Samstag, 04.02.2012 |

 

10.04.2007 20:12 Uhr | 121x gelesen
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Schuttermuttergotteskapelle ist eine Synagoge


Zu den Ausgrabungen am Viktualienmarkt:


Wochenlang las ich die Berichte über die Ausgrabungen auf dem Viktualienmarkt und wunderte mich immer wieder. Es ist immer nur von den Überresten der christlichen Schuttermuttergotteskapelle die Rede, auf die man gestoßen sei. Dabei wissen die Ingolstädter, die das Thema interessiert, seit nunmehr 19 Jahren, dass diese Kapelle nichts anderes als die nach der Ingolstädter Judenvertreibung von 1384 im Jahre 1397 umgewidmete jüdische Synagoge ist.

Ich selber habe nach dem ersten DK-Bericht umgehend die Archäologen an der Grabungsstelle und dann andere für die Grabungen zuständige Ingolstädter Stellen verständigt; als einziger der vielen Verantwortlichen hat sich der Stadtarchäologe Dr. Riedel von sich aus bei mir informiert, aber es ist offenbar nichts von alledem bisher ernst genommen worden, wenn sogar die zuständige Archäologin im Stadtrat immer nur von der Schuttermuttergotteskapelle spricht, die in der Tat kein so hohes Interesse beanspruchen könnte, wenn sie nicht mit der Synagoge identisch gewesen wäre. Ich fürchte, dass auch niemand der dafür von Amts wegen Verantwortlichen bisher die zuständigen Münchener Stellen – Israelitische Kultusgemeinde, Landesverband der Isr. Kulturgemeinden und Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur in Bayern an der LMU – verständigt hat. Schließlich war die Notgrabung nicht nur von lokalem, sondern von hohem landesgeschichtlichem und europäisch judaicahistorischem Interesse.

Die im Ingolstädter Stadtarchiv liegende, seit langem publizierte Urkunde Herzog Stephans d. Kneißels aus dem Jahr 1397 sagt ganz klar, dass er – als Eigentümer des konfiszierten Judenvermögens – die seit 1384 mitsamt dem ganzen Ghetto noch wohlerhaltene Synagoge der Stadt Ingolstadt übergibt, damit darin ein von ihm gestiftetes Messbenefizium für seinen "ältesten Kaplan" (und wohl Kanzlei-schreiber) Hans der Eseltreiber errichtet wird und dass der Messdienst darin täglich "auf ewige Zeiten" gehalten werden solle. Dieser Kaplan erhält zudem das ebenfalls wohlerhaltene Haus der 1384 vertriebenen Jüdin Ricklin als Benefiziatenhaus steuerfrei und zu Eigen zugesprochen. Die Stadt ("der Rat und die Bürger gemeiniglich"!) erhält die völlig unbeschädigten Häuser des Ghettos ("judenhof") mit der Synagoge ("judenschul") ausdrücklich als Eigentum zu treuen Händen, um "ein Kapellen daraus und darauf zu stiften und zu pawen ... in unser Frauen Ehr".

Dazu muss man wissen, dass "bauen" in der Amtssprache des Spätmittelalters soviel wie "betreiben", "sich von Amts wegen um etwas kümmern" heißt und erst in diesem Verantwortungszusammenhang auch "neu errichten" bedeuten kann, so wie wir es heute noch in den Begriffen "Bauer", "Baumannschaft", "Ackerbau", "Gartenbau" usw. haben.

Von Zerstörung und Neubau von Ghetto und Synagoge kann also überhaupt keine Rede sein, das würde aus dem historischen Zusammenhang heraus auch überhaupt keinen Sinn machen. Vielmehr hat die Stadt die bisher jüdische Synagoge damals zur christlichen Weiterverwendung in verlassenem, aber völlig intaktem Zustand anvertraut erhalten.

Theodor Straub

Gaimersheim




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