Neuburg: Sonderbeifall für drei schwierige Diven
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Neuburg

Die Uraufführung der musikalischen Komödie begeisterte Publikum, Komponist und Autor gleichermaßen.

Katrin Mitko, Nicola Kloss und Anita Kerner überzeugen als abgehalfterte Diven, die in einem ganz besonderen Etablissement leben und sich eigentlich spinnefeind sind. Den ebenso schmierigen wie zwielichten Musikproduzenten Speckenbach, der die drei als "erstes Senioren-Girlie-Trio" groß herausbringen will, spielt Eberhard Spieß mit offensichtlicher Freude.

Brillant Martin Göbel als Pianist Paul, der als musikalischer Leiter nicht selbst nur in die Tasten greift und das kleine Orchester dirigiert. Das besteht neben ihm aus Eva-Maria Schuster und Leon Zimmermann, die das Ensemble nicht nur um Kontrabass und Schlagzeug bereichern, sondern auch mit einigen Kalauern. Paul alias Göbel muss zudem noch die drei zickigen Damen erfolgreich lenken und dafür schauspielerisch alle Register ziehen. Geduld scheint er jede Menge mit ihnen zu haben, lässt jeder den Freiraum, ihre Gefühle auszuleben, schlägt dann aber im richtigen Moment mit der Faust auf den Tisch, um alle wieder auf Spur zu bringen. Schließlich geht es ja um etwas - die gemeinsame Spätkarriere der drei Pensionsbewohnerinnen. Die in ihrer ersten Blütezeit wohl weniger erfolgreich waren, als sie selber und gegenseitig glauben wollen.

Dass vieles anders war, kommt nach und nach ans Licht und so wird das Projekt des "Trio Musicale" zur reinigenden Therapie. Großartig, wie Nicola Kloss ihrer Hermine vorsichtig gestattet, den Nimbus des erfolgreichen Stars aus dem Film "Die Sünderin von St. Tropez" selbst zu entmystifizieren. Solange nur die ehemalige Operettensoubrette Alma und die herrlich komische "Chor-Schnalle" Pauline ätzen, beharrt sie darauf, die erfolgreichste der drei gewesen zu sein. Als ehemalige Schauspielerin, die "nicht singen kann", wie die Kolleginnen ihr bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot schmieren, muss sie sängerisch die größte Entwicklung auf der Bühne vollziehen. Aber natürlich singen sich auch die beiden selbsternannten Profis mit der Zeit ein, bis sie als menschlich wie sängerisch gereiftes "Trio Musicale" erfolgreich auf der Bühne stehen. Angesichts der anspruchsvollen dreistimmigen Sätze eine enorme Leistung der Amatuerdarstellerinnen Mitko und Kerner, aber auch von Kloss, die zwar vom Fach ist, aber ihr Brot als Musiklehrerin eben nicht auf der Bühne verdient.

Die ungeheuer facettenreiche Musik des Komponisten Thomas Erich Killinger, der vom Anspruch her definitiv nicht für Amateure komponiert, steht mehr im Vordergrund als der Untertitel "Komödie mit Musik" erwarten lässt, fügt sich aber so stimmig in die Handlung ein, dass beides untrennbar verwoben wirkt. Wunderschön der Chanson "Berlin zur Blauen Stunde", den Mitko zunächst als Almas Solo präsentiert, und der am Ende absolut stimmig zur Handlung den sentimentalen Schlusspunkt setzt. Etliche der Lieder haben tatsächlich Ohrwurmcharakter, allen voran die Titelmelodie "Trio Musicale", eine bunte Schlagernummer mit unfassbaren Intervallen im A-Capella-Schluss, der mitreißende Swing "Das Trapez" oder der als Boogie beginnende und sich zum Swing entwickelnde Song "Die Welt", der Kerner vom Dasein als Geisha träumen lässt und Mitko als Apachen-Squaw präsentiert, die für ihren Strip im Tipi nur Missachtung erfährt. Eine Nummer, die das komödiantische Talent der drei Akteurinnen besonders fordert.

Das ist überhaupt die größte Leistung und kann nicht genug betont werden: Die drei Amateurdarstellerinnen verschmelzen derartig mit ihren Rollen, dass die Kombination aus Gesang einerseits, Mimik und Gestik andererseits plus ebenso berührende wie stimmige Charakterentwicklung samt Katharsis auf beeindruckende Weise gelingt.

Nicht zu vergessen das Libretto von Gerhard Haase-Hindenberg, das die schwierige Situation von Künstlern sowohl humorvoll als auch eindringlich beleuchtet, mit spitzzüngigem Schlagabtausch punktet und eine überraschende Pointe bereithält.

Zum Schluss feiert das Premierenpublikum, das schon während der Aufführung mit Szenenapplaus und Bravorufen für die Sängerinnen nicht gegeizt hat, das Volkstheaterensemble, das mit so viel Spielfreude, Herzblut und Können eine würdige Uraufführung aufs Parkett des Neuburger Stadttheaters hingelegt hat. Freude, Rührung und Gratulation von Autor und Komponist, die schließlich mit auf der Bühne stehen und Regisseur Oliver Vief, seiner Assistentin Ariane Plattner und den Darstellern die Hände schütteln, sind unverkennbar echt.

"Das Stück funktioniert, das Ensemble funktioniert", sagt Killinger begeistert und auch Haase-Hindenberg, selbst Profi-Schauspieler und Regisseur kann die Akteure nicht genug loben, ganz besonders für ihre Authentizität.