Aus gesundheitlichen Gründen beende ich nach fast 20 Jahren meine Kassenarzttätigkeit, gehe aber, bezogen auf die Rahmenbedingungen, die ein Kassenarzt heute vorfindet, nicht mit wehem Herzen. Meine Patienten werde ich sicher sehr vermissen, die uns aufgebürdete Bürokratie, die immer abstruser werdenden Vorschriften und Vorgaben der Kassen und der Kassenärztlichen Vereinigung sicher nicht. Ein Gesundheitssystem, in dem die Krankheiten der Patienten nur noch unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet werden, ist unethisch und unmoralisch.

Die Zeit, die der Arzt in die Befriedigung der Interessen der Kassen und der Kassenärztlichen Vereinigung investiert, geht der erforderlichen Zuwendung zum Patienten verloren und ist in vielen Fällen unnütz. Zusätzlich besteht immer für den Arzt in Niederlassung die Gefahr des Regresses. Verordnet er falsch oder in den Augen der Kassen zu viel, wird dieses Geld dem Arzt in Rechnung gestellt. Leider werden oft als Referenz überalterte (d.h. preiswerte Medikamente) vorgeschrieben und der Patient von innovativen Medikamenten zum Teil ausgeschlossen (oder der Arzt zahlt die Zeche). Beispiel hierfür sind die Blutgerinnungshemmer der neueren Generation, die wesentlich teurer sind als Marcumar, welches schon seit vielen Jahren angewandt wird. Hierunter muss der Patient regelmäßig bei seinem Arzt eine Laborkontrolle machen lassen, dies entfällt bei den neuen Gerinnungshemmern. Auch sind bei den neuen Gerinnungshemmern unerwünschte Blutungen seltener.

Dass die Kasse nun auch noch die Menge eines Medikamentes, das der Patient einnimmt, bestimmen will, macht vielleicht den Arzt in Zukunft überflüssig. Kann ein Sachbearbeiter der Kassen dann die Aufgaben des Arztes übernehmen? Im nächsten Jahr werden alle Daten aller Patienten online verschickt, mit dem Risiko, dass Fremde Einsicht in die Krankengeschichte eines Patienten nehmen können. Dass Patienten sich dagegen nicht wehren, ist erstaunlich. Der Kassenarzt wird gezwungen, mitzumachen, wenn nicht, drohen Honorarabzüge (es geht wie immer um Geld und um umfangreiche Kontrollen: wird Transparenz genannt).

Gleichzeitig werden Ärzte aufgefordert, Diagnosenverschlüsselungen möglichst so zu gestalten, dass die Kasse aus dem Gesundheitsfonds möglichst viel Geld zugewiesen bekommt. Angeblich müssen Kassen sparen, horten aber gleichzeitig Milliarden Euro. Nicht gute Medizin, sondern billige Medizin ist die oberste Maxime für die Kassen zu Lasten der Patienten. Andererseits zahlen Kassen willig Reiseimpfungen, Yogakurse etc., um mit anderen Kassen konkurrieren zu können. Gleichzeitig sind die Vorschriften zur Führung einer Praxis mittlerweile so umfangreich, dass dafür ein eigenes Studium angesetzt werden kann, bis der Arzt die Vorschriften umsetzen kann. Es ist kein Wunder, dass junge Ärzte diesen Wahnsinn nicht mitmachen wollen. Es wird in Zukunft weniger Ärzte geben, auch wenn Landarztquoten und Anreize für die Niederlassung geschaffen werden. Der Bedarf an Ärzten wird aber in einer alternden und zugegeben auch sehr fordernden Gesellschaft, die für jede Kleinigkeit den Arzt konsultiert und umfangreiche Diagnostik wünscht, immer größer werden.

Ursula Anger, Gerolsbach

 

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Ich war erschüttet und wütend, als ich den Artikel über Dr. Schmauß gelesen habe. Sowohl aus Sicht einer examinierten Krankenschwester, die Dutzende Krebspatienten beim Sterben begleitet hat, als auch als Tochter eines krebskranken Vaters, den ich bis zu seinem Tod zu Hause begleiten konnte. Mein Vater hatte das Glück, eine Morphiumpumpe zu haben, und die Möglichkeit, bis zu einer begrenzten Menge sich bei Bedarf zusätzliches Morphium über die Pumpe zu verabreichen. Das ermöglichte ihm bis zu seinem letzten Tag, sich frei in der Wohnung zu bewegen und am Leben teilzunehmen. Aber vor allem ermöglichte es ihm ein würdevolles Sterben. Wie kann sich jemand vom Schreibtisch aus anmaßen, zu sagen, es wurden zu viele Schmerzmedikamente verschrieben? Jeder Mensch ist anders. Es gibt Richtmengen, aber es gibt auch unterschiedliche Schmerzen, unterschiedliches Schmerzempfinden und unterschiedliche Verträglichkeiten. Leider ist es nicht möglich, dass man die Schmerzen übertragen kann. Wenn die Entscheider nur eine Stunde die Schmerzen des Patienten ertragen müssten, dann würden wir diese Diskussion nicht führen.

Krebspatienten im Endstadium haben keine Angst vorm Sterben, sondern Angst, unerträgliche Schmerzen zu haben. Die AOK-Gesundheitskasse wirbt für die tollen Leistungen, die sie ihren Versicherten bietet. Vielleicht sollte sie mal damit anfangen, Sterbenden ein schmerzfreies Sterben zu ermöglichen. Mit der Familie fühle ich mit und ich hoffe, es war durch Dr. Schmauß für den Patienten erträglich.

Bettina Trautschold, Geisenfeld