Justiz sucht Schöffen
ARCHIV - Ein Richterhammer und ein Strafgesetzbuch liegen am 19.03.2013 im Landgericht Osnabrück (Niedersachsen) auf einem Tisch. Bei der Urteilsfindung sind Schöffen hauptamtlichen Richtern gleichgestellt. In diesem Jahr suchen die Kommunen im Norden wieder interessierte Bürger für das Schöffenamt. Foto: Friso Gentsch/dpa (zu dpa: «Als Hausfrau fünf Jahre Richter sein - Schöffen werden gesucht» vom 03.04.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Friso Gentsch/dpa (dpa)
Pfaffenhofen
Jetzt sollte das Pfaffenhofener Amtsgericht endlich Recht sprechen. Das hatte sich Tarek M. (alle Namen geändert), 48, vorgenommen, als er seinen Schwager Hakan, 43, anzeigte: Der habe gedroht, ihn umzubringen. Das Gericht tat ihm den Gefallen nicht, es stellte das Verfahren ein.

Dass es um mehr ging als bloß eine einmalige Bedrohung, das wurde schon gleich zu Beginn der Verhandlung klar: Der Sitzungssaal füllte sich mit Mitgliedern der beiden Familien, Ehefrauen, Großväter, Kinder und Enkel. Sie wollten wohl dem Showdown des Familienzwistes beiwohnen.

Anlass für die Schwager-Klage war ein Vorfall am 18. März gegen 23 Uhr im Eingangsbereich eines Hauses, das von zwei heillos verfeindeten, aber verwandten Familien gemeinsam bewohnt wird - und das unglücklicherweise auch beiden jeweils zur Hälfte gehört. Offenbar keine gute Idee von den damaligen Bauherren. Der angeklagte Hakan, so warf ihm die Staatsanwaltschaft vor, habe seinen Schwager, allerdings unter Alkoholeinfluss, bedroht. Deshalb wurde ihm ein Strafbefehl über 600 Euro zugestellt. Dagegen hatte Hakan Einspruch eingelegt. Denn eigentlich versteht er überhaupt nicht, warum er hier sitzt und nicht sein Schwager. "Haben Sie ihn bedroht?", fragt Amtsrichterin Nicola Schwend. "Nein", sagt Hakan. Umgekehrt sei's gewesen: Tarek sei an jenem Abend plötzlich mit Kumpeln, Frau und Kindern aufgetaucht, habe herumgeschrieben, seine Frau beschimpft. Haut endlich ab, habe er gebrüllt und dann die Tür eingetreten. Nicht zum ersten Mal. "Das ist schon die dritte Tür, die er kaputt gemacht hat!" Und hinten und vorn die Fenster, die habe er auch demoliert. Mehrfach. Er, Tarek, hätte deswegen zur Polizei gehen können. Hat er aber nicht. Der Schwager war schneller. Die Amtsrichterin ruft den Schwager in den Zeugenstand. Tarek erscheint, mit einem fast zehn Zentimeter dicken Ordner voll von Dokumenten. Belastenden Dokumenten. "Schildern Sie", bittet ihn Nicola Schwend, "was am 18. März abends passiert ist." Tarek holt Fotos aus seiner Jackentasche: "Er hat mein Auto zerkratzt, hier, sehen Sie. Und gegen die Autotür getreten. Die Äste von meinen Bäumen", Tarek zeigt das Beweisfoto, "die hat er auch abgeschnitten." Er fächert den Ordner auf. "Es gibt so viele Vorfälle, ich weiß gar nicht, welche ich zuerst erzählen soll." "Wir können jetzt nicht die ganze Familiengeschichte aufrollen", bremst ihn die Amtsrichterin. "Was war am 18. März?" "Es regnete Schimpfwörter." Hakan sei im Haus gewesen, habe ein Messer in der Hand gehabt, und über das Fenster wollte er auf ihn los. Er hält sein Handy zum Richtertisch: "Diese SMS hat er mir geschrieben." Wann, fragt die Richterin. "Vor drei Monaten." "Können wir uns auf den 18. März konzentrieren?", bittet sie. Tarek besinnt sich und holt dann zum finalen Schlag aus: "Meine Frau fährt seit 20 Jahren Taxi. Vor zehn Jahren hat sie zum ersten Mal Urlaub gemacht, am Meer. Plötzlich ist Hakan da. Bitte, was wollte der da?" Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum schweben.

Die Richterin ruft Tareks Tochter in den Zeugenstand. Jeden Tag gab es Streit, sagt sie, "wir können gar nicht mehr schlafen, in der Schule kann ich nicht mehr aufpassen". Und der Onkel, also Hakan, trinke bis zum Gehtnichtmehr. Am 18. habe ihr Vater Hakan aufgefordert, das Haus zu verlassen. Der habe geantwortet, er werde ihn umbringen. "Und meine Schwester hat er rausgeholt aus der Wohnung." Am 18.? "Nein, das war eine Woche vorher."

Tareks zweite Tochter wird in den Zeugenstand gerufen. Die Amtsrichterin versucht jetzt schon im Vorfeld, deren Aussage einzukreisen: "Es hat in der Vergangenheit viele Vorfälle gegeben, jetzt geht es nur um den 18. März." Das wirkt offenbar. Auf die Frage, ob ein Messer im Spiel war, antwortet die Tochter sehr knapp: Nein.

Auch Hakans Ehefrau wird vernommen. "Der 18.?", fragt sie die Richterin. "War das der Tag, als die Polizei kam?" "Das weiß ich nicht", sagt Nicola Schwend. 17 Polizisten seien mal dagewesen. Hakans Verteidiger Hermann Hammermaier schaut ungläubig hoch: "Das wäre ja ein Großeinsatz!" Nicola Schwend blickt den Staatsanwalt an. Der nickt. Sie stellt das Verfahren ein und gibt Hakan den Rat, den Familienzwist mit einem Mediator aufzuarbeiten. "So kann's ja nicht weitergehen." Der Verteidiger signalisiert Entwarnung, es gäbe Bestrebungen, dass eine der beiden Familien ihre Haushälfte auslöse. Die Richterin bleibt dabei: "Das ist ja auch nicht so einfach."