Kriegsstraßen gibt es heute noch, zum Beispiel hier in Großmehring oder auch in Gaimersheim. - Foto: Herbert
Es ist heute kaum noch bekannt, dass ein großer Teil des Verkehrswegenetzes in und um Ingolstadt im 19. Jahrhundert nur deshalb entstand, weil die Forts und Zwischenwerke der Landesfestung erreichbar sein mussten, und zwar möglichst schnell, auch mit schwerer Artillerie. "Man brauchte eine stärkere Befestigung der Straßen als bei einem normalen Fahrweg", weiß Ernst Aichner, Chef des Bayerischen Armeemuseums und bester Kenner der Ingolstädter Militärgeschichte. "Die Bürgermeister werden damals heilfroh gewesen sein, denn das waren Investitionen in die Zukunft, auch wenn die mit dem Militär nichts mehr zu tun hatten."

Streit um Pflasterzoll

Das in jeder Beziehung massive Straßenbauprogramm wurde vom Staat finanziert, wobei es laut Aichner immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Festungsplanern kam. Grund war der Pflasterzoll, eine wichtige Einnahme der Kommune. "Das Militär hat immer versucht, sich davor zu drücken, da gab es Diskussionsstoff."

Der äußere Ring der Forts – von Fort Hartmann im Westen bis Fort Prinz Karl im Osten – wurde zwischen 1875 und 1885 gebaut. Danach wuchs das Straßennetz aus rein militärischen Gründen bis Anfang des 20. Jahrhunderts kontinuierlich. Es galt vor allem, die Festungsanlagen untereinander zu verbinden. "Die Westseite galt als besonders gefährdet", sagt der Experte, und aus diesem Grund gab es praktisch eine durchgehende Kriegsstraße von Gerolfing über Etting und Hepberg bis Kösching und Großmehring. Auf der Südseite der Donau blieben dagegen größere Lücken. "Da gab es den großen Auwald, da hat man kaum einen Angriff des Gegners erwartet."

Nach Angaben Aichners wählten die damaligen Militärs Trassen möglichst außerhalb der Ortskerne – was vielfach bis heute dem Straßenverlauf entspricht, zum Beispiel in Oberhaunstadt und Lenting. Hintergrund: Im Belagerungsfall war damit zu rechnen, dass die Dörfer in Brand geschossen werden. "Ruinen oder brennende Häuser hätten den Truppentransport behindert", so der Museumsdirektor.

Wo im 21. Jahrhundert die Ingolstädter zum Einkaufen ins Gewerbegebiet Südost fahren – auf der Manchinger Straße –, wurde zwischen 1893 und 1904 eine militärische Route zwischen Fronte Streiter (Brückenkopf) und Zwischenwerk Station Manching geschaffen. "1893 Bau der Straße vollständig durchgeführt", heißt es dazu in Aichners Chronik, "1896 Abpflasterung der beiderseitigen Böschungen, 1899 Bepflanzen der Straßenränder mit Eschen begonnen, 1903 Bepflanzung der Straßenränder mit Obstbäumen fortgesetzt, 1904 begonnene Bepflanzung beendet."

Das riesige Investitionsprogramm der bayerischen Armee hatte also auch seine ökologische Seite. "Fast alle Straßen waren Alleen mit Obstbäumen", erklärt Aichner, "man hat sie meist an jemand verpachtet, der im Herbst die Äpfel ernten durfte."

Was die Verkehrsplaner bis in unsere Tage beschäftigt – eine Donauquerung im Westen Ingolstadts mit Straßentrasse durch den Auwald –, spielte auch für die Militärs im 19. Jahrhundert eine Rolle. "Es war wichtig, schnell das Ufer wechseln zu können", so Aichner, zum Beispiel zwischen den Forts in Gerolfing und bei Hagau. Nach seiner Ansicht wäre es durchaus realistisch gewesen, bei einer drohenden Belagerung der Landesfestung eine Pontonbrücke über die Donau zu bauen und auf kürzestem Wege die Truppen von Nord nach Süd zu verlegen. Aber so weit kam es dann doch nicht. Sowohl die Militärs als auch die späteren Straßenbauer haben den Auwald verschont.