Deswegen hatte ihm das Amtsgericht einen Strafbefehl geschickt, gegen den Markus F. jetzt erfolgreich klagte.

Der gelernte Einzelhandelskaufmann muss die Welt nicht mehr verstanden haben, als er den Strafbefehl aus dem Briefkasten fischte. Ohnehin zahlte er zuletzt an seinen Stromanbieter einen monatlichen Abschlag von 137 Euro, die letzte Nachzahlung belief sich auf über 800 Euro. Für eine 37-Quadratmeter-Wohnung. Und jetzt soll er auch noch Strom geklaut haben!

Natürlich hat er sich über seine ständig steigenden Stromrechnungen gewundert. Die fingen, als er einzog, ganz moderat an mit einem monatlichen Abschlag von 50 Euro und stiegen dann beständig. Zuletzt soll er 4600 Kilowattstunden im Jahr verbraucht haben, so viel wie eine fünfköpfige Familie im Eigenheim.

Markus F. konnte sich das nicht erklären. "Ich gehe morgens um sechs aus dem Haus und komme abends um acht wieder, das einzige, was da läuft, ist mein Kühlschrank." Ein Elektriker wurde bestellt, der die Stromanlage untersuchte. Ergebnis: Die Wohnung von Markus F. lief über den Zähler für Dachboden, Hausbeleuchtung und Keller mit Waschmaschinen und Trocknern. Daraufhin verklagten ihn die Eigentümer des Hauses. Aus ihrer Sicht war er logischerweise der Täter, weil seine Wohnung in der zweiten Etage liegt und er offenbar Zugang zum Dachboden hat, wo der Stromverteiler ist.

Die einzige, bei der die Stromkosten nicht stiegen, war Zenzi P. von nebenan, geschieden, arbeitslos, ihr Ex, dem ihre Wohnung gehört, hatte sie an sie vermietet. Offenbar nicht zum Freundschaftspreis, denn irgendwann konnte die 47-Jährige ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen, weshalb ihr der Energielieferant den Saft abdrehte.

Wundersamerweise aber ging bei Zenzi dennoch nicht das Licht aus. Warum, konnte der Nachbar vom Erdgeschoss, der als Zeuge geladen war, erklären. Er schraubte die Sicherung am Gemeinschaftszähler raus - und Zenzi saß im Dunkeln. Übrigens auch die Punker-WG, an die sie zwecks Nebeneinkünften den Dachboden untervermietet hatte, auf den man von ihrer Wohnung aus gelangt. Da oben gab's zwar kein Tageslicht, auch kein Wasser und keine Toiletten, aber Matratzen. Und Strom. Über den Gemeinschaftszähler. Jedenfalls stieg nach deren Einzug die Stromrechnung von Markus F. sprunghaft an. Zenzi ist inzwischen verurteilt worden, sagte aber jetzt als Zeugin aus, was den Angeklagten insofern schwer irritierte, weil sie ihm schließlich den ganzen Ärger eingebrockt hatte.

Die Kernfrage im Prozess vor dem Amtsgericht: Hatte außer Zenzi auch Markus F. einen Zugang zum Dachboden? Hätte er also die Stromversorgung manipulieren können? Nein, sagt Zenzi, hat er nicht. Der einzige Zugang ist von ihrer Wohnung aus.

Zugang hatte Zenzi offenbar zwei kundigen Handwerkern gewährt. Die hatte Markus F. bemerkt, als sie über ihm an der Stromversorgung hantierten. Aber er dachte sich nichts dabei. Dass sie die Kabel umklemmten und so seine Stromrechnung nach oben trieben, konnte er nicht ahnen.

Ein Wirrwarr. Welches Kabel geht in welche Wohnung, welche Steckdose ist an welchen Zähler angeschlossen? Der einzige, der das Kabel-Tohuwabohu hätte entwirren können, war ein als Zeuge geladener Elektriker, der aber nicht erschien. Zum Leidwesen von Markus F. "Für einen Freispruch wäre die Einschätzung des Elektrikers notwendig", erklärte Amtsrichterin Katharina Meyer. Sie stellte das Verfahren wegen Geringfügigkeit ein. Was kostet das, wollte Markus F. wissen. Nichts, aber auf den Fahrtkosten zur Verhandlung bleibt er sitzen. Peanuts im Verhältnis zum Strom, den er seiner Nachbarin, der WG über ihm und den Mitbewohnern für ihre Waschmaschinen und Trockner unfreiwillig gesponsert hat. Er ist jetzt ausgezogen. Seine Nebenkosten sind wieder überschaubar geworden.