Not der Menschen wie nur wenige andere. Entsprechend wünscht sie sich fürs neue Jahr vor allem eins: „Dass die, die unsere Hilfe brauchen, wieder Arbeit finden.“ Denn entgegen allen Stammtischparolen würden viele, die zum Tafel-Klientel gehören, sehr wohl arbeiten wollen und sich auch viel aber vergebens bewerben. Gute Wünsche hin oder her, von Humbug hält Wiegand nichts. Trotzdem hat sie einige geschenkte Glücksbringer im Haus – hier ein gerahmter Glückspfennig, da ein vierblättriges Kleeblatt im Fotoalbum. „Der, der’s schenkt, hat sich ja Gedanken gemacht“, betont sie. Deshalb hält die Tafel-Vorsitzende solche Talismane trotz aller Skepsis in Ehren. Vor allem das selbst gebastelte Schildchen mit Glückssymbolen, dass die Familie jedes Jahr von ihrer Schwägerin bekommt. Heuer war’s ein Schweinchen. Und morgen, zum Neujahrstag, wird sie wieder ein neues Schildchen bekommen. „Und auch das wird hier seinen Platz finden“, verspricht Wiegand.