In: "Wenn wir das nicht schaffen, wer dann"
Beim Thema Asylbewerber ein Experte: Manfred Jäger, Leiter der Ingolstädter Agentur für Arbeit, will dieses Jahr eine knappe Million Euro in Qualifizierungsmaßnahmen investieren. 80 Prozent der von der Agentur betreuten Flüchtlinge sind unter 35. - Foto: Hauser
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In Ingolstadt leben einige Hundert Flüchtlinge, die arbeiten möchten. Können wir das schaffen?

Manfred Jäger: Wenn nicht wir in Ingolstadt, wer dann? Wir haben seit Monaten die niedrigste Arbeitslosenquote Deutschlands. Wir haben 3600 offene Stellen. Wir haben Fachkräftebedarf, zum Teil Fachkräftemangel. In bestimmten Bereichen sind wir auf den Zuzug von jungen Menschen angewiesen.

 

Das klingt, als kämen die Flüchtlinge wie gerufen.

Jäger: Das A und O für eine Integration, egal ob gesellschaftlich oder beruflich, sind Deutschkenntnisse. Wir als Agentur für Arbeit sind grundsätzlich nicht für den Spracherwerb zuständig, das ist Aufgabe des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Aber in unseren Qualifizierungsmaßnahmen ist das Thema berufsbezogenes Deutsch immer dabei. Das ist unser erstes Ziel. Das zweite Ziel ist, dass man Eignungs- und Kompetenztests durchführt und die Menschen so qualifiziert, dass sie eine Ausbildung absolvieren oder arbeiten können.

 

Wie viele Asylbewerber betreuen Sie zurzeit?

Jäger: Wir können uns nicht um alle Flüchtlinge kümmern. Die Wirtschaft hat ein starkes Interesse daran, dass wir nur diejenigen in eine Ausbildung bringen, die nach der Abschlussprüfung im Betrieb bleiben können. Wir kümmern uns um diejenigen, die eine hohe Bleiberechtswahrscheinlichkeit haben. Im Wesentlichen sind das die Menschen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak - die auch vorrangig für die Bamf-Sprachkurse zugelassen werden. Das haben wir ausgeweitet auf Somalia, Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Wir haben aktuell bei uns in der Agentur für Arbeit im Stadtgebiet Ingolstadt 240 Menschen, denen wir Beratung, Vermittlung und Orientierung anbieten. In der Region 10 insgesamt sind es 630.

 

In welcher Situation sind diese Menschen?

Jäger: Das sind die, die sich schon in der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung befinden. Wir fangen aber schon einen Schritt vorher an. Wir haben sehr viele Berufsintegrationsklassen an den Berufsschulen: 19 erste Klassen und sieben zweite Klassen in der Region 10. Da sind wir mit der Berufsberatung ganz massiv vor Ort. Außerdem testen wir die jungen Menschen mit Sprachtests, ob sie für eine dreijährige Ausbildung schon geeignet sind. Der Arbeitgeber sagt häufig, dass er mit den Sprachkenntnissen zufrieden ist, wenn er sich verständigen kann. Aber man muss überprüfen, ob das auch für die Aufgaben in der Berufsschule reicht.

 

Vor allem die jungen Leute, die noch viel lernen können, sind vermutlich eine dankbare Zielgruppe.

Jäger: Ja, das ist das Potenzial. Unser Ziel ist, alle Menschen bis 25 in Ausbildung zu bringen. Bei denen bis 35 gehen wir ebenfalls verstärkt in die Ausbildung, eventuell mit Umwegen.

 

Werden die alle ausbildungsfähig sein?

