Ahmet K. (Name geändert) kommt nicht allein, bei der Verhandlung steht ihm ein Übersetzer zur Seite. Amtsrichter Ulrich Klose ist verwundert: "Seit Jahren arbeiten sie in Deutschland als Unternehmer, und Sie brauchen einen Dolmetscher" Ja, lässt der Angeklagte übersetzen, er habe Deutsch nicht in der Schule gelernt, und jetzt käme es ja auf jedes Wort an. Wohl wahr: Denn das "Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt", was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

Ahmet K. hatte von September 2009 bis Mai 2010 neun osteuropäische Arbeiter beschäftigt, die er von einer Leiharbeitsfirma auf dem Balkan angeheuert hatte.

Ein Abkommen regelt, dass in diesen Fällen für jeden einzelnen Arbeiter eine "Entsendebestätigung" vorgelegt werden muss, die die Leiharbeitsfirma ausstellt. Fehlt sie, muss der deutsche Arbeitgeber die Sozialabgaben für diese Mitarbeiter abführen. Das hat Ahmet K. nicht getan. Warum? "Ich war im Krankenhaus", sagt der Angeklagte, da konnte er sich nicht drum kümmern. Nein, sagt Klose, "Sie waren 2011 im Krankenhaus". Er habe sich ja, sagt der Angeklagte, um die Papiere bemüht, aber die Firma auf dem Balkan habe sie ihm nicht geschickt. Er hätte da angerufen, aber erfolglos. Die Erklärungen und Ausreden, die Ahmet K. dem Schöffengericht serviert, klingen wie Geschichten aus Tausend-und-einer-Nacht: Er habe die Original-Bescheinigungen angefordert, aber nur Kopien bekommen. Die waren dann auf seinem Laptop, aber das sei kaputt gegangen. Irgendwann habe er die Unterlagen auch weggeschickt, aber die seien offenbar nie angekommen. Richter Klose wird sauer: "Ihre Nebelkerzen können Sie schmeißen, wo Sie wollen, aber nicht bei mir!" Der Angeklagte rechtfertigt sich: Er habe ja sogar beim Finanzamt angefragt, das für die Leiharbeitsfirma zuständig sei, aber die hätten ihm die Unterlagen nicht gegeben. Und dann sei auch noch der zuständige Beamte dort gestorben.

Die Pflichtverteidigerin Claudia Bartsch greift ein: Die Unterlagen würden nur dem deutschen Zoll oder dem Gericht überlassen. Für Richter Klose ist die Sache ganz simpel: "Wenn ich von der Firma keine Papiere bekomme, dann muss ich's eben lassen." Und zur Verteidigerin mit Blick auf ihren Mandanten: "Ich habe versucht, es wirklich so einfach wie möglich runterzubrechen - will er nicht oder kann er nicht? Nebelkerzen, nichts als Nebelkerzen!"

Die zwei Zeugen, ein Betriebsprüfer und ein Mitarbeiter des Hauptzollamts, erklären, wie sie Ahmet K. auf die Spur gekommen sind und ihn überführt haben. Dem Angeklagten fällt jetzt auch nichts Entlastendes mehr ein, deshalb gibt er sich reumütig: Er akzeptiere die Entscheidung des Gerichts. Das verurteilt ihn zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr Haft auf drei Jahre Bewährung. Außerdem muss Ahmet K. "den Schaden nach Kräften wiedergutmachen". Das wird schwierig. Denn wegen einer Erkrankung hat er seinen Betrieb dichtgemacht und arbeitet jetzt halbtags in einer Großmarkthalle. 800 Euro bekommt er im Monat. Und auch wenn ihm das Gericht auferlegt hat, alle halbe Jahre seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse offenzulegen: Es wird auf absehbare Zeit nicht viel übrig bleiben, um die 170.000 Euro abtragen zu können.