Rennertshofen: Bissig-böser Blick in die menschliche Seele
Mal grantelnder Bauer, mal sinnsuchender Aussteiger: Der Niederbayer Martin Großmann überzeugte das Publikum bei seinem Auftritt in Rennertshofen, wo er den vierten Kabarettabend in diesem Jahr gestaltete. - Foto: Hamp
Rennertshofen

Sie alle, das sind anfangs 32 Erwachsene und ein paar Kinder, treffen sich in dem von ihm entworfenen Szenario als Aussteiger, Naturliebhaber und Kritiker des kapitalistischen Systems auf der Elements-Farm, einem ehemaligen niederbayerischen Bauernhof, um dort den ihrer Meinung nach wahren Sinn des Lebens zu finden. Das Ganze für läppische 20 000 Euro, womit sie einen winzigen Besitzanspruch am Hof erwerben. Die Fleischesser unter ihnen achten zwar das Tier, eine Leberkassemmel schmeckt ihnen aber trotzdem - was aber eigentlich verboten ist. Zwischen ihnen, den Vegetariern, Veganern und Frutariern herrscht schon bald hinterfotzige Feindseligkeit.

Und so läuft das: Regina und Jürgen sind die Chefs auf der Farm, dem ehemaligen Greindobler-Hof. Jeder der Sinnsucher muss ein Papier mit zwölf Punkten unterschreiben, die festlegen, was sie alles dürfen. Sie "dürfen" vor allem zahlen und den Mangel erproben; denn sie wollen sich ja von der Konsumgesellschaft lösen. Großmann schlüpft in verschiedene Rollen, aber immer wieder in die des Niederbayern Andi, der mit seinem Sohn Maxi dort lebt. Von seiner Frau Sibylle hat er sich scheiden lassen; sie arbeitet im Vorstand eines Dax-Unternehmens in Frankfurt. Sein ehemaliges Standl in München, wo er Dinkel-Crèpes verkaufte, hat das Gewerbeaufsichtsamt dichtgemacht. Ein gewisser Richard ist unterdessen auf der Yogawiese in eine Heugabel gefallen, angeblich - da waren es nur noch 31 Erwachsene. Kuriose Charaktere. Dann gibt's den Alt-Nazi Wolfgang aus Gelsenkirchen. Er sieht den Lebensraum des deutschen Hirschen stark bedroht, weil Flüchtlinge durch den Wald marschieren. Schlimmster Rassismus blitzt auf, wenn er "lieber deutsches Rotwild als afrikanisches Schwarzwild" sehen will. Seinen Beitrag zum Erhalt der Natur sieht er in der Verteidigung der germanischen Wälder.

Alle preisen das Glück der Abgeschiedenheit von der schlechten Welt - solange der geliebte Akku-Schrauber mit ins Paradies darf. Aber diese gemeinsame Ideologie garantiert noch keine funktionierende Lebensgemeinschaft. Hinter der idyllischen Maske kommt schon bald die Kehrseite der menschlichen Natur zum Vorschein: Habgier, Intoleranz, Verlogenheit und Rassismus lauern, wohin man nur schaut. Schauspielerisch überzeugend verwandelt sich Großmann in die verschiedenen Charaktere. Dazu kommt ein grobschlächtiger Nachbar, der Hartlbauer. Er kann "des Gschwerl" nicht leiden. Wenn die Leute ihre Treffen auf der Yogawiese zelebrieren, dann dreht er die Vorrichtung, mit der er das Glyphosat auf seinen angrenzenden Acker verspritzt, schon mal weit genug auf - und auch das Publikum wird nass.

Das Ende kommt, wie es kommen muss. Die Betreiber haben den Hof heimlich verkauft und sind mit dem Geld auf und davon. Ein Mord ist geschehen und die "Sinnsucher" müssen innerhalb von 14 Tagen den Hof verlassen.

Martin Großmann wurde zwar 1971 im Ruhrgebiet geboren, kam aber schon mit sechs Jahren ins niederbayerische Hengersberg. Vielleicht deshalb springt er mühelos von einem Dialekt in den anderen und von einer Figur in die andere. Er beobachtet genau, er schimpft und grantelt, er ist frech und witzig, makaber und böse und ein ausgezeichneter Theaterspieler. "Krafttier Grottenolm" ist inzwischen sein sechstes Programm. Mit ihm ist es dem Tennisclub Rennertshofen heuer zum vierten Mal gelungen, einen brillanten Kabarettisten zu holen.