Neuburg: So zeitlos wie die See
„Zieht er mich oder ich ihn“, fragt sich der Alte Mann (Horst Janson). Während er mit dem Fisch kämpft, ihm mal mehr, mal weniger Leine gibt, um ihn zu zermürben, wächst die Achtung, ja Liebe des Mannes zu dem Geschöpf, das ihm so zu schaffen macht, dass er zeitweise fürchtet, mit in den Tod gerissen zu werden - Foto: Hammerl
Neuburg

Seine 78 Jahre sind weder der Stimme Jansons anzuhören, noch haben sie seiner Ausstrahlung geschadet. Er erweist sich als Idealbesetzung des alten Mannes, den Ernest Hemingway so beschreibt: „Alles an ihm war alt und zerfurcht – nur die Augen nicht“. Und dann ist da noch dieses jungenhafte Lächeln – der „Bastian“, Jansons Paraderolle, blitzt immer noch durch, nur dass es weniger Großmüttern gilt, sondern gütig, weise und liebevoll dem jungen Manolo (Peter Menden), der den alten Santiago liebt, bewundert und ein bisschen sogar bemuttert, Essen für ihn bei der Barkeeperin (Marie-Luise Gunst) erbettelt und ihm den schweren Bootsmast diskret abnimmt, wenn der Alte unter der Last schwankt. Der Körper will nicht mehr so recht, doch der Geist ist hellwach, der Wille ungebrochen – nur so gelingt es dem alten Fischer, den riesigen Fisch, den Fang seines Lebens zu besiegen. Um ihn am Ende an die Haie zu verlieren, denen er den Marlin überlassen muss, nachdem er im erfolgreichen Kampf mit den ersten Raubfischen Harpune und Messer verloren hat.

Ein Großteil der gut 90-minütigen reinen Spielzeit sitzt oder steht Janson in einem Boot auf einem Meer aus leeren Plastikflaschen, lässt das Seil durch die geschundenen Hände gleiten und führt Selbstgespräche. Dank fulminanter Sprachgewalt und eindrucksvollem Spiel fesselt die beeindruckende Inszenierung durchgängig, obwohl keine Überraschungen zu erwarten sind und die Spannung keineswegs knistert. Vielmehr fasziniert die Auseinandersetzung des alten Mannes mit der Natur, die nur dank purer Willenskraft auf ein Unentschieden hinausläuft, obwohl es ein ungleicher, eigentlich aussichtsloser Kampf scheint. „Wäre nur der Junge bei mir“, sagt Santiago immer wieder, doch es klingt eher wie ein Mantra, feuert ihn mehr an als ihn in Verzweiflung zu stürzen. „Hätte ich nur….“ – auch den Gedanken lässt er nur bedingt zu: „Überleg’, was du tun kannst, mit dem, was du hast“. Er ringt mit seiner linken Hand, die krampfend den Dienst versagt, mit sich selbst, seinem Herrgott, dem er zig Ave Marias und Vaterunser verspricht („Betrachte sie als gesagt, ich bete sie später“), aber er hadert nicht. Meer und Wind sind seine Freunde, am Ende erkennt er, was ihn geschlagen hat. „Nichts hat mich geschlagen – ich bin zu weit rausgefahren“.

So philosophisch sich die Inszenierung einerseits gibt, so lebenssprühend ist sie andererseits dank der vier Musiker in der Hafenbar, Jens Hasselmann (Gitarre, zudem Regie und Komponist der Lieder), Michael Herrmann (Akkordeon), Ralf Wüstneck (Akkordeon) und Diogenes Nodarse (Perkussion), die mit temperamentvoller Musik einen gelungenen Kontrapunkt zur eigentlichen Textlastigkeit des Stücks setzen. Das tut auch Marie-Luise Gunst, die als Erzählerin und Sängerin tragende Funktion übernimmt, dabei aber dezent im Hintergrund bleibt. Eine rundum gelungene Komposition aus Melancholie, feinem Humor, der Hemingways kraftvolle Sprache durchzieht, lebensbejahender Musik und einem herausragenden Hauptdarsteller, dem ein wundervolles Plädoyer für ein selbstbestimmtes Alter gelingt.