Neuburg: Bravorufe für fulminantes Tanztheater
Körperbeherrschung, tänzerisches Können, dramatischer Ausdruck: Die 14 Tänzer des Sorbischen National-Ensembles Bautzen lieferten ein fulminantes Tanztheater. - Foto: Hammerl
Neuburg

Abgesehen vom volkstümlichen Beginn einer überwiegend heiteren Silvesternacht und der ebenso temperamentvollen letzten Szene, der Librettist Volkmar Draeger entgegen der Romanvorlage von Jakub Lorenc-Zalìski ein unerwartetes Happy-End verliehen hat, dominiert melancholische, teils dissonante, meist atmosphärisch-dramatische Musik von Liana Bertók. Entsprechend schwermütig ist die Choreografie von Mia Facchinelli ausgelegt. In der weitgehend surrealen, ohne die vorausgehende Einführung kaum verständlichen Handlung geht es nur vordergründig um die Liebesgeschichte von Jakub und Hanza, die von ihrem Liebsten verlassen wird, weil er zu Höherem berufen ist. So wird die fröhliche Silvesterfeier von der im weißen Kleid mit Kranz auftretenden Todesgöttin jäh unterbrochen, die Jakub umwirbt und fortlockt, was ihr erst nach mehreren Anläufen gelingt. Sie führt ihn dem Freiheitskampf des Sorbischen Volkes zu, den viele schon verloren gegeben haben. Im Tanzspiel wird das angedeutet, als die Tänzer ihre sorbische Nationaltracht ablegen und fortan in Unterwäsche auftreten, weniger selbstbewusst, eher wie Schatten ihrer selbst wirkend. Der Roman "Kupa Zabytych" stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, daher spielen expressionistische Elemente in das 2014 uraufgeführte Tanzspiel mit hinein. Während Jakub hinauszieht, um seine Aufgabe zu erfüllen und die gefangenen Kämpfer einer alten sorbischen Sage zu befreien, erscheint ihm Hanza immer wieder, wenn auch nur als Traum. Er betritt das Reich der toten Seelen, die die Hoffnung auf Freiheit noch nicht aufgegeben haben, widersteht mit Hilfe der Todesgöttin, die zugleich allegorisch für sein Gewissen steht, der Versuchung, aus der Quelle des Vergessens zu trinken und wie so viele andere sein Gewand und damit seinen Nationalstolz abzulegen. Schließlich gelangt er zur Stadt der Erkenntnis - Bautzen, der Heimatstadt des Sorbischen National-Ensembles.

Dessen je sieben Tänzerinnen und Tänzer bestechen durch ihre enorme Körperbeherrschung, tänzerisches Können, den dramatischen Ausdruck und angenehm athletische, keineswegs ätherisch-zerbrechliche Figuren. Das aus riesigen beweglichen und bunt angestrahlten Quadern bestehende Bühnenbild eignet sich leider wenig für die Bühne des Neuburger Stadttheaters - oder umgekehrt, denn sie engen den ohnehin eingeschränkten Blickwinkel der seitlich sitzenden Zuschauer zusätzlich ein. Insgesamt eine gelungene Aufführung, die das Publikum mit langanhaltendem Applaus und in der fünften Runde sogar mit Bravorufen quittiert.