In diesem Wohnhaus mitten in Fernhag leben bis zu drei Dutzend Personen. EIn Bauunternehmen nutzt das Gebäude als Wohnheim für die Mitarbeiter – eine entsprechende Erlaubnis dafür gibt es nicht.
Straßer
Pfaffenhofen
Der Garten gleicht inzwischen eher einer Müllhalde, in der Einfahrt ist das Pflaster stellenweise abgetragen und am Briefkasten hängt nur eine provisorische Namensliste: Ein Unternehmer nutzt ein Einfamilienhaus in Fernhag als Wohnheim. Inzwischen beschäftigt die Situation das Gericht.

Eigentlich hatte einmal ein Ehepaar das Haus gebaut, um dort mit der Familie glücklich zu werden. Doch die Ehe scheiterte, das Gebäude wurde verkauft – und gehört seit Juli 2016 nun einem Unternehmer aus dem Landkreis Freising. Der nutzt das Einfamilienhaus mitten in Fernhag seitdem als Wohnheim für seine Monteure und Bauarbeiter. Wie die Anwohner berichten, sind zeitweise mehr als drei Dutzend Männer dort untergebracht. Für die Nachbarn bedeutet diese Situation jedoch eine große Belastung: „Man fühlt sich nicht wohl“, fasst es eine Anwohnerin nüchtern zusammen. Dahinter allerdings stecken inzwischen Monate mit Lärm, Verkehrsproblemen, Dreck und zahlreichen Behördengängen. 

„Wir können nach dem Lärm die Uhr stellen“, erzählt eine Nachbarin. Denn jeden Morgen gegen 5 Uhr starten die Männer aus dem Wohnheim zu ihrer Arbeit. Das läuft stets ähnlich ab: Im gepflasterten Garten stehen etwa sechs Kleinbusse und Transporter, die Motoren laufen meist über mehrere Minuten. Bevor die Wagen zu den verschiedenen Einsatzorten aufbrechen, knallen zig Mal die Türen – ein Nachbar zählte einmal 73 Mal. Zudem werden schweres Werkzeug und andere Gerätschaften verladen und die Fahrzeuge immer wieder rangiert.

Von diesem Geschehen haben die Nachbarn verschiedene Videoaufnahmen und auch Listen, wie viele Fahrzeuge und Personen unterwegs sind. „In der Früh kommt es so zu 85 bis 95 Dezibel“, erzählt die Fernhagerin, die diese Werte selbst gemessen hat. Sie hat eine Zeit lang ein Lärmprotokoll geführt. Zum Vergleich: Eine Kreissäge und ein Presslufthammer bringen es auf etwa 100 Dezibel. Um die Uhrzeit in den frühen Morgenstunden wären in einem Wohngebiet laut Gesetz allerdings nur 35 bis 40 Dezibel erlaubt. Über mehrere Minuten dauert das – und wiederholt sich spät abends, wenn die Arbeiter nach Feierabend von den Baustellen zurück kommen. 

„Man wird ja schon paranoid, bei jedem Auto schaut man hoch“, erzählen die Anwohner verzweifelt. Eine Nachbarin hatte durch die Situation schon einen Nervenzusammenbruch, die Anwohner fürchten weitere gesundheitliche Beschwerden. „Man kann nicht mehr schlafen“, berichten sie. Auch wenn Besucher über Nacht bleibe, berichten diese am nächsten Tag vom Lärm in der Nacht. 

Dazu kommt, dass die Arbeiter im Wohnheim keine richtige Privatsphäre finden und beispielsweise zum Telefonieren ins Freie gehen, so die Fernhager. „Sie sprechen sehr laut, sowohl am Telefon als auch miteinander. Eigentlich schreien sie meist“, berichtet ein Anwohner. „Wir haben einen dicken Hals, sind frustriert“, fügt ein anderer Nachbar hinzu. „Wobei die Männer ja selbst arme Hunde sind.“ Denn im Gebäude stehen mehrere Stockbetten in jedem Zimmer, manche schlafen nur auf Isomatten, erzählen die Nachbarn. Die ursprünglichen Besitzer hatten zudem über Nässe und Schimmel geklagt. Klärende Gespräche mit den Bewohnern seien wenig sinnvoll: „Es wechseln ständig die Leute“, erzählt eine Anwohnerin. Denn nur wer länger als zwei Wochen bleibt, muss sich bei der Gemeinde melden – kürzere Aufenthalte gelten als Besuch. 

Das Maß des Erträglichen ist für die Nachbarn schon lange überschritten. Sie wandten sich bereits ans Landratsamt und an die Gemeinde. „Wir wollen einfach, dass es friedlich und schnell gelöst wird“, sagt eine Nachbarin. „Aber wir werden hingehalten“, fügt ein anderer an. Denn seit über einem Jahr ist die Situation bekannt, geändert habe sich seitdem nichts – außer einiger behördlicher Vorgaben, die aber nicht umgesetzt wurden. „Verstehen tun sie es alle“, sagt eine Nachbarin. „Aber keiner macht etwas.“ Die Fernhager waren schon mehrmals auch beim stellvertretenden Landrat Anton Westner. Auch der habe Verständnis gezeigt. „Er hat gesagt, er will nicht in unserer Haut stecken“, sagt eine Anwohnerin. Doch ausrichten konnte das Landratsamt bisher kaum etwas.

