Ein offenes Ohr für Enttäuschte und Frustrierte: Erich Irlstorfer wollte die Gründe wissen, warum so viele Bürger bei der Bundestagswahl nicht mehr die CSU wählen wollten.
Ein offenes Ohr für Enttäuschte und Frustrierte: Erich Irlstorfer wollte die Gründe wissen, warum so viele Bürger bei der Bundestagswahl nicht mehr die CSU wählen wollten.
Paul
Pfaffenhofen

Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren, rechnete Irlstorfer vor, da war die Gemeinde noch eine sichere Bank gewesen für die CSU. Die Schwarzen holten damals 566 Erststimmen, was rund 51,6 Prozent entspricht. Doch diesmal seien es fast zehn Prozentpunkte weniger gewesen. "Solche Ergebnisse können uns nicht kalt lassen. Was haben wir falsch gemacht?", fragte der Abgeordnete beim ersten von drei solchen Bürgergesprächen im Wahlkreis in den nicht vollen, aber doch gut besuchten Saal des Gasthofes Schrätzenstaller hinein. "Ist es nur das Flüchtlingsthema - oder ist es ein Mosaik aus Gründen? Haben wir keinen passgenauen Wahlkampf geführt, zu wenig auf die sozialen Medien gesetzt, sind wir vielleicht zu brav gewesen? Habe ich persönlich enttäuscht?"

Irlstorfer hatte sich einen breiten Tisch mit Stuhl sowie ein Mikro an die Kopfseite des Saales bringen lassen, dazu ein großes Glas kaltes Wasser, einen Block und Stifte. Motto: Das kann und darf jetzt lang werden. "Alle, die eine Frage haben, werden zu Wort kommen", versicherte der 47-Jährige. "Mein Fahrer ist zwar nicht begeistert, aber ich bleibe hier - und wenn es bis morgen früh um zwei Uhr dauert." Egal ob Anhänger oder Gegner - aber in diesem Moment musste man dem Mann einfach Respekt zollen, wie er da so saß, sinnbildlich und physisch ein Fels in der Brandung; bereit, die Wellen des Unmuts der Bürger auf sich zurollen zu lassen.

Und ja, es hatte sich eine ganze Menge Frust angesammelt bei den Hettenshausenern und den Einwohnern aus den benachbarten Gemeinden, die ebenfalls erschienen waren und nach und nach mit ihren Anliegen ans Mikro traten. Doch eines stellte der Abgeordnete gleich vorneweg klar: "Beim Thema Flüchtlinge wollen wir trotz allem nicht vergessen, dass es sich um Menschen handelt", sagte Irlstorfer, und bat daher auf eine "Verwahrlosung der Sprache" zu verzichten.

Die Ermahnung fruchtete wohl, denn bei keiner Wortmeldung im Verlauf des Abends kam es zu beleidigenden Entgleisungen. Zwar outeten sich Besucher auch als Wähler der AfD, aber sie taten es ruhig und mit sachlicher Argumentation.

Das galt für die meisten Wortmeldungen: die von Karl Moll aus Euernbach zum Beispiel, 64 Jahre alt, ein selbstständiger Unternehmer und Arbeitgeber im Bereich Landmaschinentechnik - eigentlich der geborene CSU-Wähler. "Meine Lehrlinge gehen in die Berufsschule, aber um 13 Uhr sind sie wieder daheim, weil aufgrund von Lehrermangel der Unterricht ausfällt. Wir zahlen jede Menge Steuern - wieso schafft es der Freistaat Bayern nicht, endlich genügend Lehrkräfte einzustellen und den Unterricht sicherzustellen?"

Josef Enzinger aus Freinhausen verriet, früher für die CSU sogar im Gemeinderat aktiv gewesen zu sein. "Aber diesmal konnte ich Sie einfach nicht mehr wählen. Für mich war die Sache endgültig vorbei, als die Bundeskanzlerin Merkel gesagt hat, sie könne die deutschen Grenzen nicht mehr schützen. Spätestens da hätte der Horst Seehofer aufstehen müssen und sagen, dass man mit dieser Frau nicht mehr zusammen regieren kann." Aber auch lokale Themen brannten dem 63-Jährigen auf den Nägeln: "Wir würden bei uns so gern einen Radweg bauen, der ganze Ort will und braucht ihn - aber das bayerische Umweltministerium setzt sich einfach darüber hinweg und sagt nein, weil es ein FFH-Gebiet sei." Zur Dauerproblematik des Kreiskrankenhauses meinte Enzinger: "Muss denn eine kommunale Klinik überhaupt schwarze Zahlen schreiben? Sie ist zur Versorgung der Menschen im Landkreis da, ganz einfach. Vom Landratsamt verlangt doch auch keiner, dass es Gewinn abwirft. Und dort hat man in den letzten Jahren die Zahl der Beschäftigten sogar erhöht, während man sie in der Ilmtalklinik zusammengestrichen hat."

Erich Absmeier aus Schweitenkirchen, auch er nach eigenen Worten ein ehemaliger CSU-Wähler ("50 Jahre lang"), war unter anderem sauer auf Bayerns Finanz- und Heimatminister Markus Söder. "Der verkauft einfach mal so 32 000 Sozialwohnungen, die wir jetzt dringend brauchen würden, an eine Heuschrecken-Firma. Aber niemand bestraft ihn dafür, das hat keine Konsequenzen", so der 70-Jährige. "Oder die Verursacher des Dieselskandals, die Spitzenmanager aus der Automobilindustrie: Die werden von der Bundesregierung einfach nicht zur Rechenschaft gezogen. Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn ist immer noch auf freiem Fuß, dabei gehört der längst hinter Gitter."

Das war in der Wortwahl schon eine der heftigeren Attacken. Und auch die Vernünftigkeit war gewahrt - bis auf einige wenige Ausnahmen wie etwa der Nachfrage einer älteren Wolnzacherin nach einem angeblichen Syrer mit vier Ehefrauen und 22 Kindern, der monatlich 30 000 Euro vom Sozialstaat kassiere und von dem sie gehört habe. Aber selbst bei solchen Statements blieb Erich Irlstorfer freundlich und verbindlich.

Ihm gegenüber bekundeten viele Redner ihren Respekt, niemand griff ihn als Person an. "Sie sind doch auch nicht mit allem einverstanden, was der Seehofer so sagt", meinte ein Redner zum Abgeordneten gewandt. Und der nickte zustimmend - mehrmals und deutlich.