Jäger: Das ist ein differenziertes Bild. Nicht alle, die in den Berufsintegrationsklassen sind, sind sofort sprachlich geeignet, um eine Ausbildung zu machen. Deswegen haben wir da verschiedene Maßnahmen, um sie auf eine Ausbildung vorzubereiten. Wir haben engen Kontakt zu den Berufsschulen, zu den Betreuern und zu den Lehrern. Da bekommen wir schon vorgefiltert, wer gleich für eine duale Ausbildung oder eine weiterführende Schule infrage kommt. Für jene, bei denen es noch nicht ganz reicht, haben wir verschiedene Maßnahmen, zum Beispiel das Programm Bayern Turbo für die Jugendlichen bis 21 Jahre. Das sind je nach Bedarf sechs bis zwölf Monate mit einem Schwerpunkt auf Sprachvermittlung, aber auch fachlichen Kenntnissen. Danach versuchen wir, direkt in eine Ausbildung zu vermitteln - bei Bedarf mit enger sozialpädagogischer Betreuung.

 

Gibt es Asylbewerber, die schon eine Ausbildung machen?

Jäger: Letztes Jahr sind sicherlich schon welche in Ausbildung gegangen, viele allerdings, ohne die Berufsberatung zu beteiligen. Aus unserer Sicht gilt: Ja, liebe Betriebe, bitte stellt Auszubildende aus dem Kreis der Flüchtlinge ein. Wichtig ist aber, dass unser Haus daran beteiligt ist, zum Beispiel indem wir Deutschkompetenz feststellen und sozialpädagogisch begleiten. Sonst gibt es häufig Ausbildungsabbrüche.

 

Werden die Flüchtlinge in manchen Branchen besonders gebraucht?

Jäger: Wir haben offene Ausbildungsstellen im Hotel- und Gaststättenbereich, im Handel, im Verkauf, in pflegerischen Berufen, auch im Handwerk - ein breites Spektrum.

 

Wie deckt sich der Bedarf mit den Erwartungen der Menschen, die kommen?

Jäger: Die kommen und sagen: Studium, Studium, Studium! Die kennen den Begriff der Ausbildung nicht. Es ist dann unsere Aufgabe, zu informieren, dass es bei uns 350 anerkannte Ausbildungsberufe gibt und dass das ein guter Start ins Erwerbsleben ist, mit dem man dauerhaft seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Möglicherweise kann man nach mehreren Jahren Arbeit immer noch studieren. Es kommen auch welche, die wollen vor allem Geld verdienen. Denen sagen wir, dass ohne Ausbildung keine dauerhafte Integration möglich ist.

 

Wie sieht es bei denen aus, die schon älter sind und Qualifikationen aus ihren Heimatländern mitbringen?

Jäger: Generell haben 81 Prozent aller Menschen, die kommen, keine nachweisbare Qualifikation - bei manchen ist sie noch nicht anerkannt oder das Papier ist auf der Flucht verloren gegangen. Es gibt auch Menschen, die keinerlei Qualifikation erworben haben. Das kann man alles nachholen - die Bereitschaft dazu ist generell hoch. Wir reden hier überwiegend von jungen Menschen, die kommen: 48 Prozent sind bis zu 24 Jahre alt. 80 Prozent sind nicht älter als 35.

 

Die Angst ist ja, sich mit den Flüchtlingen vor allem Sozialhilfeempfänger ins Land zu holen.

Jäger: Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Menschen schnell zu integrieren. Je länger wir damit warten, desto mehr schon vorhandene Qualifikationen gehen verloren. In Bayern haben wir im Arbeitsmarktprogramm Flucht ein ganzes Portfolio an Maßnahmen aufgelegt, in Kooperation mit der bayerischen Staatsregierung, dem Verband der bayerischen Wirtschaft und der IHK. Ziel ist, dass die bayerische Wirtschaft 60 000 Menschen in Arbeit und Ausbildung einstellt bis 2019. Dafür geben die Agentur für Arbeit und ihre Kooperationspartner in Bayern dieses Jahr 75 Millionen Euro aus, allein die Ingolstädter Agentur investiert eine knappe Million. Wichtig dabei: Bei den Inländern wird kein Cent eingespart. Wir haben ausreichend Mittel für alle.

 

Das Gespräch führte

Annika Schneider.