Manching: 1,7 Millionen Tierknochen
Foto: Max Schmidtner
Manching

Bis zum letzten Platz war das Bavaria-Lichtspielhaus gefüllt, als am Ende einer viermonatigen Grabung ein Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege den Manchingern erklärte, was denn da eigentlich alles bei ihnen im Boden liegt. 25 Arbeiter hatten 6,5 Kilometer Suchgräben angelegt und mehr als 500 große Kisten mit Knochen, Scherben, Münzen, Schmuck, Werkzeugen und anderen Überresten zutage gefördert. Das Interesse an der „Hauptstadt der Kelten“, so der DONAUKURIER, war so groß, dass nicht nur Fachleute aus Europa und Nordafrika die Ergebnisse mit Spannung verfolgt hatten. Sogar Ministerpräsident Wilhelm Hoegner war nach Manching gekommen, um sich ein Bild von den Arbeiten zu machen. Denn das rätselhafte Volk der Kelten, das selber keine schriftlichen Überlieferungen hinterlassen hat, warf noch unzählige Fragen auf.

Das war im Jahr 1955. Und wenn die NATO den ab 1936 erbauten und nach dem Zweiten Weltkrieg demontierten Manchinger Flugplatz nicht dringend benötigt hätte und sogar erweitern hätte wollen, hätten das Landesamt, das Verteidigungsministerium und die US-Luftwaffe eine der größten Ausgrabungsaktionen in Bayern wohl nicht finanziert. Die Masse der Funde war selbst für die Archäologen überwältigend, wenngleich die Auswertung noch Jahre in Anspruch nehmen sollte. Dabei waren nicht nur keltische, sondern auch römische Objekte gefunden worden, die Zeugnis geben von den weitreichenden Handelsbeziehungen sowohl der Römer als auch der Kelten. Gegründet im 4. Jahrhundert vor Christus, war die Siedlung Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus schon im Niedergang begriffen. Die Römer besetzten 15 vor Christus das Voralpenland.

Die Grabung vor 60 Jahren war freilich nicht die erste in Manching, mit mehreren Tausend Bewohnern eine der größten Keltenstädte überhaupt. Vor allem die Mitglieder des Historischen Vereins Ingolstadt haben im 19. und 20. Jahrhundert „Scherben“ gesammelt und aufbewahrt, erste archäologische Grabungen fanden 1892 statt. 1937/38 erfolgte dann die erste planmäßige Untersuchung eines Abschnitts des über sieben Kilometer langen Ringwalls um das rund 380 Hektar große Oppidum. Doch nach den schweren Zerstörungen durch den Bau des Flugplatzes wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs das Gelände von etlichen Bomben nochmals schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Nach der ersten systematischen Grabung durch das Landesamt für Denkmalpflege übernahm 1956/57 die Römisch-Germanische Kommission mit Sitz in Frankfurt diese Arbeit. Immer wieder sind die Fachleute seitdem angerückt und haben neue Erkenntnisse gesammelt, nicht selten kam es zu Rettungsgrabungen in letzter Minute. Eine ganze Buchreihe füllen die Ergebnisse der Wissenschaftler, wobei die Auswertung aller Funde wohl nie zu schaffen sein wird. Vor zehn Jahren hat man einmal grob gezählt: Danach fanden die Archäologen in Manching 1,7 Millionen Tierknochen, 650 000 Keramiken, 65 000 Metallstücke und rund 2000 Münzen.

Dabei sind erst wenige Prozent der Fläche ergraben worden. Dennoch zählt Manching, von den Römern Vallatum genannt (der keltische Name ist unbekannt), zu den am besten erforschten keltischen Städten. Zu den bedeutendsten Funden zählt ein Depot von fast 500 Goldmünzen, ein Kultbäumchen, eine Pferdeplastik aus Eisenblech oder die Boios-Scheibe, das älteste Schriftdenkmal Bayerns, das nach Jahren jetzt wieder im Kelten- und Römermuseum zu sehen ist. Dort lagern auch die beiden Römerschiffe, die am Barthelmarktgelände entdeckt wurden.

60 Jahre nach dem Beginn der systematischen Erforschung zieht sich die Kommission zurück. Wie zu erfahren war, haben sich die Forschungsschwerpunkte verlagert. Wissenschaftliche Grabungen und deren Auswertung sind außerdem nicht ganz billig. Im Jahr 2016 will die Kommission dann Bilanz ziehen.