"Ich bin nur einer, der zufällig damals gelebt hat, und der zufällig überlebt hat", sagt der 89-Jährige und berichtet von den Demütigungen im Konzentrationslager Stutthof, wo sein kleiner Bruder zusammen mit der Mutter ermordet wurde. Gegen Kriegsende wird Naor mit einer Gruppe von 150 jüdischen Jugendlichen aus Litauen nach Dachau verlegt. In den letzten Kriegstagen auf einen Todesmarsch geschickt, erlebte er in Bayern im Mai 1945 die Befreiung durch die Amerikaner.

Lebhaft bewegt sich Naor zwischen den Reihen der jungen Schüler, mit denen er immer wieder das Gespräch sucht. Er erzählt von der Flucht aus der Heimatstadt und vom Leben im Getto von Kaunas, wo schon für ein Kind der Versuch, etwas zu Essen zu kaufen, lebensgefährlich ist, und wo jeder Tag mit der Sorge beginnt, ob am Abend noch alle Familienmitglieder am Leben sein werden.

Naor stellt die Frage, wer die Täter des Holocaust waren - Menschen wie Standartenführer Karl Jäger, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in Litauen unter Ausnutzung des einheimischen Antisemitismus möglichst viele Jüdinnen und Juden jeden Alters "umzulegen", um das Gebiet "judenfrei" zu machen. Täter wie er kämen meist als "ganz normale Männer" aus bürgerlichen Verhältnissen.

Im Dachauer Außenlager Kaufering, wo sehr viele Juden starben, wird die nicht auflösbare Absurdität der NS-Zwangsarbeit offenbar: Häftlinge, deren Arbeitskraft für den "Endsieg" dringend benötigt wird, fallen dort der Vernichtung durch Arbeit zum Opfer - man lässt sie binnen kürzester Zeit an Entkräftung sterben. Wegen seiner Erinnerungen ist eines auch noch heute für Naor Realität: "Wir haben das Lager verlassen, aber das Lager hat uns nie verlassen."