Pfaffenhofen: "Bayern muss das Ruder rumreißen!"
Über Klimaziele und Windräder diskutierten im Stockerhof Herbert Barthel (Bund Naturschutz, von links), Nikolaus Kraus (Freie Wähler), Eva Bulling-Schröter (Linke), Moderatorin Caro Matzko, Klaus Breil (FDP), Florian Ritter (SPD), Josef Göppel (CSU) und Lisa Badum (Grüne). - Foto: Herchenbach
Pfaffenhofen

Muss das Atomkraftwerk Gundremmingen im Landkreis Günzburg länger laufen, weil Bayern seine Klimaschutzziele nicht erreichen wird? Warum stockt im Freistaat der Ausbau der erneuerbaren Energien? Und was ist jetzt dringend erforderlich, um den Klimawandel aufzuhalten? Darüber sprachen Bundes- und Landespolitiker (fast) aller Parteien im Stockerhof. Die AfD, so der Veranstalter, habe keinen geeigneten Fachmann schicken können.

Noch nicht einmal 100 Besucher hatten sich auf den Weg zum "Bürgerenergiegipfel '17" im Stockerhof gemacht, wo den ganzen Sonntagnachmittag und -abend Fachleute Konzepte vorstellten, wie die Energiewende zu schaffen ist. Aber wie sperrig auch immer das Thema sein mag, es betrifft jeden - denn die Energiepolitik der nächste Bundesregierung wird deutlich anders aussehen als die der abgewählten schwarz-roten Koalition. Daran ließen die Bundes- und Landtagsabgeordneten auf der Podiumsdiskussion am Abend keinen Zweifel: Es wird auch in Bayern mehr Windräder geben, Atom- und Kohlestrom sollen höher besteuert werden, Bürgerenergiegenossenschaften wie die in Pfaffenhofen bekommen an der Strombörse Priorität. Und "Mieterstrom" - also Photovoltaikanlagen nicht nur auf Eigenheimen, sondern auch auf Mietshäusern - soll deutlich ausgebaut werden.

Die Zeit für solche Maßnahmen wird knapp. Das erklärte in der Vortragsreihe am Nachmittag Raimund Kamm. Er ist Landesvorsitzender des Bundesverbands Windenergie in Bayern. In vier Jahren, so sein Credo, müssen die Weichen für eine Energiewende gestellt sein. "Die Lage ist ausgesprochen dramatisch. Wenn wir das nicht schaffen, fürchte ich, dass es zu spät ist." Zu spät nämlich, um den Klimawandel mit steigenden Meeresspiegeln und Ausbreitung der Wüsten aufzuhalten. Für Kamm haben Windkraftwerke nur Vorteile: immer niedrigere Preise, immer leisere Anlagen, und das Argument, Tierarten würden bedroht, sei wissenschaftlich nicht haltbar.

Dass an der Windenergie kein Weg vorbeiführt, war auch für die Teilnehmer der Podiumsdiskussion klar. Herbert Barthel, Klimareferent beim Bund Naturschutz, geißelte die schleppende Klimapolitik in Bayern. "Man schaltet ab" - womit er das Kernkraftwerk Gundremmingen meint - "aber der Anteil der erneuerbaren Energie bleibt fast konstant. In Bayern muss jetzt das Ruder herumgerissen werden." Florian Ritter, SPD-Abgeordneter im bayerischen Landtag, präzisierte: "In den letzten fünf Jahren ist der Anteil der Erneuerbaren gerade mal um fünf, sechs Prozent gestiegen."

Kohleausstieg bis 2035, Besteuerung von Flugbenzin und Bezuschussung von Gebäudedämmung - das sind die Forderungen von Eva Bulling-Schröter, bayrische Bundestagsabgeordnete der Linken. "Wir brauchen Windräder im Süden und Photovoltaik im Norden Deutschlands", forderte sie - wohl auch aus Solidaritätsgründen. Und deshalb müsse die 10-H-Regelung fallen. 10 H, zehnmal die Höhe eine 200-Meter-Windrads - das bedeutet: Ein Windrad darf nicht näher als zwei Kilometer zur nächsten Ansiedlung aufgestellt werden. Weswegen es in einem zersiedelten Bundesland wie Bayern sehr schwierig ist, solche Anlagen aufzubauen.

Auch der Bundestagsabgeordnete Klaus Breil von der FDP ist nicht gegen Windkraft, glaubt aber, das ein großer Teil von den Off-Shore-Anlagen in der Nordsee kommen müsse, "weil da der Wind ist". Zwischen Freiburg und Passau dagegen wären Photovoltaikanlagen geeigneter, weil dieser Breitengrad deutlich mehr Sonnenstunden ausweist.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel ("das grüne Gewissen der CSU", wie ihn Moderatorin Caro Matzko vom Bayrischen Rundfunk nannte) war überzeugt: "Wenn die CSU schlau ist, dann kippt sie vor der Landtagswahl die 10-H-Regelung." Denn spätestens in fünf Jahren würden die Schäden für die Volkswirtschaft sichtbar.

"Erneuerbare Energien brauchen die gleichen Startchancen." Und deshalb, so Grünen-Bundestagsabgeordnete Lisa Badum, soll Bürgerenergie privilegiert werden. Denn an der Strombörse, die Energie ankauft, haben sie ganz schlechte Chancen, weil sie oft nicht so preiswert produzieren können wie die großen Konzerne. Und, ganz klar, die 10-H-Regelung müsse in Bayern fallen. In ihren Forderungen war sich die Grüne einig mit ihrem CSU-Kollegen. Zumindest auf dieser Ebene steht also Jamaika nichts im Wege.

Gemessen an 10 H blieb Nikolaus Kraus, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, auf dem Boden: "Die beste Energie ist die, die man nicht verbraucht." Also: Energie einsparen und zum Beispiel die Beleuchtung mit LED-Lampen fördern.