Anfang 2017 hatte die Bundesopiumsstelle nach kritischer Prüfung etwa 1000 Patienten die Verwendung von echten Cannabisblüten als Medikament genehmigt. Die Zahl hatte sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Von der Bundesopiumsstelle wurde Cannabis bei Patienten mit unterschiedlichsten Diagnosen (Schmerzen, Depressionen, Panikattacken, Entzündungen) als wirksam anerkannt. Da eine Erstattung durch die Krankenkassen ausgeschlossen war, hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass finanziell schwach gestellte Patienten (häufige Situation bei schwerst erkrankten Patienten) die Möglichkeit gegeben werden müsse, Cannabis im häuslichen Rahmen selbst anzubauen. Die Entscheidung des Gesetzgebers zur Kostenerstattung durch Krankenkassen erfolgte, um einen flächendeckenden häuslichen Cannabisanbau zu verhindern.

Die häufigste akzeptierte Indikation zur Verwendung von Cannabis waren schwere Schmerzzustände. Allerdings hilft es bei dieser Indikation nur etwa jedem 3. Patienten. Durch die Vielzahl der anderen Wirkungen von Cannabis ist es trotzdem für einen Großteil der Tumorpatienten ein Segen: Es reduziert Ängste und Panikattacken, bremst Entzündungen, fördert den erholsamen Schlaf und lockert schwere Muskelverspannungen. Alles Beschwerden, die bei Tumorpatienten häufig als Begleitprobleme auftreten. Auch kann es Übelkeit bei Chemotherapie mindern und bei abgemagerten Patienten den Appetit anregen.

Daneben gibt es Hinweise, dass zum Teil Tumorzellen im Wachstum gebremst werden. Die Nebenwirkungen sind im Vergleich zu anderen Medikamenten sehr niedrig. Entzugssymptome stellen laut Auskunft der Fachleute im therapeutischen Zusammenhang nur ganz selten ein Problem dar. Bei Beginn mit kleinen Dosen und langsamer Steigerung werden Unverträglichkeiten normalerweise schnell erkannt. Das deutsche Bundesverwaltungsgericht hat schon 2005 festgestellt: "Das Recht auf körperliche Unversehrtheit. . . wird auch berührt .... wenn körperliches Leiden ohne Not fortgesetzt und aufrechterhalten wird."

Ärzte lernen, nach Therapieleitlinien anhand "gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse" zu arbeiten. Bei akuten Erkrankungen ist dieses Vorgehen sehr erfolgreich. Bei schweren chronischen Erkrankungen sind die langfristigen Ergebnisse oft wenig befriedigend. Hier hat Cannabis häufig auf ganz vielfältige Weise eine positive Wirkung. Wie viel Jahrzehnte müssen Schwerkranke noch warten, bis wir für alle medizinischen Indikationen bei Cannabis eine umfassende wissenschaftliche Datenlage haben?

Dr. Martin Gailhofer,

Eichstätt