Etwa 250 Besucher hatten sich Mittwochabend im Bürgerhaus in Niederschönenfeld eingefunden.
Etwa 250 Besucher hatten sich Mittwochabend im Bürgerhaus in Niederschönenfeld eingefunden. Eingeladen hatte der Bund Naturschutz, der mit hochkarätigen Referenten über viele Aspekte eines Nationalparks informierte.
Frank
Niederschönenfeld

Eingeladen hatte die Kreisgruppe des Bundes Naturschutz (BN) Donau-Ries ins Bürgerhaus Niederschönenfeld. Der Saal war brechend voll. Etwa 250 Besucher schätzte BN-Kreischef Alexander Helber, der mit dem Besuch sehr zufrieden war. Bevor die Biologen Franz Leibl und Christine Margraf Einblicke in Sinn, Zweck und Vielgestaltigkeit eines Nationalparks gaben, bekannte Bürgermeister Peter Mahl: "Mir ist ein Nationalpark näher als ein Polder auf unserer Gemeindeflur." In der Kommune gebe es Befürworter und Bedenkenträger - "das Wort Gegner will ich gar nicht benützen" - und der Gemeinderat habe sich noch nicht festlegen können und auch nicht wollen. Die Chancen, so Mahl, als Polderstandort herauszufallen, seien mit einem Nationalpark "gar nicht so schlecht".

Alexander Helber, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe, fand es an der Zeit, endlich über die Vorzüge eines Nationalparks zu sprechen, ohne Polemik, sondern mit Fakten. "Jetzt muss auch einmal das Positive zu Wort kommen", sagte Helber, der eine "ethische Verantwortung für die Artenvielfalt" postulierte.

Die Neuburgerin Ulla Eller (Foto) , aktives Mitglied im Bündnis Auen-Nationalpark, brachte Begeisterung in den Saal. "Wir müssen unsere Egoismen hinten anstellen", sagte sie, und das Stück Natur "auch für kommende Generationen bewahren. Wir müssen aufstehen, Gesicht zeigen. Ran an die Unterschriftenlisten." Die lagen auf den Tischen aus und sollen dem Umweltministerium beweisen, wie groß die Akzeptanz eines Auen-Nationalparks wäre.

Nationalpark
Frank, Klaus Peter, Hohenwart
Niederschönenfeld

Wie hochwertig der Auwald entlang der Donau ist, was er an Leben birgt und von welcher Bedeutung er für Arterhalt und Artenvielfalt ist, das schilderte Christine Margraf, Artenschutzreferentin beim Bund Naturschutz. Margraf kennt den Wald genau. Im Umgriff von Grünau hat die gebürtige Ingolstädterin als Biologin ihre Doktorwürde erworben. "Ich kenne da jeden Quadratmeter." Sie sprach über Fische, Vögel, Insekten, Urwaldreliktarten, die nur noch dort vorkommen und über die Hartholz-Auwälder, die in ganz Deutschland vom Aussterben bedroht seien.

Franz Leibl, promovierter Biologe mit Schwerpunkt Ornithologie (Foto) , hatte einen weiten Weg auf sich genommen, um in Niederschönenfeld zu sprechen. Er leitet seit Jahren den Nationalpark Bayerischer Wald und freut sich darüber, wie sich ein Wald frei von Menschenhand entwickelt. Der Park wurde 1970 gegründet, ist 24 250 Hektar groß und war der erste Nationalpark in Deutschland. Derzeit sind 67 Prozent des Parks reine Naturzone. Er grenzt an den tschechischen Nationalpark Sumava, der 69 000 Hektar groß ist. Elch, Luchs, Hirsch und Wolf gibt es frei lebend im Park, der sich als wesentliche Einnahmequelle der Tourismusbranche entwickelt hat. Waren anfangs die Widerstände aus der Bevölkerung noch groß, wobei sich manche Betroffenen nicht sehr zivilisiert artikuliert hätten, seien "die Verwerfungen jetzt vorbei". Von wegen Betretungsverbote und Einschränkungen. Leibl zählte auf: 350 Kilometer Wanderwege, 215 Kilometer Radwege, 85 Kilometer Langlaufloipen, etwa eine Million Übernachtungen und eine Wertschöpfung in Höhe von 21 Millionen Euro durch Nationalparkgäste. Dass im Park 2000 verschiedene Pilzarten nachgewiesen werden konnten, sollte aufzeigen, wie erfolgreich Nichtstun sein kann, denn die Parkverwaltung arbeitet nach dem Leitsatz "Natur Natur sein lassen".

