"Die Jugend von heute interessiert nichts mehr" oder "Die Jugend hat keinen Respekt mehr" - Aussagen, die in der heutigen Gesellschaft immer wieder fallen. "Das würde ich so nicht bestätigen", sagt Markus Kotulla, Diplompsychologe und Leiter der Jugend- und Elternberatungsstelle der Caritas in Pfaffenhofen. "Jugendliche sind nicht schlechter als früher. Schon bei den alten Griechen hat die ältere Generation über die jüngere geschimpft. Es ist der klassische Generationenkonflikt, den gab es schon immer und den wird es immer geben." Auch die Aussage, dass die Jugendlichen heute keine Werte mehr haben, sei nicht richtig: "Dinge wie Zusammenhalt, soziales Engagement, Freundschaft und Sicherheit sind den jungen Menschen heute nach wie vor sehr wichtig", betont Kotulla. "Auch stimmt es nicht, dass sich Jugendliche nicht mehr politisch engagieren oder interessieren."

Doch was macht die sogenannte Generation Z, Jugendliche, die nach 1995 geboren wurden, aus? Was unterscheidet sie von der vorherigen Generation? "Man spricht zwar immer wieder von der Generation X, Y oder Z, doch die Frage ist, was danach kommt", erklärt Kotulla. "Der Name selbst sagt eigentlich nicht so viel aus, denn man muss so einen Begriff immer mit Inhalt füllen, auf das blicken, was sich in der Gesellschaft über die Jahre hinweg verändert hat." So haben die Jugendlichen heute beispielsweise vielmehr Möglichkeiten im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft. "Zu meiner Jugend gab es noch die klassischen Studienfächer, heute ist das alles viel bunter und vielfältiger geworden", erklärt der Psychologe. "Auch durch die technische Entwicklung entstehen und sterben immer wieder Berufe." Und genau das sei auch ein Faktor, der die Jugendlichen vor eine völlig neue Herausforderung stellt. Eine gewisse Sicherheit sei hier nicht mehr vorhanden. "Und das, obwohl das Sicherheitsbedürfnis der Jugendlichen heute größer denn je ist", wie Kotulla sagt.

Durch die vielen Optionen und möglichen Perspektiven sei es nur noch schwer möglich, sich auf etwas Konkretes festzulegen. "Auch wenn heute jemand einen sehr guten Abschluss in seinem Studienfach hat, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sein ganzes Leben lang in ein und demselben Beruf arbeiten beziehungsweise denselben Arbeitsplatz haben", sagt Kotulla.

Durch die vielen Möglichkeiten entstehe auch ein gewisser Druck auf die jungen Menschen. Die Selbstoptimierung sei in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor, meint Kotulla: "Es ist dieser ständige Vergleich mit anderen und auch die Frage, ob es denn nicht immer noch besser geht. Es geht prinzipiell um die Fragen: Wer bin ich? Was will ich und wo will ich hin" In dieser Hinsicht habe die Jugend sicherlich mehr Druck als die Generationen vor ihr. Es gehe um das Aufpeppen der eigenen Biografie, das Mithalten mit den anderen. Aus diesem Zusammenhang der Selbstoptimierung sei auch das Phänomen der Patchwork-Identität entstanden. "Die Jugendlichen sammeln aus verschiedenen Vorbildern alle möglichen Eigenschaften und versuchen diese in ihre eigene Persönlichkeit zu integrieren, dass sie sich sozusagen als kohärent erleben, also verbunden fühlen", erklärt der Psychologe. Doch manches sei auch einfacher geworden, beispielsweise im Bereich der Geschlechteridentität, wie Kotullla erläutert: "So kann man sich heute etwa viel leichter zu einer Homosexualität bekennen als früher. Es ist immer noch nicht ganz einfach, aber es gibt vielfältige Vorbilder wie etwa Sportler oder Politiker, die sich zu ihrer Sexualität bekannt haben."

Die Sozialen Medien spielen neben der Selbstfindung ebenfalls eine wichtige Rolle im Leben der jungen Menschen. Plattformen wie Whatsapp, Facebook, Instagram und Youtube sind fester Bestandteil in deren Alltag geworden. "Früher hat man sich über das Telefon verabredet, das ist heute weitestgehend out. Über Soziale Medien wie Whatsapp können mehrere Personen gleichzeitig erreicht werden, beispielsweise über Gruppen", sagt Kotulla. "Beim Kontakt über das Netz können sich die Jugendlichen auch wiederum mehr Zeit lassen mit einer Antwort und sich auch verstecken." Die Stimme übertrage bestimmte Emotionen, die man bei einem Chat-Gespräch ein Stück weit herausfiltern kann. Zudem können auch Verabredungen leichter umgestoßen werden. Das habe eine gewisse Attraktivität bekommen. Grundsätzlich sei es wichtig, dass sich die jungen Menschen auch noch in der realen Welt persönlich sehen.

Dennoch könne man nicht sagen, dass die Kommunikation gestorben ist. "Sie hat nur andere Formen angenommen. Jugendliche, die viel Zeit mit ihrem Smartphone verbringen sind nicht kontaktlos", sagt Kotulla. "Diese IT-Geschichten sind und bleiben ein Teil der Wirklichkeit. Die breite Masse ist dennoch etwa im Fußballverein, im Chor oder woanders aktiv. Solange noch ein Mindestmaß an Sport, körperlicher Bewegung und realen Kontakten vorhanden ist, sehe ich es nicht so problematisch."

Die Sozialen Medien haben auch einen Einfluss auf das Beziehungsleben der Jugendlichen. "Der Zwang, bei jemandem zu bleiben, ist geringer geworden", erklärt Kotulla. "Durch das Netz und die vielen Angebote sind die Jugendlichen sehr wählerisch geworden und vergleichen sehr viel, auch bei der Wahl des Partners." Sie geben sich sozusagen nur mit dem besten Angebot zufrieden. "Es herrscht, denke ich, auch eine geringere Risikobereitschaft. Die Jugend ist in vielerlei Hinsicht viel vorsichtiger geworden", so der 59-Jährige. Dennoch: Die Gründung einer Familie sei doch für die meisten Jugendlichen eines der Hauptziele für die Zukunft.