„Auch Bürgermeister Sterz hat keinerlei Idee“, kritisiert ein Anwohner. „Er war bemüht, aber er ist überfordert. Inhaltlich hat er nichts beigetragen.“ Lediglich eine weitere Mülltonne sei durchgesetzt worden, die Gemeinde versuchte zudem einen Ölfleck auf der Straße zu entfernen. Für einen anderen Nachbarn ist daher klar: „Wenn wir das nicht in die Hand genommen hätten, wäre gar nichts passiert. Die Gemeinde ist kein Mitstreiter, sondern nur ein Zuhörer.“

Dass sich nun wohl das Verwaltungsgericht mit dem Fall auseinandersetzen wird, ist für die Anwohner nur ein kleiner Trost. „Der Unternehmer kennt alle Tricks, er weiß genau, wie er unsere Gesetze ausnutzen kann“, sagen sie. „Und wir sind die Doofen, weil wir keine Tricks kennen.“ Daher überlegen sie nun, selbst ebenfalls einen Anwalt einzuschalten. „Aber müssen das wirklich wir übernehmen?“, fragt ein Nachbar. „Man kann von einer Behörde erwarten, dass sie das verhindert, wenn so ein Betrieb nicht zugelassen ist.“

 

Kommentar von Claudia Lodermeyer

Tagsüber herrscht Ruhe, doch abends und frühmorgens geht es zu wie am Stachus – und das mitten in einem kleinen Dorf. Dass die Nerven der Nachbarn blank liegen, ist nur logisch.

Das Dramatische ist allerdings, dass das deutsche Recht hier ein Aussitzen zur einzigen Handlungsmöglichkeit macht. Den Behörden sind die Hände gebunden – und die Geschädigten müssen die Situation weiter ertragen, weil es das Recht zulässt. Dass ein Jeder die Möglichkeit hat, Einspruch zu erheben – wie es das Unternehmen eben beim Sofortvollzug getan hat – ist ein wichtiges Element unserer Gewaltenteilung. Doch dass es deshalb in Fernhag über Monate genauso weiter gehen kann, ist unmenschlich.

 

Ein Fest zur Versöhnung

Am liebsten würde der Prokurist des Bauunternehmens das Haus sofort verkaufen. „Wir wollten das Landratsamt nicht verklagen, aber uns waren die Hände gebunden“, erklärt er. Doch nach dem Sofortvollzug sei das die einzige Möglichkeit gewesen, um einen Aufschub zu bekommen. 

„Wir sind bemüht, so schnell wie möglich wieder Ruhe herzustellen“, versichert der Prokurist. Ein Haus, das er vor einigen Wochen als neue Unterkunft kaufen wollte, steht allerdings nicht zur Verfügung: Die Finanzierung sei geplatzt, entsprechend müsse die Firma noch das Gebäude in Fernhag nutzen. Diese Woche allerdings sollen etwa sechs bis acht der Bewohner ausziehen in eine Wohnung; eine zweite Wohnung sei ebenfalls bereits gekauft und bei einer dritten laufen Verhandlungen – allesamt außerhalb des Landkreises Pfaffenhofen. „In diesem Winter, so Gott will, ziehen die Leute aus“, sagt der Prokurist. Die Klagen gegen das Landratsamt wolle er dann zurückziehen.

Dass sich die Situation in Fernhag so zugespitzt hat, kam für den Prokuristen überraschend. „Wir haben vor dem Kauf mit dem Bauamt der Gemeinde gesprochen“, erklärt er. „Sie haben uns auf die nötigen Stellplätze hingewiesen.“ Ob er die Zahl der Bewohner genannt hat, weiß er nicht mehr. „Es gab auch Beschimpfungen und Ausdrücke von Seiten der Anwohner“, fügt er an. „Es gibt dort eine große Empfindlichkeit gegenüber Leuten, die anders erzogen sind.“

In Fernhag sollen künftig keine Mitarbeiter mehr untergebracht werden. „Es sind Osteuropäer – die sind alle laut“, sagt der Prokurist. „Wenn wir das Haus behalten und dort drei Leute lassen: Die machen genauso viel Lärm wie 20.“ Bei den Anwohnern will sich das Unternehmen mit einem Fest entschuldigen. „Wir werden alle Nachbarn zu einer Versöhnungsfeier einladen.“
 

Landratsamt setzt auf einen Sofortvollzug

Doch weil das Unternehmen Einspruch einlegt, ist nun das Gericht am Zug 

Seit Sommer 2016 wohnen inzwischen stets etwa 30 Personen im Haus, so die Anwohner. Und seitdem läuft auch die Maschinerie der Behörden: Im August meldeten sich die Nachbarn zum ersten Mal bei der Gemeinde Scheyern mit der Bitte um Hilfe. Daraufhin kam das Landratsamt ins Spiel, das Ende August zu einer Kontrolle nach Fernhag kam. Das Ergebnis: Es stehen zu viele Betten im Gebäude. „Das geht über das normale Wohnen hinaus“, erklärt Michaela Sanhieter vom Landratsamt. Das Bauamt legte daraufhin die Maximalzahl auf sieben Bewohner fest. 