Nationalpark
Frank, Klaus Peter, Hohenwart
Niederschönenfeld

Trotz der Fülle an Informationen über einen möglichen und einen bereits weit entwickelten Nationalpark, ließ der Abend Zeit für Fragen und Diskussionsbeiträge. Einer der Zuhörer hatte die Nationalparke der Nachbarländer auf die Quadratmeterzahl pro Kopf umgerechnet, war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Freistaat nach dieser Rechnung Schlusslicht sei und bekannte, er schäme sich, ein Bayer zu sein.

Alois Schiegg, Bürgermeister der Gemeinde Marxheim und ein Vertreter der Nationalpark-Skeptiker, übte Kritik am Haus Wittelsbach. "Die betreiben Raubbau", störte er sich am massiven Holzeinschlag des Wittelsbacher Ausgleichsfonds im Auwald. Dass es mit einem Nationalpark keine Einschränkungen für Bevölkerung und Kommunen geben werde, könne er sich nicht vorstellen. Außerdem bezweifelte Schiegg, dass genügend Staatswald zur Verfügung stehe, um einen Nationalpark zu realisieren.

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, wie man gegen die Energielobby angehen könne. Gemeint waren die Kraftwerke an der Donau mit ihrem Schwellbetrieb. Christine Margraf entgegnete, das stärkste Instrument sei auch in diesem Fall ein Nationalpark. Außerdem, so versicherte sie, sei ein Nationalpark mit dem Bau von Poldern - gegen die der Bund Naturschutz ist - nicht vereinbar.

Irritiert zeigten sich die Anwesenden von der Absage der Umweltministerin, die in der kommenden Woche in Ingolstadt zum Thema Nationalpark sprechen hatte wollen. Das Bündnis Auennationalpark wollte die Veranstaltung mit Ulrike Scharf "kreativ und mit hoher Befürworterpräsenz begleiten". Die Absage gibt nun Spekulationen Raum. Ist sie der Anfang vom Ende des Nationalparkgedankens? Soll stattdessen ein Naturschutzgebiet als Lightversion eines Parks verwirklicht werden? Wenn der Auwald so schützenswert ist, wie die Ministerin gesagt hat, kann es dann einen politischen Salto rückwärts geben? Fragen, die im Bürgerhaus in Niederschönenfeld nicht beantwortet werden konnten.

Frank, Klaus Peter, Hohenwart
Niederschönenfeld

WARUM DIE DONAU-AUEN?

Der Bund Naturschutz hat sich pro Nationalpark Donau-Auen positioniert. Christine Margraf (Foto) , Artenschutzreferentin des BN für Südbayern, erklärte den 250 Zuhörern in Niederschönenfeld weshalb.

60 Prozent aller in Bayern vorkommenden Wasser-Mollusken-Arten (Weichtiere) leben in den Donau-Auen zwischen Neuburg und Ingolstadt. Ebenso 55 Prozent aller im Freistaat bekannten Libellenarten, davon ist etwa die Hälfte gefährdet. 30 Prozent der in Bayern lebenden xylobionten Käferarten (Holzbewohner) sind im Auwald nachgewiesen. Zwei Drittel aller Pflanzengesellschaften kommen dort vor, 60 Prozent der Vogel- und 85 Prozent der Amphibienarten. Der höchste Schutzstatus muss nach Ansicht Margrafs sein, weil die biologische Vielfalt in Wäldern ohne forstwirtschaftliche Nutzung deutlich erhöht ist, weil biologische Vielfalt - und auch der Erholungswert - mit steigender Naturnähe deutlich zunimmt und der bestehende Schutz nicht ausreicht. Nicht zuletzt, weil ungenutzte Bereiche und Wildnis in unserer Landschaft extrem selten geworden sind. Auen, so Margraf, seien die artenreichsten, aber auch gefährdetsten Lebensräume Mitteleuropas. Sie seien Zentren der Biodiversität, böten einen natürlichen Hochwasserschutz, sind Nährstofffilter, speichern Kohlendioxid und tragen zur Grundwasserbildung bei. Wie die Referentin anmerkte, hat eine Umfrage des Umweltministeriums ergeben, dass 85 Prozent der Bayern für einen Nationalpark sind. | kpf