Antibiotika in der Nutztierhaltung
Ist Massentierhaltung eine Brutstätte für multiresistente Keime?
dpa (dpa)
Rohrbach

Wenn dagegen nichts unternommen wird, sollen laut einer Studie der Berliner Charité im Jahr 2050 weltweit mehr Menschen an resistenten Keimen sterben als an Krebs. Es ist also ein heißes Thema. Zur Diskussion darüber luden daher - gerade im Hinblick auf die in Eschelbach geplante Hähnchenmastanlage - der ÖDP-Kreisverband und die Kreisgruppe Pfaffenhofen des Bund Naturschutz am Dienstagabend nach Rohrbach ein.

Der ÖDK-Kreisvorsitzende Gustav Neumair stellte eine fiktive Frage. "Gibt es ein Land, wo man jeden Tag wählen kann?" Er meinte, das gibt es. "Wir in Deutschland können jeden Tag in den Einkaufszentren unser Fleisch wählen." Mit dem Satz von Bauer Willi aus dessen Buch "Sauerei" übergab er das Wort an die Referentin des Abends, Angelika Demmerschmidt. "Wer ein Hähnchen für 2,79 Euro kauft, gibt das Recht ab, sich über Massentierhaltung zu beschweren." Demmerschmidt ist Referentin für Kommunikation und Medien des ÖDP-Europaabgeordneten Klaus Buchner. Sie vermittelte den zahlreichen Besuchern einen Einblick in Buchners Kampagne "Klaus graust's", die Buchner und seine Referentin derzeit deutschlandweit vorstellen. "Die Kampagne ist gegen Massentierhaltung, aber für Landwirte", betonte Demmerschmidt. Und auf die Frage, was Massentierhaltung denn genau sei, kam die Antwort: "Das sind ländliche Großbetriebe mit nicht ausreichenden Flächen, um eigene Futtermittel zu erzeugen."

Früher sei der Sonntagsbraten der kulinarische Höhepunkt der Woche in einer durchschnittlichen Familie gewesen. "Fleisch war teuer. Durch die Massentierhaltung ist es billig geworden", meinte Demmerschmidt. Aber durch den Einsatz von Antibiotika würden gefährliche Keime gezüchtet und das Heilmittel werde für den Menschen wirkungslos. Gerade in der Massentierhaltung würde für die Bekämpfung von Infektionen eine hohe Menge von Antibiotika vorbeugend gegeben. "An gesunde Tiere. Und genau das führt zu resistenten Keimen."

So erhalten Hähnchen große Mengen an Antibiotika verabreicht. Da sie sich nicht bewegen können, fließt die gesamte Energie ins Wachstum. "Und genau das ist gewollt. Nach 30 bis 35 Tagen haben die Tiere das Mastgewicht von 1,5 bis 1,8 Kilo erreicht", berichtete die Referentin. Das sei eine fürchterliche Tierquälerei - und eine Katastrophe für die Menschheit obendrein. "Denn es führt zu einer rasch steigenden Anzahl von multiresistenten Killerbakterien."

Putenfleisch aus dem Discounter sei 2015 stichprobenhaft untersucht worden, hieß es weiter. Auf 80 bis 90 Prozent der Fleischstücke seien resistente Keime nachgewiesen worden. Die Probleme würden von Pharmaindustrie und Tierärzten verharmlost werden. Es gehe nur um den Profit. "Man sollte Druck auf die Politiker ausüben - und das sollten alle tun", forderte die Referentin. Denn auch sogenannte Reserveantibiotika würden in der Tiermast eingesetzt. Doch diese seien überlebenswichtig für erkrankte Menschen. "Deshalb fordern wir in der Tiermast ein sofortiges Verbot der Reserveantibiotika."

Ermert, Anna, Rohrbach
Rohrbach

Das Inkrafttreten des Freihandelsabkommens Ceta werde Europa mit noch mehr Billigfleisch überflutet. Mehr als das 16-fache beim Schweinefleisch, etwa das Zehnfache beim Rindfleisch werde auf den Markt gespült. "Das ist undemokratisch", meinte Demmerschmidt.

Die Gründe seien gut und vielfältig, um die industrielle Massentierhaltung abzuschaffen und zu einer artgerechten Tierhaltung zurückzukehren, fand Demmerschmidt. "Wirtschaftliche Interessen dürfen nicht Vorrang haben vor dem Menschen", forderte sie. Aber es werde erst etwas geschehen, wenn die Politiker Angst hätten, dass die Stimmen bei der Wahl weniger würden. Daher gab Demmerschmidt ihren Zuhörern nur einen Rat: "Protestieren! Denn aus einem kleinen Protest kann sich eine große Entwicklung ergeben. Man braucht einen langen Arm, dann ist aber viel möglich."

Micha Lohr von der Ortsgruppe Wolnzach/Rohrbach des Bund Naturschutz informierte die Gäste, dass nach der Genehmigung des Betriebs in Eschelbach der Markt Wolnzach, aber auch der Bund Naturschutz Klage gegen die Genehmigung eingereicht hätten. "Wir rechnen uns gute Chancen aus, dass der Bau eingestellt wird."

Damit war die Fragestunde eröffnet. "Es gibt nicht nur in Eschelbach multiresistente Keime. Aber die Gefahr, dass wir uns solche Keime in unsere Gegend holen, ist schon sehr groß", sagte Lohr. Warum die Politik Billigfleisch nicht einfach verbieten könne, wurde gefragt. Man sei heute doch schon sehr viel umweltbewusster als früher. "Man kann nicht so viel ökologisch produzieren, wie nachgefragt wird", klärte Demmerschmidt auf. Wer Qualität liefere, solle auch seinen Preis bekommen, wurde gefordert. Und am Schluss kam die Hoffnung auf, dass Öko-Landwirte besser honoriert würden - und damit der Missbrauch von Antibiotika ende.