Neuburg: Aufgeladen von Vergangenheit
Das Idyll der intimen Kuss-Szene scheint bedroht; ein unerklärliches Licht lauert über den Köpfen der Liebenden. - Foto: Heumann
Neuburg

Auch auf die Dinge dahinter.

Nach einigen Ausstellungsbeteiligungen und einer ersten Galerie-Präsentation in Ingolstadt bildet Neuburgs Städtische Galerie das erste offizielle Forum, das bei der Ernstlichkeit, mit der die Malerin ihre Profession betreibt, bestimmt nicht das letzte bleiben wird. Der Ort zum Start passt, schielt die kommunale Kunstinstitution aus ihrer dezidiert lokalen Verwurzeltheit gelegentlich gern über den sprichwörtlichen Kirchturmblick hinaus. Genau da auch lässt sich Agnes Krumwiede, übrigens eine gebürtige Neuburgerin, zwischen festen Wurzeln und sich weitendem Blick verorten. Immer wieder frappierend betreibt sich in ihren Bildern das Spiel mit einer zweiten, faszinierenden, geheimnisvollen und dann auch bedrohlichen Ebene.

Wobei dies nicht immer so ein harmloses Spielchen nur ist. In einer höchst klugen Einführung, die der Mann krankheitsbedingt nur von Kulturamtsleiterin Kathrin Jacobs verlesen ließ, spricht der Leiter der DONAUKURIER-Kulturredaktion, Jesko Schulze-Reimpell, förmlich von einer "Entschlüsselung". Die Gegenstände und Räume in den Bildwelten der Agnes Krumwiede sind "aufgeladen von Vergangenheit", verzauberte Dingwelten werden jetzt nieder geweckt.

Jesko Schulze-Reimpell nennt dazu in seiner präzise betriebenen Werkeinführung eine Reihe von Beispielen. Aus dem verwunschenen Idyll einer Villa am See steigt chimärenhaft deren Vergangenheit mit auf, dass dieses Haus Juden einst bewohnten. "Es bleibt immer etwas zurück." So liegt er da, der kleine Teddy, der in seiner Unschuld das Unbegreifliche seiner Geschichte nicht fassen kann, der Teddy gehörte einst einem Sinto-Jungen im Konzentrationslager Ravensbrück. Es ist nur ein leicht transparenter Schatten, der sich quer über den Hintergrund zieht, davor die saftigsten Granatäpfel, und doch heißt das Bild nur Granaten. Hilft in dem Fall der Titel etwas nach, es sind bei Agnes Krumwiede immer wieder nur solche Schatten, Lichtreflexe, die das Idyll nachhaltig stören, auf eine zweite Ebene weisen. Die begegnet gelegentlich auch humorvoll, wenn Agnes Krumwiede die biblische Geschichte vom Paradies feministisch etwas umgewichtet. Zunehmend gewinnt die materiale Auseinandersetzung auch an Gewicht, wenn Kork etwa und gar angerostete Bleche nicht bloß Malhintergrund allein bleiben, vielmehr das Prozesshafte selbst zum Bildgegenstand machen. "Was bleibt" , so der Titel der Schau, weist jetzt nicht mehr allein in die Vergangenheit, riskiert ein Fragen über den dann nicht mehr bloß als schön empfundenen Augenblick hinaus.

Bis 30. Oktober in der Städtischen Galerie im Rathausfletz; Dienstag bis Freitag 17 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag 11 bis 19 Uhr. Zur Ausstellung ist ein kleiner Katalog erschienen.