Eine Straße, zwei Häuser und eine Bushaltestelle erinnern heute noch an einen Teil der Ingolstädter Festung, der selbst echten Schanzern weit gehend unbekannt sein dürfte. Dabei schlummert inmitten der Stadt, im nordöstlichen Teil das Glacis, ein wahres Kleinod. Zwischen Rechberg- und Heydeckstraße liegen die zahlreichen noch erhaltenen Bestandteile der 1832 erbauten Fronte Rechberg.

Vier Jahrzehnte lang hat Johann Steiner im Auftrag des Freistaates Bayern die Überreste der bayerischen Landesfestung verwaltet. Wie kaum ein zweiter kennt er die Fronten, Kavaliere und Reduits, die Ingolstadt im 19. Jahrhundert gegen feindliche Angriffe hätten schützen sollen. Früher hat ihn das alles nach eigenem Bekunden überhaupt nicht interessiert. Mittlerweile hat sich seine Auffassung gewandelt. Steiner ist Vorstandsmitglied im Förderverein Landesfestung Ingolstadt und bietet ein oder zwei Mal im Jahr Führungen durch die Fronte Rechberg an. Am Samstag erläuterte er wieder einmal die Geheimnisse der alten Festungsbaukunst.

Kaponniere abgetragen

Erste Station war die Rückseite des südlichen Rechberghauses, das wie sein Schwesterhaus auf der anderen Straßenseite auf der früheren Kaponniere steht. Darunter versteht man ein frei stehendes Gebäude in einem Festungsgraben, der dadurch von zwei Seiten aus verteidigt werden konnte. Der obere Teil der Kaponniere aus dem Jahr 1840 wurde 1925 beim Bau der Rechbergstraße abgetragen. Der untere Teil ist noch erhalten und gut sichtbar. Die Bewohner der Häuser nutzen den erstaunlich tiefen Graben für ihre Kleingärten und als stadtnahes Erholungsgebiet: Wo früher scharf geschossen werden sollte, wachsen heute Tomaten und Radieschen. Ihr Wasser holen die Gartler aus einem unverrohrten Teil einer Künette, eines früheren Wassergrabens.

In diesem Abschnitt des Grabens befindet sich auch der einzige Zugang zu den ansonsten verschlossenen Minengängen. Stockdunkel ist es dort drin, aber erfrischend kühl. Die Gänge bilden ein weit verzweigtes unterirdisches Netz und hätten früher im äußersten Notfall gesprengt werden sollen, falls es dem Feind gelungen wäre, in die Festungsanlagen einzudringen. Gott sei Dank war dies aber nie nötig.

Gegenüber der Kaponniere liegt die v-förmige Kontregarde, womit allgemein das Außenwerk einer Festung bezeichnet wird. Im Laufe der Jahre ist dort eine wahre Idylle entstanden, die in Ingolstadt wohl ihresgleichen sucht. Umrahmt von hohen Ziegelsteinmauern, hat der Verein Wasserrose dort einen Teich mit Fischen und Wasserschildkröten angelegt, Baume und Sträucher gepflanzt und zahlreiche Volieren gebaut, wo diverse Vogelarten gehalten werden. Die Kontregarde mit ihren tonnenförmigen Gewölben dient den 200 Mitgliedern als gemütliches Vereinsheim.

Reduit wird saniert

Der militärische Charakter der ganzen Anlage wird auf dem Weg zum Reduit der Fronte Rechberg deutlich und eindrucksvoll vor Augen geführt. Deutlich zu sehen sind heute noch die Schießscharten der so genannten Galerien von Eskarpe und Kontereskarpe, der äußeren und der inneren Mauer des Festungsgrabens. Der Graben selbst wurde teilweise aufgeschüttet, wie etwa vor dem Reduit, das derzeit vom Freistaat Bayern saniert wird. Flankiert von gedeckten Wegen, hat sich dort auch der alte Waffenplatz erhalten.

Nach einem kurzen Abstecher zum Tor Heydeck auf der anderen Straßenseite, das laut Steiner eigentlich Neues Feldkirchner Tor heißt und jetzt den Freimaurern als Sitz dient, führte der Rundgang wieder zur Fronte Rechberg zurück. Aus dem 19. Jahrhundert haben sich noch Traversen (quer zum Wall stehende Aufschüttungen als Kugelschutz) und Flankenbatterien, also Stellungen für die Kanonen, erhalten.

Als Lkw-Stellplatz und Lager dient heute die Poterne, allgemein ein überbauter Gang in einer Festung, dessen Eingang an der Elbrachtstraße liegt. Die Soldaten benutzten früher diese sichere Möglichkeit, um einen Ausfall zu wagen oder Anlagen vor dem Wall zu erreichen. Die Poterne in Ingolstadt führt unter der Rechbergstraße hindurch: An einem ihrer mittlerweile versperrten Ausgänge ist durch ein Eisengitter das Kavalier Elbracht zu sehen.

Einige dieser tonnenförmigen Gewölbe wurden im 19. Jahrhundert als Wohnraum für die Soldaten genutzt. Auch in vielen anderen Fronten waren damals Soldaten dauerhaft untergebracht. Kälte und Feuchtigkeit führten allerdings zu einem hohen Krankenstand. Deshalb wurden die Friedenskasernen am Omnibusbahnhof gebaut, die der Unterkunft in Friedenszeiten dienten.

Da die aufschlussreiche Führung der Ingolstadt Tourismus und Kongress GmbH durch Privatgärten führt, wird sie nur zwei Mal im Jahr angeboten. Der nächste Termin ist der 14. Oktober. Wegen des großen Andrangs ist es empfehlenswert, rechtzeitig Karten bei der Tourist Information im Bürgerservicezentrum im Neuen Rathaus zu kaufen.