Neuburg: "Hier stehe ich und kann nicht anders"
Foto: Andrea Hammerl
Neuburg

Schon der Auftakt ist spektakulär: Mit Donnergrollen, Blitzen und einem akustischen Wolkenbruch beginnt das Theaterstück aus der Feder Theodor Schübels, bearbeitet von Thomas Schwarzer, in der stockfinsteren Kirche. Und schon sind die Zuschauer mittendrin im Geschehen. Spektakulär auch die Flugblätter Luthers, die an jene der Geschwister-Scholl im Münchner Universitätslichthof erinnern, wenn sie von der Empore herab auf den Mittelgang und die angrenzend sitzenden Zuschauer herabflattern. Was aber keineswegs heißt, dass Hunner und sein ungeheuer engagiert aufspielendes Ensemble, allen voran der überragend facettenreich agierende Hauptdarsteller Georg Thaller, ein Spektakel abziehen. Die Würde des Spielortes bleibt jederzeit gewahrt. Faszinierend, wie die Hofkirche zu einem immens wichtigen Mitakteur wird, wie sie Authentizität vermittelt und dazu beiträgt, das Publikum den Atem anhalten zu lassen und es durchgängig in den Bann zu ziehen. In den Bann einer hochspannenden Phase der europäischen Geschichte, die in Deutschland beginnt, mit einem jungen, zugegeben besonders starrsinnigen und leicht weltfremden Mönch, der das Wort der Bibel über alles stellt, vor allem über die Macht der weltlichen und - wohl noch schlimmer - der geistlichen Herrscher. Was damals kaum einen Unterschied machte, wie Luther schmerzlich erfährt, als ihm Staupitz (Hans Hüttinger), der Generalvikar des Augustinerordens, die Augen über den Erzbischof von Mainz (Christian Salbeck) und Papst Leo X (Uwe Pojda) öffnet: "Sie sind keine Theologen, Martin". Der eine sei ein erst 27-jähriger Hohenzollern-Prinz, der andere ein Medici-Prinz.

Das ist Luthers Hauptdilemma. Immer wieder bietet er an, zu widerrufen, wenn er theologisch anhand der Bibel widerlegt würde, ansonsten bleibt er bei seinem Nein: "Hier stehe ich und kann nicht anders". Denn "von Politik versteht Bruder Martin nichts", wie sein Mentor Staupitz dem Erzbischof erklärt. Es folgen Verhöre, das Exil als Junker Jörg auf der Wartburg, am Ende der Bann - dennoch kann Luther sein Leben, das er mittlerweile mit Ehefrau Käthe und sieben Kindern teilt, weitgehend unbehelligt weiterführen und sein Hauptwerk, die Bibelübersetzung vollenden.

Die nackten Fakten sind bekannt, weniger jedoch die Hintergründe und Folgen von Luthers für die damalige Zeit so ketzerischen Thesen. Das ist das Geniale an "Luther - Rebell Gottes". In grade mal zwei Stunden reiner Spielzeit entwickelt sich dank der prägnanten, inhaltsschweren und packenden, auch in den hinteren Reihen bestens zu verstehenden Dialoge das eindringliche Bild einer gespaltenen Gesellschaft, einer Entfremdung zwischen Herrschenden und Volk, die ihr Ventil in Luthers neuer Lehre findet. Missbrauch der Religion? Wie viel Schuld trifft Luther an den blutigen Bauernkriegen? Zu den Schlüsselszenen neben den Widerrufsszenen gehört der Auftritt der Bauern, die mit Mist- oder Heugabeln, Dreschflegeln, Krücken und Hacken durchs Kirchenschiff auf die vorm Chorraum aufgebaute Bühne ziehen und in direkten Dialog mit Luther auf der Kanzel treten. Wacker schlägt sich Bauernführer Thomas Müntzer (Idealbesetzung: Walter Ackermann), der Luther mit Bibelzitaten Kontra gibt, aber am Ende natürlich unterlegen ist. Singend "Der Dr. Luther hat gesagt" ziehen die Bauern hinaus und in ihr Verderben, denn Luther hat den Fürsten einen Freibrief erteilt. Widerstand dürfe nur über das Wort erfolgen, wer mehr wolle, versündige sich und dürfe erschlagen werden. Was ihm deren Witwen und Waisen in einer ebenso ergreifenden Szene vorwerfen.

Genial auch der Einsatz der Musik, angefangen von der Orgel, gespielt von Michael Beck, über die wunderschöne Sopranstimme von Helena Beck, die nicht nur den Papst erfreut, bis hin zu Thallers singendem Abgang von der Kanzel bis zum Chorgesang. Großartig Dennis Helbig als Ablass handelnder, fanatischer Dominikanermönch Johann Tetzel, Norbert Mages setzt als Kardinal Cajetan Akzente, Wolfgang Köhler gibt als Luthers Vater erste Hinweise auf dessen Charakter, Armin Steger vollzieht als Dr. Karlstadt eine erschreckende Wende vom gemäßigten Skeptiker zum fanatischen Lutheraner.

Zwei komplette Verbeugungsrunden lang klatscht sich das Premierenpublikum die Hände wund und am Ende gibt es sogar teilweise stehende Ovationen, ganz besonders für Thaller, der eine absolute Glanzleistung abliefert, und den Regisseur. Hunner hat mehr als 30 ausgezeichnete Amateure im Einsatz und er spielt deren jeweilige Stärken voll aus. "Luther - Rebell Gottes" ist ein absolutes Muss für jeden Theaterfreund.

 

Weitere Aufführungen am Samstag, 16. September, Donnerstag, 21. September, Freitag, 22. September und Samstag, 23. September, jeweils um 20 Uhr in der Hofkirche. Karten gibt es unter anderem in der Geschäftsstelle des Donaukurier in der Schmidstraße C 113, Telefon (08431) 647 65 20.