Neuburg: "Die Lyrik ist mein Geländer im Leben"
Lyrikerin aus Leidenschaft: Die Neuburgerin Gerda Stutz hat mit ihrem Gedicht „Libelle“ unter Tausenden von Einsendungen einen Wettbewerb der Bibliothek Deutschsprachigder Gedichte gewonnen. Nur das Rezitieren zählt nicht zu den Lieblingsdisziplinen der Poetin - Foto: Stengel
Neuburg
Mit ihrem Werk „Libelle“ wollte es die öffentlichkeitsscheue Hobbylyrikerin heuer wissen. Sie reichte das Gedicht, das bereits vor einigen Jahren entstanden ist und im minimalistischen Stil in naturalistisch-zarten wie klaren Sprachbildern den Schöpfungsgedanken beschreibt, im März bei der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte ein. Dort wurde es nach den Kriterien Sprache, Inhalt, Poesie und Kreativität bewertet. Die fünfköpfige Jury aus Literaturwissenschaftlern jubelte und befand: „Der Text bietet in einzigartigem Einfallsreichtum ein herausragendes Sprachkunstwerk. Ihr Anliegen haben Sie in beispielhaft klarer Form dargestellt. Was die bildhafte Gestaltung betrifft, sticht ein vortrefflicher poetischer Sinn hervor (. . .) In wunderschönen, lyrisch klaren Bildern zeichnen Sie in Ihrem meisterlich reduzierten Text das Wunder der Schöpfung nach.“ Dafür wurde Gerda Stutz die Höchstpunktzahl 20 zuerkannt. Zudem durfte sich die studierte Grundschullehrerin, Hausfrau und Mutter zweier Töchter über 750 Euro Preisgeld freuen. Außerdem wird ein Hörbuch mit mindestens 30 ihrer Gedichte produziert.

„Ich bin schon auch stolz darauf“, erklärt die 73-Jährige, für die der Erfolg ein stiller Triumph der Bescheidenheit ist. Denn im selben Atemzug fügt sie an: „Nicht ich bin die Gewinnerin, sondern die deutsche Sprache.“ Und mit ihr kokettiert sie schon, seit sie ein kleines Kind war und die ersten Reime schmiedete. Dem ernsthaften Genre der Dichtung widmet sie sich bereits seit über 30 Jahren. Das Erstlingswerk entsprang dem Briefwechsel mit einer sehr guten Freundin. Inzwischen kann sie auf einen Fundus von 540 Gedichten zurückgreifen. Allesamt mit Tinte in filigraner Schrift in handlichen Büchlein niedergeschrieben und bislang kaum veröffentlicht. Das habe sie nie gewollt, habe das alles eher für sich getan, denn „ich muss mit jedem Gedicht glücklich sein und es muss befreiend wirken“.

Beflügelt haben sie dabei die Natur genauso wie Erlebnisse, Momente des Glücks genauso wie schwere Schicksalsschläge. Ein solcher ereilte sie, als ihr Mann Ewald nach 32 erfüllten Ehejahren 1995 einer tückischen Krankheit erlag. Damals war es auch die Lyrik, die Gerda Stutz Halt gab, sie stark sein ließ in der bitteren Zeit des Witwen-Daseins. „Die Lyrik ist mein Geländer im Leben“, sagt die Neuburgerin mit der bemerkenswerten Kraft tiefer Überzeugung. Bildgewaltig und mit hoher Metapherndichte erzählen ihre Gedichte dabei von Leben, Tod, Glauben oder den Jahreszeiten. „Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben irgendwie gesammelt habe.“ Ihre Gedichte seien für sie Wortaquarelle, Gefühlsmalereien, Pinsel und Flöte, „meine Insel, meine Stille, mein Atemschöpfen“.

Inspiration dazu lieferten der Lyrikerin auch ihr Lieblingsschriftsteller Ernst Wiechert und die romantisch-verklärten Dichterfürsten Rainer Maria Rilke und Eduard Mörike. „Ich bin sehr ehrfürchtig vor der Sprache und fasse jedes Wort mit Samthandschuhen an. Jedes Wort ist ein Wert für sich“, beschreibt Gerda Stutz ihre Philosophie. Und macht dabei auch klar, dass ihre Lyrik harte Arbeit ist: „Da ist man geistig schwer gefordert. Lyrik muss stimmig, muss musikalisch sein, gehorcht ihrer eigenen Melodik, muss lautmalerischen Reichtum haben. Da können Tage verstreichen, bis ein Gedicht entstanden ist.“ Dass sich in ihrem Leben viel verändern wird nach dem Preis, den sie gewonnen hat, glaubt sie nicht. Nachdem sie die Schockphase überwunden habe, mache sich jetzt aber schon ein Glücksgefühl breit, „bin ich langsam wieder geerdet“, verrät die zierliche Poetin. Sie werde weiterhin viel lesen und im Kirchenchor singen. Und natürlich werde sie weiterhin die heute fast vergessene Kultur des Briefeschreibens pflegen – und zwar ohne Hilfe des Computers. Gerda Stutz hält inne und resümiert: „Ich bin eben mit Vergnügen ganz altmodisch.“