Pfaffenhofen: "Ich komme an die Leute nicht mehr ran"
Warnt vor Nachlässigkeit beim Brandschutz: Pfaffenhofens Feuerwehrkommandant Roland Seemüller. - Foto: Straßer
Pfaffenhofen
Ist ein Brand wie in London auch in Pfaffenhofen vorstellbar?

Roland Seemüller: Im Industriebau nicht. Und mit dem Hipp-Verwaltungsturm und Sankyo gibt es nur zwei Hochhäuser in Pfaffenhofen. Da lassen es die Richtlinien in Bayern nicht zu, eine Fassade wie in London zu verbauen. Dort hatten sie eine brennbare Dämmung. Beim Wohnbau kann man sehr wohl mit diesen Dämmungen arbeiten. Und dann kann natürlich auch so ein Problem auftreten.

 

Wie wird bei einer brennbaren Fassade versucht, die Ausbreitung der Flammen zu verhindern?

Seemüller: Man baut über den Fenstern Brandriegel aus nicht brennbarem Material ein. Aber die Feuerwehren haben in Bayern zehn Minuten Zeit, den Brandort zu erreichen. Und bis du aufgebaut hast, ist eine Viertelstunde gleich rum, bis du einen Fassadenbrand von mehreren Drehleitern aus wirkungsvoll bekämpfen kannst, dauert das seine Zeit. Es kann blöd ausgehen.

 

Haben Sie schon mal etwas in der Richtung erlebt?

Seemüller: 2014 hatten wir einen Balkonbrand. Das Haus hatte eine Fassadendämmung. Da hat nur ein Kübel auf dem Balkon gebrannt. Nach dem Ablöschen haben wir festgestellt, dass die Fassade warm ist, das Feuer ist hinter der Putzschicht nach oben gelaufen. Das ist nicht zu unterschätzen.

 

Und das ist zugelassen?

Seemüller: Das hat alles seine Bescheinigung vom Institut für Bautechnik. In den Brandschutzrichtlinien nimmt man an, dass sich ein Feuer von innen her ausbreitet. Wenn der Brand jetzt von außen kommt und auf einen Schlag alle Rettungswege wie Fenster oder Türen blockiert sind, dann hast du ein Problem.

 

Wie sollten aus Sicht der Feuerwehr Häuser gebaut sein?

Seemüller: Betoniert ist betoniert, dann fehlt sich nichts (lacht). Dieses Problem mit brennbaren Fassaden hat man nicht nur bei Wärmeverbundsystemen, auch bei hinterlüfteten Holzfassaden wie bei dem großen Bau im Ecoquartier. Auch alte Bausubstanz kann ein Problem sein.

 

Nehmen wir als Beispiel ein Mehrparteienhaus mit Holzfassade, wie sie in der Stadt zuletzt vermehrt gebaut wurden. Wie sieht hier ein Horrorszenario aus?

Seemüller: Als Fluchtweg gibt es das Treppenhaus und wir haben anleiterbare Fenster. Nehmen wir den Extremfall: Der Brand blockiert den Treppenraum und gleichzeitig schlägt das Feuer auf die Fassade über. Dann komme ich an die Leute nicht mehr ran. Die Versammlungsstättenverordnung sieht solche brennbaren Fassaden sehr kritisch. Beim Häuslbauer schaut aber halt normalerweise niemand nach. Aber es gibt viele Dinge, die nicht ganz ohne sind, die würde ich bei mir nicht machen.

 

Kritisch ist vor allem die Sanierung von alten Gebäuden. Worauf ist dabei zu achten?

Seemüller: Wenn ich eine Nachrüstung mache, muss ich schauen, dass ich den Brandschutz sicherstelle. Dafür haben wir die Feuerbeschau. Der Grundgedanke dabei ist: Wir stellen fest, ob ein wirkungsvoller Feuerwehreinsatz möglich ist. Wenn wir sehen, dass in einem Treppenhaus Brandschutztüren fehlen, geben wir das ans Landratsamt weiter, die sind für bauliche Mängel zuständig.

 

Und das wird dann teuer...

Seemüller: Kommt ganz drauf an. Oft heißt es, dass die Anforderungen der Feuerwehren ein Kostentreiber sind. Aber das sind nicht die Feuerwehren. Die haben einen ganz einfachen Job. Ich brauche irgendwo Aufstellflächen, von wo aus ich die Leute mit der Leiter rausholen kann, ich brauche irgendwo Türen, wo das Feuer nicht weiterkann. Und wenn ich jetzt versuche bei einem Gebäude, das 1950 gebaut ist, die Bauordnung von heute drüberzustülpen, das geht halt mal nicht. Also muss ich mir als Fachplaner was überlegen. Das lässt die Bauordnung auch zu. Abweichungen kann man zum Beispiel durch Sprinkler, Brandmeldeanlagen oder zusätzliche Ausgänge kompensieren. Richtig teuer ist es nur, wenn ich sage, jetzt sanieren wir, und ich tue eine nagelneue Bauordnung drüber.

Ist das nicht ein Millionengeschäft?

Seemüller: (nickt.) Es gibt sehr gute Brandschutzplaner, die sagen genau, da braucht es eine Tür, da einen Kanal. Fertig. Andere bauen vier Türen hintereinander ein, weil sie auf Nummer sicher gehen wollen. Dann wird's teuer. Der Planer hängt ja auch immer ein bisschen in der Haftung mit drin. Wenn wir zum Beispiel eine Schule sanieren, habe ich immer einen flapsigen Spruch, aber im Endeffekt passt der: "Die Kinder müssen rauskommen." Die Personenrettung geht über alles. Bei Rettungswegen lasse ich nicht mit mir handeln.

 

Neben dem Hochhausfeuer in London ist es am Wochenende zu einer weiteren Feuerkatastrophe gekommen. Bei einem Waldbrand in Portugal kamen mindestens 62 Menschen ums Leben. Sind solche Großfeuer auch bei uns vorstellbar?

Seemüller: Freilich. Nehmen wir nur den Geisenfelder- oder den Scheyrer Forst, große zusammenhängende Waldgebiete, die nicht so leicht zugänglich sind. Da muss man davon ausgehen, dass es zu großflächigen Waldbränden kommen kann. Allerdings gibt es bei uns nicht nur eine Straße durch den Wald wie da in Portugal, es gehen mehrere drum herum. Da gehe ich mal davon aus, dass so etwas nicht passiert.

 

Wie reagiert die Feuerwehr, wenn ein Waldbrand entdeckt wird?

Seemüller: Es gibt da mehrere Einsatzkategorien. Bei "Waldbrand - groß" wird gleich entsprechend aufgefahren. Weil entweder du erwischst das Feuer gleich oder du hast verloren und es wird größer. Dann muss man versuchen, den Brand in den Griff zu bekommen. Das dauert aber oft ein oder zwei Tage. Das ist eine Schweinearbeit.

 

Welche Gedanken gehen einem als Feuerwehrmann durch den Kopf, wenn man Bilder von so verheerenden Bränden wie in London oder Portugal sieht?

Seemüller: Du denkst dir nur, hoffentlich ist so was nicht bei mir. Man steht als Feuerwehrmann da und möchte helfen, hat aber keine Möglichkeit. Die Fotos schauen gespenstisch aus.

 

Das Gespräch führte Severin Straßer