Pfaffenhofen: Geburt nach Plan
 
Pfaffenhofen
Für Dr. Peter Jezek keine überraschenden Zahlen, beobachtet der Chefarzt der Gynäkologie an der Ilmtalklinik doch seit Beginn seiner Tätigkeit eine deutliche Entwicklung hin zu immer weniger spontanen Geburten. „In den 90er Jahren lag der durchschnittliche Anteil von Kaiserschnittgeburten in Bayern zwischen 12 und 14 Prozent“, erinnert er sich. Davor dürfte die Quote „so zwischen sechs und sieben Prozent gelegen haben“. Die Ursachen für diesen Anstieg waren medizinischer Natur: „Man hatte festgestellt, dass eine Beckenendlage oder eine Steißlage bei einer normalen Geburt im Vergleich zum Kaiserschnitt ein signifikant erhöhtes Risiko für Mutter und Kinder bergen.“ Zur Vermeidung von Hirnschäden durch Sauerstoffmangel während des Geburtsvorganges sei ein operativer Eingriff in diesen Fällen also durchaus sinnvoll.

Durch verbesserte Diagnoseverfahren, wie die Ultraschallüberwachung der Herztöne (CTG), sei es zunehmend gelungen, bedrohliche Situationen während der Geburt rechtzeitig zu erkennen; was zwangsläufig zu Durchführung eines Kaiserschnittes führe.

Seit etwa zehn Jahren lässt ein weiterer Grund die Quote ansteigen. „Wir beobachten, dass Schwangere häufig stark verunsichert sind. Sie haben Angst vor den Schmerzen, die eine Geburt verursachen kann“, so Jezek, der sich dies unter anderem dadurch erklärt, dass „junge Frauen den Vorgang des Gebärens nicht mehr aus ihrem familiären Umfeld kennen.“ Dieser sehr persönliche Moment werde immer stärker in das Umfeld einer Klinik verlagert.

Sicher gebe es moderne Verfahren zur Schmerzlinderung, wie die Peridural- oder Spinalanästhesie, die zudem auf Grund ihrer entspannenden Wirkung zu einer schnelleren Öffnung des Muttermundes führen. Allerdings sollte die Wirkung für die Pressphase abklingen, damit die Mutter aktiv mithelfen kann.

Hinter dem Wunsch nach einem Kaiserschnitt steckt aber, wie der Chefarzt es erlebt, „heutzutage nicht selten der Wunsch nach mehr Planbarkeit“. Die Oma soll rechtzeitig da sein, der Mann muss sich frei nehmen, „da sind viele Frauen auf einen Termin X fixiert“ und es fehlt die Geduld, abzuwarten, was die Natur vorgibt.

Für den Gynäkologen ist nach wie vor „unter normalen Umständen eine natürliche Entbindung das Erstrebenswerteste“. Deshalb bieten er und sein Team den Schwangeren in der 34. bis 36. Woche einen Informationsabend an. Gebe es keine medizinische Indikation für den Wunsch nach einem Kaiserschnitt, „versuchen wir, in intensiven Gesprächen irrationale Ängste auszuräumen“, betont er. Gelinge dies nicht, könne man die Frau indes nicht zu einer normalen Entbindung zwingen. Auch in diesem Bereich verfüge die Mutter über ein Selbstbestimmungsrecht. „Wenn wir Nein zum Kaiserschnitt sagen, dann wissen wir, dass die zukünftige Mama eben in die nächste Klinik geht“.

Doch nicht nur die Frauen selber tendieren immer häufiger zum Kaiserschnitt. „Auch wir Ärzte entscheiden uns öfter für diesen Eingriff“, so Jezek, der dies auf den „enormen Druck“ zurückführt, unter dem Mediziner heute stehen. „Wir haben fast keinen medizinischen Spielraum mehr, im Hintergrund lauert immer ein Gerichtsverfahren, wenn etwas schief geht“. Im Klartext heißt das: Die Haftpflichtversicherung des Arztes zahlt oft nur ein einziges Mal, wenn ein Kind während der Geburt einen bleibenden Schaden erleidet, weil der Mediziner sich nicht oder nicht rechtzeitig zum Kaiserschnitt entschlossen hat. Die Beträge gehen in die Millionen. Danach hat der Gynäkologe keinen Versicherungsschutz mehr.

Weil eine Reihe von guten Argumenten für eine natürliche Geburt sprechen, werde sich der Anteil an Kaiserschnittgeburten langfristig wohl bei „Fifty-Fifty“ einpendeln, schätzt Jezek und betont „ganz gleich, für welche Art der Entbindung sich eine Frau entscheidet, jede Geburt ist ein besonders schöner und einschneidender Moment, bei dem sich Mutter, Vater und neugeborenes Kind als Einheit empfinden sollten“. Und dazu „braucht es Intimität“. Da seien die Entbindungsstationen gefordert, „mit viel Einfühlungsvermögen für das richtige Umfeld zu sorgen“ – auch im Falle eines Kaiserschnittes.