?Kiosk des Glücks?: Für den Katalog zur Installation verfasste Steffen Kopetzky ein Essay, das er in der Kunsthalle vortrug.
„Kiosk des Glücks“: Für den Katalog zur Installation verfasste Steffen Kopetzky ein Essay, das er in der Kunsthalle vortrug.
Herchenbach
Pfaffenhofen
Der Braunschweiger Professor für Malerei hatte sein Werk zuletzt vor der Pinakothek der Moderne in München aufgebaut. Für den Katalog hat der Pfaffenhofener Autor und Kultur-Stadtrat Steffen Kopetzky ein Essay in drei Schichten geschrieben, das er nun in der Kunsthalle vortrug: „Die Knoten meiner schlaflosen Nächte“ erklärt nicht einfach das Exponat, sondern greift den Wesenskern des Kunstwerks auf und setzt ihn literarisch um.

Ein Kiosk – das muss vorangestellt werden, um Kopetzkys Text zu verstehen – ist eine kleine, wenige Quadratmeter große Oase in der Großstadt, wo kleine Glücksmomente erfahrbar werden können. Nicht nur in Form von Süßigkeiten, Zigaretten und Dosenbier, sondern vor allem durch unerwartete Begegnungen. Ellenrieder hat das in seinem „Kiosk des Glücks“ aufgegriffen und eine begehbare Installation realisiert. Leider war es nicht möglich, diesen Kiosk in der Kunsthalle aufzubauen, dennoch füllte sich der Nebenraum zunehmend mit Besuchern. Kopetzky hatte für die Gäste zwölf Stühle aufgestellt, musste aber immer neue Bierbänke heranschleppen, damit schließlich alle rund 50 Zuhörer sitzen konnten.

Auch ohne Kiosk und noch vor der Lesung erlebte eine Besucherin einen Glücksmoment, als Kopetzky eine Armbanduhr und einen Armreif hochhielt und fragte, wer diese Dinge vermisse. Zufall.

Auch sein Essay beschreibt einerseits sehr unterhaltsam zufällige Begegnungen bei einem Literaturfestival in Indien. Andererseits umkreist Kopetzky dabei als studierter Sprachwissenschaftler Grenzen und Möglichkeiten der Sprache. Wie weit lässt sich ein Text verdichten, dass er noch verständlich bleibt? Grafisch: Wenn man alle Buchstaben einer Geschichte übereinanderlegt, ist er unlesbar. Inhaltlich: Ist eine Geschichte noch verständlich, wie sie der südamerikanische Schriftsteller Augusto Monterroso aufgeschrieben hat und die nur aus einem einzigen Satz besteht: „Als er aufwachte, war der Dinosaurier immer noch da.“ Oder die drei Vertreter, die seit Jahrzehnten mit demselben Zug fahren und sich Witze erzählen, die sie in Kürzestform und zeitsparend nummeriert haben und sich jetzt nur noch johlend die Zahlen zuwerfen. Ein Unbeteiligter setzt sich dazu und wirft „34“ in die Runde. Als niemand auch nur eine Miene verzieht, fragt er irritiert, ob’s denn keinen Witz mit der Nummer 34 gäbe. Doch, natürlich, wird ihm erwidert. „Aber man muss ihn auch erzählen können.“

Kopetzky kann erzählen: bildhaft, emotional, unmittelbar. Ein paar Sätzen genügen, und seine Zuhörer fühlen sich in die Atmosphäre eines indischen Hotel-Bistros versetzt oder in die Raucherlounge des Flughafens von Abu Dhabi.

Immer wieder greift der Sprachästhet zur Semantik, wenn er etwa fragt, was wäre, wenn Begriffe mit anderen Worten beschrieben würden. Statt „Milch“ zum Beispiel „Leiter“? „Kein Wort einer Sprache ist notwendig.“

Kurze Glücksmomente, in Kurzform gegossen. Seine Frau Dorle scheint das begriffen zu haben. Zimtschnecken hätte sie gebacken und in säuberlich gespülte, gebrauchte Gefrierbeutel verpackt, auf die mit wasserfestem Stift „Schinken“ geschrieben war.

Also bitte! Geht doch! Das sah das begeistert applaudierende Publikum offenbar genauso.