Neuburg: Gibt es die "Macht der Rede"?
Wilfried Stroh im Descartes-Gymnasium. - Foto: Hammerl
Neuburg

Zumindest der letzte Satz wurde von den Schülern offenbar verstanden, denn alle folgten der Aufforderung, Stroh mit Applaus zu begrüßen. Der gab ebenfalls eine Kostprobe seines fließenden Lateins, referierte dann aber zur Erleichterung der Schüler auf Deutsch.

Vier Reden gegen Catilina hat der römische Konsul Marcus Tullius Cicero im Jahr 63 v. Chr. gehalten. Sie dienten Stroh als Paradebeispiel für die Macht des Wortes. Beinah wäre es dem Patrizier Catilina gelungen, Cicero, den einfachen Mann aus dem Volk, als Verleumder dastehen zu lassen, nachdem der Catilina im Senat als Verräter bezeichnet und prophezeit hatte, er werde Rom verlassen und sich offen an die Spitze der Aufrührer stellen. Catilina aber kam in den Senat. Verspätet, aber dennoch selbstbewusst trat er auf. Woraufhin Cicero die Flucht nach vorne antrat, berichtete Stroh in seiner fesselnden Rede. Und tatsächlich gelang es Cicero mit seiner heillosen Empörung und Kraft seines Wortes, Catilina einzuschüchtern, obwohl dessen bloßes Kommen vor allem die "Tauben unter den Senatoren" auf seine Seite gezogen und viele kritische Senatoren ins Wanken gebracht hatte. Cicero wagte es gar, Catilina aufzufordern, die Stadt zu verlassen. Eine Ungeheuerlichkeit, wie Stroh erläuterte, denn noch nie sei das einem freien Römer passiert. Als Catilina fragte, ob Cicero es wage, ihn ins Exil zu schicken, antwortete Cicero mit feiner Ironie: "Nein, ich befehle es nicht, wohl aber rate ich es dir." Das sei kein schlechter Rat gewesen, befand Stroh im Rückblick. Denn Catilina starb drei Monate später in der Schlacht - als Hochverräter und Anführer eines Heeres gegen Rom.

Schon Romulus, dem Gründer Roms, soll es mit brillanter Rede gelungen sein, die aufgebrachten Sabinerinnen zu beschwichtigen und dazu zu bringen, brave römische Hausfrauen zu werden. "Da wäre ich gern dabei gewesen", merkte Stroh an, ehe er der Frage nachging, wie es aktuell um die Macht der Rede stehe. Es gebe diese Macht schon seit dem vergangenen Jahrhundert nicht mehr, meinte er. Nur wenige Reden schafften es in die Zeitung, selten verselbstständigten sich Sätze wie Merkels vor sechs Jahren geäußertes "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa" oder "Wir schaffen das" und würden zu Sprichwörtern. Reden im Parlament seien nur noch Schaukämpfe, niemand erwarte mehr, dass sie andere zum Handeln brächten. Allenfalls im Wahlkampf gebe es noch echte Reden, die etwas bewirken sollen. Ein negatives Beispiel nannte Stroh mit dem sogenannten Draghi-Effekt. Mario Draghis (Chef der Europäischen Zentralbank) Aussage, die EU täte alles, um den Euro zu erhalten, sei sofort verstanden worden - obwohl ungeheuerlich, wenn nicht gar illegal, denn das bedeutete, die anderen kämen für die hochverschuldeten Südländer auf.

In der abschließenden Diskussion wollten die Schüler von Stroh wissen, ob er ein rhetorisches Vorbild habe, woraufhin er unter anderen Gregor Gysi und Guido Westerwelle nannte. Wobei letzterer zwar ein brillanter Rhetoriker gewesen sei, aber zu aalglatt, um authentisch zu sein. Ob er mit seinen Kindern nur Latein gesprochen habe? Das hätte er gern, "aber meine Frau wollte das nicht". Ungefragt erklärte Stroh, er träume nicht auf Latein, denn das erfolge stets in der Muttersprache.