Der Unternehmer allerdings stellte daraufhin im September einen Antrag auf Nutzungsänderung, um künftig eben mehr als sieben Personen dort unterbringen zu dürfen. Der Bauausschuss der Gemeinde lehnte das allerdings einstimmig ab, auch der Gemeinderat stellte sich hinter dieses Vorgehen. Vom Landratsamt kam schließlich im März der offizielle Bescheid, dass eine Nutzungsänderung für das Haus in Fernhag nicht genehmigt wird. Dagegen allerdings legte der Unternehmer Einspruch ein, ein erstes Verfahren am Verwaltungsgericht läuft seitdem.

An der Situation in Fernhag änderte sich dadurch allerdings nichts. „Wir wissen, dass die Zahl, die wir für verträglich halten, in jedem Fall überschritten ist“, sagt Karola Mayer, Abteilungsleiterin am Landratsamt. Daher entschieden sich Mayer und ihre Kollegen zu einem drastischen Schritt: Sie erließen Ende August 2017 einen Sofortvollzug, eigentlich sollte das Gebäude daraufhin geräumt werden.

Ein solcher Sofortvollzug ist in Bezug auf ein solches Wohnheim zum ersten Mal im Landkreis angeordnet worden. Doch auch gegen diesen Bescheid legte der Unternehmer Einspruch ein, das Verwaltungsgericht wird darüber entscheiden – „und wir als Landratsamt sind momentan vollkommen außen vor“, sagt Mayer. Für sie ist dabei klar: „Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir den Bescheid sofort vollzogen“, sagt die Abteilungsleiterin. Wir schaffen dadurch Zustände ohne eine rechtliche Klärung, das geht nur in Ausnahmefällen.“ Daher habe der Unternehmer auch das Recht, hier gegen dieses Vorgehen zu klagen und vor das Verwaltungsgericht zu ziehen. Auch Sanhieter sagt: „Er hat das Recht, das überprüfen zu lassen – und das nutzt er halt.“

Im September legte der Unternehmer also gegen den Sofortvollzug Klage ein, eine Begründung hat er nach Info des Landratsamts jedoch noch nicht eingereicht. Es liege im Ermessen des Verwaltungsgerichts, wie lange der Unternehmer dafür Zeit bekomme, so Mayer.

Auf das Verwaltungsgericht warten derweil auch die Anwohner: Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest. Möglicherweise können beide Einsprüche des Unternehmers – sowohl gegen die abgelehnte Nutzungsänderung als auch gegen den Sofortvollzug – in einem Verfahren behandelt werden. Allerdings rechnet das Landratsamt mit einer Entscheidung erst im Frühjahr: Am Verwaltungsgericht stauen sich derweil vor allem wegen der Asylverfahren die Vorgänge. 

"Ausflüchte gesucht"

Bürgermeister Sterz kritisiert Prokurist 

Bürgermeister Manfres Sterz.
jrb
Pfaffenhofen
„Über Jahrzehnte war Fernhag ein ruhiges Dorf“, sagt Scheyerns Bürgermeister Manfred Sterz. „Aber im Juli, August 2016 hat der Albtraum begonnen.“ Immer wieder sei er in Fernhag gewesen, etwa drei Mal. Zudem gab es zwei Termine mit den Anwohnern im Rathaus. Auch mit dem Landratsamt sei er in Kontakt, genauso mit der Polizei. „Ich habe auch mit meinen Bürgermeisterkollegen im südlichen Landkreis über die Thematik gesprochen“, berichtet Sterz. Das Landratsamt wisse im Landkreis von momentan zehn solchen Wohnheimen. 

Inzwischen, so berichtet Sterz, sei der Kontakt zwischen Gemeinde und dem Unternehmen abgerissen. Denn als noch eine Nutzungsänderung im Raum stand, sei der Prokurist der Firma im Rathaus gewesen. „Aber bei den Gesprächen hat man schon gemerkt, dass er immer Ausflüchte sucht“, erinnert sich Sterz. Kurzzeitig habe es eine Diskussion gegeben, ob der Unternehmer auch in Scheyern ein Gewerbe anmelden könne. „Er argumentierte, dass dann ja Gewerbesteuer in der Gemeinde bleibe – als Ausgleich. Aber das haben wir sofort abgelehnt.“ Seit die Bescheide des Landratsamtes vorliegen, habe er keinen Kontakt mehr zum Unternehmen gehabt.