Neuburg: "Zeigen, dass wir dazugehören"
Die Tür blieb offen, während die Männer der islamischen Reformgemeinde beteten. Auch die Frauen erklärten, wie der Alltag in der Moschee aussieht - Fotos: Hammerl
Neuburg
Mittlerweile findet der Tag der offenen Moschee bundesweit und immer am 3. Oktober statt. „Weil die Leute freihaben und kommen können“, begründet Waheed Niaz die Terminwahl. Sein Bruder Syeed ergänzt: „Nicht nur das, sondern auch, weil es der Tag der Deutschen Einheit ist, und wir zeigen wollen, dass wir dazugehören“. So werden in der Schrannenstraße Kaffee und Kuchen sowie pakistanische und indische Spezialitäten wie Samosa – vegetarisch gefüllte Teigtaschen – angeboten, Besucher durch die beiden Gebetsräume geführt und an den Tischen draußen Informationen ausgetauscht.

Der hintere der beiden Gebetsräume ist den Frauen vorbehalten, im vorderen, größeren, beten die Männer. Fünfmal am Tag sollte jedes Gemeindeglied beten, meist daheim – nur abends ist das Gebetszentrum zum gemeinsamen Abendgebet geöffnet. Freitags kommen Männer und Frauen zum Freitagsgebet zusammen, wobei die Pflichten mehr bei den Männern als bei den Frauen liegen, wie Sadga Siddiqua erklärt. Die junge Frau, deren Wurzeln wie die der anderen rund 50 Neuburger Ahmadiyya-Muslime in Pakistan liegen, beantwortet im Frauengebetsraum Fragen der Besucherinnen. Fünf rote Gebetsteppiche liegen hier am Boden, dazu gibt es einige Stühle für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht auf dem Boden beten können. Das Kopftuch trage sie aus Überzeugung, nicht weil ihr Mann das fordere, erklärt Siddiqua, die mit dem Präsidenten der Gemeinschaft, Ahmed Ubada, verheiratet ist. Dass sie, wie im deutschen Eherecht möglich, ihren Mädchennamen behalten hat, damit habe er kein Problem, erzählt sie.

Der Präsident wird auf drei Jahre gewählt und kümmert sich, anders als ein Imam, auch um Organisatorisches, berichtet Pressesprecher Syeed Niaz. Einen Imam gibt es in der Neuburger Gemeinschaft nicht, dazu ist sie zu klein. Als Vorbeter könne jeder fungieren, so Niaz. An diesem Nachmittag ist es Shahid Kalil, der die Aufgabe übernommen hat. Elf Männer und ein kleines Mädchen haben Platz auf den sechs bunten Gebetsteppichen gefunden und die Gäste dürfen durch die offene Tür hindurch zusehen.

Draußen an den Biertischen sind Besucher mit den Gastgebern ins Gespräch gekommen. Diakon Hubert Seitle und Lehrerin Monika Leinfelder unterhalten sich mit den Brüdern Niaz, die Interessantes aus der Geschichte der islamischen Reformgemeinde berichten und erläutern, wie sie sich von anderen islamischen Gruppierungen abgrenzen. So seien die Ahmadiyya Muslime in den insgesamt 73 islamischen Gruppierungen nicht anerkannt und würden sogar verfolgt, was für die erste Generation – in Neuburg ist die Gruppierung seit 1976 – Grund zur Asylsuche in Deutschland war. „Wir sind demokratisch aufgebaut, Frauen sind gleichberechtigt“, erklärt Syeed Niaz, „und wir trennen Staat und Religion“. Bildung werde groß geschrieben – für Männer, wie für Frauen. Jeder zweite der Neuburger Gemeinde habe Abitur. Niaz selbst hat Informatik studiert.

Leinfelder ist beeindruckt. „Für mich war es wichtig, eine Richtung im Islam kennenzulernen, die Werte hochhält, und nicht Zwang und Gewalt“, kommentiert sie die Aussagen des Pressesprechers, der klar zum Ausdruck gebracht hat: „Für Meinungsverschiedenheiten haben wir heute Papier und Stift – wir lehnen Gewalt ab“. Gegründet wurde die Ahmadiyya Bewegung übrigens anno 1889 von Hadrat Mirza Ghulam Ahmad (1835 bis 1908), der für sich in Anspruch nahm, der von Mohammed verheißene Messias des 20. Jahrhunderts zu sein.